Wochenkommentar

Wandel als Chance – aber von nichts kommt nichts

Der rote Knopf ist gedrück: Die »Papieri» mach dicht. (Foto: Hanspeter Bärtschi)

Der rote Knopf ist gedrück: Die »Papieri» mach dicht. (Foto: Hanspeter Bärtschi)

Auf den Spürsinn, die Innovationskraft und die Leistungsbereitschaft von Unternehmern kommt es an, wenn der Wirtschaftsraum Kanton Solothurn nicht nur eine grosse Vergangenheit, sondern auch eine gute Zukunft haben soll.

Bally, Lanco, Von Roll, Kantonalbank, Baumgartner Frères, Cellulose Attisholz, Sulzer, Autophon, Scintilla: Eine unvollständige Aufzählung grosser Namen grosser Firmen, die hier einst Tausende beschäftigt haben. Die meisten dieser «Grossen» sind samt den Jobs verschwunden; manche haben ihre Produktion ins Ausland verlagert. Von einzelnen existieren (teilweise unter neuen Namen) im besten Fall «Restbestände», die auf dem Arbeitsmarkt aber eine eher bescheidene Rolle spielen. Nach der bevorstehenden Schliessung der 149-jährigen «Papieri» Biberist wird praktisch nur noch das Stahlwerk Gerlafingen für die «alte» Industrietradition im Kanton stehen.

Regierungsrätin Esther Gassler hat im Zusammenhang mit dem Aus für die Papierfabrik erklärt, dass «im Wandel immer auch eine Chance» steckt. Dies ist momentan ein schwacher Trost für die 550 Menschen, die jetzt ihren Job verlieren. Deshalb steht der Kanton in der Pflicht, ihnen alle möglichen Hilfestellungen zu bieten. Dass die Volkswirtschaftsdirektorin aber nicht völlig falsch liegt, beweist ein Blick zurück: Die grosse Krise in der Uhrenindustrie liess den Kanton in den 1980er-Jahren national zu einem der Spitzenreiter in Sachen Arbeitslosigkeit werden und prägte für lange Zeit das Image des «Krisenkantons». Ausgerechnet die damals totgesagte Uhrenbranche war es dann, die wesentlich zum Wiederaufschwung beitrug. Ja, der Erfolg der «Billiguhr» Swatch – entwickelt in Grenchen – und die daraus resultierenden Impulse wurden zum Wirtschaftsmotor im Raum zwischen Solothurn und Genf.

Medical Cluster spielt wirtschaftlich eine tragende Rolle

Das Flair für Präzision und Kleinstteilchen, das hiesige Arbeitskräfte in den «alten» Branchen der Uhren- und Décolletage-Industrie entwickelt haben, machte sich auch die Medizinaltechnik bald zunutze. Zum Pionier Mathys stiessen Firmen wie Stryker, Synthes, Thommen, Ypsomed. So entstand ein eigentlicher Medical Cluster, der volkswirtschaftlich längst eine tragende Rolle spielt. Allerdings: Der Wandel geht auch in den «neuen» Branchen schnell vor sich. Besser gesagt: noch schneller. Dies zeigt das Beispiel der Firma Synthes. Diese wird demnächst in Solothurn ihren neuen Europa-Hauptsitz beziehen. Doch wie lange der imposante Beton-Glas-Palast in dieser Funktion dienen wird, muss sich angesichts des gerade eben erfolgten Verkaufs des Medtech-Unternehmens an den US-Multi Johnson & Johnson erst noch weisen.

Kurz: Am Wachsen und Gedeihen der Uhrenindustrie und der Medizinaltechnik in der Region dürfen wir uns hoffentlich noch lange erfreuen. Die Erfahrung lehrt allerdings, dass grosse Player mitunter auch zum Klumpenrisiko werden können. Erst recht dann, wenn das Entscheidungszentrum weitab vom hiesigen Produktionsstandort, irgendwo in einer anonymen Konzernzentrale, liegt. Eine breite Abstützung auf verschiedenste Branchen und Firmen, kleine und grosse, muss denn auch künftig die Stossrichtung sein. Der Schlüssel hierzu liegt allerdings in allererster Linie bei den Unternehmern und Investoren. Auf ihren Spürsinn, ihre Innovationskraft und ihre Leistungsbereitschaft kommt es an, wenn der Wirtschaftsraum Kanton Solothurn nicht nur eine grosse Vergangenheit, sondern auch eine gute Zukunft haben soll.

Der Staat, die öffentliche Hand, kann dabei nur Hilfestellung bieten und mit attraktiven Rahmenbedingungen eine möglichst fruchtbare Basis schaffen. Mit dem Kauf eines grösseren Teils des Borregaard-Areals in Luterbach hat sich der Kanton unlängst immerhin in die Lage versetzt, bei Neuansiedlungen selber eine aktive, bestimmende Rolle spielen zu können. Warum soll er das im Fall der künftigen riesigen Industriebrache der «Papieri» in Biberist nicht gleich noch einmal tun? Der Wandel bietet Chancen, ja. Aber von nichts passiert nichts.

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