Im Hotel und Restaurant La Couronne in Solothurn sitzen die letzten Gäste beim Frühstück. Selam Eyasu räumt einen Tisch ab und bringt das Geschirr hinter die Theke. Sie ist eine der 38 ersten Teilnehmenden des Projekts Integrationsvorlehre (Invol) für anerkannte oder vorläufig aufgenommene Flüchtlinge im Kanton Solothurn.

Mit 15 Jahren ist sie mit ihren zwei Schwestern aus Eritrea in die Schweiz geflüchtet. Danach wohnte sie zuerst im Durchgangsheim in Selzach. Seit zwei Jahren hat sie eine eigene Wohnung in Biberist. Seit zwei Monaten ist die 19-jährige, zierliche Eritreerin nun in der «Couronne» angestellt. Es ist ihre erste Ausbildung.

Danach möchte sie gerne die Lehre als Restaurationsfachfrau absolvieren. «Am liebsten decke ich die Tische auf oder bediene die Gäste auf der Terrasse», sagt sie. Es freue sie, dass die Gäste sich manchmal nach ihrer Herkunft erkundigen oder sie fragen, wie etwas in ihrer Sprache heisst. Was ihr an der Ausbildung nicht gefällt? «Ich habe kaum mehr Zeit für meine Freunde», antwortet sie. Dafür habe sie an der Schule neue Freunde gefunden, einige seien auch aus Eritrea.

Zwei Tage Schule, drei Tage Arbeit im Betrieb

Zur selben Zeit wie Selam Eyasu hat auch Lamis Albakr ihre Vorlehre gestartet. Die Aufgaben der 22-jährigen Syrerin sind unter anderem Wäsche waschen, die Bar reinigen und die Hotelzimmer herrichten – letzteres mache sie mit Abstand am liebsten. «Es gibt nichts, was ich nicht gerne erledige. Ausser wenn ich etwas unter Zeitdruck machen muss», sagt sie lachend.

In Syrien hatte sie ein Jahr lang das Gymnasium in Damaskus besucht. «Wegen des Krieges musste ich in die Schweiz fliehen.» So kam sie vor drei Jahren mit ihren Eltern und ihrer Schwester nach Solothurn. Sie hat schon an vielen Orten gearbeitet: unter anderem in der Genossenschaft «Läbesgarte» in Biberist und in einer Kindertagesstätte in Solothurn. Aber sie konnte nie eine Ausbildung machen. Bis jetzt.

Nun geht sie zusammen mit Selam Eyasu in eine Integrationsklasse. Sie haben pro Woche zwei Tage Schule und arbeiten drei Tage im Betrieb. «Ich habe noch etwas Mühe mit der deutschen Sprache», sagt sie. Dafür besuche sie den Mathematikunterricht sehr gerne.

Beide haben die Erwartungen des Direktors übertroffen

Roman Oschwald, Direktor der «Couronne», ist vom einjährigen Integrationsprojekt begeistert. Die Berufsschulen hätten die Betriebe letzten Herbst angefragt, ob sie beim Projekt mitmachen wollen. «Da haben wir uns sofort angemeldet», sagt Oschwald. Es sei wichtig, dass junge Menschen, die in die Schweiz kommen, auch die Chance hätten, eine Ausbildung zu machen.

Die «Couronne» bildet in vier verschiedenen Berufen reguläre Lehrlinge aus: Restaurationsfachleute, Hotelfachleute, Köche und Hotelkommunikationsfachleute. In jedem Beruf haben sie zurzeit zwei Lehrlinge, also insgesamt acht. Die zwei zusätzlichen Praktikantinnen hätten sie natürlich auch mit der Idee eingestellt, dass sie in einem Jahr die Lehre anfangen könnten.

Beide hätten seine Erwartungen übertroffen. «Selam traute sich beim Schnuppern kaum, vor Gäste zu stehen.» Heute gehe sie ohne Hemmungen auf sie zu, erkläre, räume den Tisch ab und habe keine Angst mehr davor, mit den Gästen zu kommunizieren. Er müsse gestehen, dass zu Beginn eine gewisse Angst da gewesen sei, dass einige Gäste vielleicht unangemessen reagieren könnten. Diese Angst sei aber komplett unbegründet gewesen.

Einziges Manko: Die Zeitplanung

«Ich kann das Invol-Projekt total weiterempfehlen», sagt Oschwald. Das Wort Flüchtling sei ein Überbegriff, der mit Vorurteilen behaftet sei. Bei den Projektteilnehmern handle es sich um motivierte und wissbegierige Menschen. «Das war ein Kriterium dafür, dass sie überhaupt ins Projekt aufgenommen wurden.»

Für die Couronne seien die beiden Praktikantinnen eine Bereicherung «Man hat zudem sehr wenig bürokratischen Aufwand – dieser wird dem Betrieb komplett abgenommen».
Der einzige Punkt, den Oschwald am Projekt bemängelt, ist die Zeitplanung. «Die Anmeldung war im Herbst letztes Jahr und dann haben wir sehr lange nichts mehr gehört», sagt er. So konnten die Verträge erst im Juli unterschrieben werden, was aus seiner Sicht etwas zu kurzfristig gewesen sei.

Eine Herausforderung könne natürlich auch die Kommunikation darstellen. Er müsse sich immer wieder daran erinnern, auch an Teamsitzungen hochdeutsch und langsam zu reden. «Und die Praktikantinnen müssen sagen, wenn sie etwas nicht verstanden haben.» Bis jetzt klappe das aber sehr gut und die Praktikantinnen und Lehrlinge würden einander unterstützen.

«Diese Vorbildung hat nur Vorteile», ist sich der Direktor sicher. Damit habe man eine Perspektive, «ohne Ausbildung bleiben diese jungen Menschen ewig in einer Aushilfsposition stecken.»