Solothurn
Versuchte Entführung wirft viele Fragen auf

Nach einer mutmasslichen versuchten Entführung mussten sich gestern zwei aus dem Balkan stammende Männer vor dem Amtsgericht Solothurn-Lebern verantworten.

Angèle Kopf Knipp
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Amtsgericht Solothurn

Amtsgericht Solothurn

Solothurner Zeitung

Bei der gestrigen Verhandlung vor dem Amtsgericht Solothurn-Lebern sind die Hintergründe eines tätlichen Konflikts zwischen mehreren aus dem Balkan stammenden Männern laut Staatsanwalt Martin Schneider «nicht wirklich klar geworden». Ein Kosovare beschuldigte ein Brüderpaar sowie deren Schwager der versuchten Entführung. Gegenüber der Zentralbibliothek Solothurn sollen die drei Männer am frühen Abend des 15. Juni 2010 versucht haben, ihr Opfer gewaltsam ins Auto zu zerren. Dabei soll nach Aussagen des Geschädigten allein seine Wehrhaftigkeit bewirkt haben, dass den drei angeblich mit Messer und Pistole bewaffneten Angreifern weder die geplante Entführung noch der angedrohte Mord gelang.

Lohnforderungen waren der Grund

Grund für den Überfall sollen Lohnforderungen des Geschädigten gegenüber den beiden Brüdern in einer Höhe von rund 1300 Franken sein, was allerdings keine befriedigenden Antworten auf manche der in der Verhandlung aufgeworfenen Fragen liefert. Warum beschuldigt der Geschädigte den an der Verhandlung abwesenden Schwager, ihn mit einer Eisenstange niedergeschlagen zu haben – obwohl doch der eine der Brüder schon bei der ersten polizeilichen Einvernahme gestanden hatte, selbst den Schlag ausgeführt zu haben?

Wie ist die obszöne SMS des Opfers an die Brüder vom Vortag zu deuten, in der von einer Geldschuld keine Rede ist? Sind die drei Männer tatsächlich mit dem Messer auf den Geschädigten losgegangen, oder war er es am Ende selber, der den tätlichen Konflikt anzettelte und in Notwehr niedergeschlagen wurde? Und schliesslich: Was ist an den Bestechungsvorwürfen des Bruders des Geschädigten dran, die Beschuldigten hätten mit grossen Summen versucht, die Strafverfolgung abzuwenden?

Wessen Aussagen sind verlässlich?

Die zahlreichen Widersprüche in den Aussagen des Geschädigten stiessen an der gestrigen Verhandlung sogar den Staatsanwalt Schneider vor den Kopf. Es sei noch nie passiert, dass er «wie ein Verteidiger» auftrete, doch der Geschädigte sei offenbar «kein Unschuldslamm». Obwohl er mehrere Anklagepunkte fallen liess, wies er das Argument der Notwehr zurück. Der ältere der Brüder habe erst im Nachhinein eine Notwehrsituation geltend gemacht, um glimpflich davonzukommen. Entsprechend forderte er eine bedingte Geldstrafe und die teilweise Auferlegung der Verfahrenskosten.

Das Urteil steht noch aus

Ganz anders sah es der Anwalt des mutmasslichen Schlägers. Bruno Burch betonte, es gebe in den Aussagen seines bis anhin «unbescholtenen Mandanten» keine Widersprüche, sondern nur Ergänzungen. Manche Polizisten seien eben «eher für die Feldarbeit» geeignet denn fürs Protokollschreiben: Die Aussagen seines Mandanten seien nicht vollständig erfasst worden. Auch die Zivilforderungen des Geschädigten wies er als «ungerechtfertigt» zurück. Die vom Opfer für sich in Anspruch genommene «depressive Verstimmung» sei nicht auf die Kopfverletzung zurückzuführen, die laut ärztlichem Befund ohnehin seit November 2010 gänzlich ausgeheilt sei. Das Urteil wird in den nächsten Tagen erwartet.