Als es ernst wurde, handelte Peter Gross unverzüglich. Der Generaldirektor bei der Schweizerischen Bankgesellschaft simulierte einen Beinbruch, um unnötige Termine abzuschütteln. Er brauchte Zeit für das Wesentliche: die Rettung der Schweizer Uhrenindustrie.

Es war zu Jahresbeginn 1981. Auf den Angriff der Japaner war die Schweizer Uhrenindustrie nicht vorbereitet gewesen, Bankschulden türmten sich auf. Als die grosse SSIH, zu der die Marken Omega und Tissot gehörten, dringend weiteres Geld brauchte, schlug die Stunde des Bankers Gross, durch frühere Mandate bereits in der Uhrenbranche beschlagen. «Reichlich spät entschieden die Senioren der Bankleitung, dem Trauerspiel samt den monatlichen Überbrückungskrediten ein Ende zu bereiten», hält er heute fest. Sanierer Gross, nun CEO der SSIH, musste ausbügeln, dass die Banken zu lange «allzu leichtfertig» Kredite eingeräumt hatten. Nun hat Gross seine damaligen Erlebnisse niedergeschrieben: Im Historischen Jahrbuch 2016 des Kantons Solothurn publiziert, das gestern in Grenchen Vernissage feierte. Wäre Nicolas G. Hayek je zur Swatch gekommen, wenn es Gross nicht gäbe? Die Frage muss sich stellen, wer liest, was Gross über Gross schreibt.

Innensicht aus erster Hand

Männer, und Frauen, können auf zwei Arten Geschichte schreiben. Die einen schreiben sie als Akteure: Sie prägen durch ihr Handeln ihre Zeit (bestenfalls) etwas mit. Die anderen, die Historiker, kommen später zum Zug.

Peter Gross, heute 85, ist einer, der das eine getan hat und das andere nicht lassen will. An vorderster Front hat er Solothurner Wirtschaftsgeschichte mitgeschrieben. In den 1980er-Jahren half er bei der Überwindung der Uhrenkrise. In den 1990er-Jahren wickelte der Zürcher Jurist als Präsident des ausserordentlichen Bankrats die Solothurner Kantonalbank ab. Bis 2011 war er Vizepräsident des Swatch-Verwaltungsrates.

Heute nun schreibt Gross seine Leistungen nieder. 2014 erinnerte er im Jahrbuch des Historischen Vereins an das Kantonalbankdebakel, nun beleuchtet er sein Wirken in der Uhrenindustrie. Gross tut dies sehr offen, mit hübschen persönlichen Anekdoten, bissigen Seitenhieben – und selbstbewusst.

Zurück ins Jahr 1981. Sanierer Gross erkennt eine verheerende Modellvielfalt: Es gibt bei Omega über 1000 Modelle. Es gibt «unverdaute Firmenzukäufe». Optimierungs- und Rationalisierungsanstrengungen unterbleiben. Die korporatistische Struktur hemmt das Unternehmertum. Die Kader «hetzten» von Verbandssitzung zu Verbandssitzung. «Sie verblöterleten viel Zeit.»

Gross holte nun Nicolas G. Hayek als Berater. Hayek war ihm bekannt, da er bei der Bankgesellschaft schon interne Vorgänge analysiert hatte. An einem Dienstag, «ungefähr um 16 Uhr», rief Gross noch aus einer Verwaltungsratssitzung am Jurasüdfuss Hayek in Zürich an. Um 19 Uhr stand dieser in Biel. In einer Beiz oberhalb der Taubenlochschlucht sass man zusammen. – Nicht zum letzten mal fielen wichtige Entscheide von Gross beim Essen in Restaurants. Auf der Rückseite der Menükarte wurde Hayeks Auftrag formuliert. Der spätere Uhrenkönig legte das Schwergewicht auf Materialeinkauf und Logistik, die 40 Prozent der Kosten ausmachten. «Das angeschlagene Tempo war horrend. Es galt, die Verlustquellen zu stopfen», so Gross. Blitzschnell habe Hayek Zusammenhänge erfasst. «Niki war ein aussergewöhnlicher Mensch und Unternehmer.»

«Ühreler galten als wenig seriös»

«Mausbeinallein» habe er sich manchmal gefühlt, erklärt Gross. Die Widerstände in der Bankenwelt gegen die Uhrenbarone seien gross gewesen. «Die Ühreler galten als wenig seriös. Sie lebten von der Hand in den Mund. In guten Zeiten wurde mit der grossen Kelle angerichtet. Frauen, Pferde, schnelle Autos, Flugzeuge, Jachten, teure Ferien hatten gegenüber zukunftsorientierten Investitionen Vorrang. Und in schlechten Zeiten assen sie Cervelats, verbunden mit Gejammer und Bittgängen ins Bundeshaus.»

Die grosse Stunde schlug 1983. Unter Regie der Banken kam es zum Zusammenschluss der beiden grossen Player: Der Asuag und der SSIH, bei der Gross war. Und Hayek war wieder dabei. Als sich bei der Asuag «im Laufe des Jahres 1981 ebenfalls ein Sinkflug» abgezeichnet habe, sei man sich in Bankenkreisen sofort einig gewesen, «die Hayek-Engineering müsse wie zuvor bei der SSIH unverzüglich in Aktion treten», so Gross. Er selbst hat ein Geheimtreffen im Hotel Victoria-Jungfrau in Interlaken in die Wege geleitet. Dort sei im kleinen Kreis in einem Strategieworkshop «klar die entscheidende Weichenstellung für die Zukunft, nicht nur für die neu zu bildende Gruppe, sondern wohl irgendwie auch für die ganze Schweizer Uhrenindustrie» vorgenommen worden. Die SMH, die seit 1998 «Swatch Group» heisst, war geboren. Nicolas G. Hayek war nicht Gründer, wie die Swatch heute schreibt. Das taten die Banken, so Gross. Hayek war «nur» Berater. Noch gehörte ihm die Swatch Group nicht. Doch dazu später.

Kritik wird zurückgewiesen

Peter Gross ist nicht der einzige damalige Akteur, der sich in der Zwischenzeit öffentlich geäussert hat. Gerade der Zusammenschluss zwischen SSIH und Asuag löste viele Diskussionen aus. Peter Renggli, ehemaliger Asuag-Direktor, erklärte öffentlich, dass der Zusammenschluss nicht notwendig gewesen sei. Die Asuag sei damals, auch dank der Swatch-Uhr, schon auf dem Weg der Besserung gewesen. Gross weist dies von sich. Renggli überschätze sich gewaltig. «Wer einigermassen nüchtern abwägt, in welchen Phasen jeweils wie viele finanzielle Mittel erforderlich waren, erkennt rasch, dass derartige Behauptungen barer Unsinn sind.» Gross kann sich dabei auf eine sorgfältige Dissertation des Oekingers Bruno Bohlhalter stützen. Renggli auf eine Studie von ETH-Forschern.

Hayeks 60 Millionen Franken

1985 kam die SMH/Swatch dann in Hayeks Besitz. Wieder spielte der Banker Peter Gross eine entscheidende Rolle, wieder war ein Mittagessen angesetzt. «Im Rosenzimmer des Mövenpick Drei Könige in Zürich legte Hayek mir dar, er besitze rund 60 Millionen Franken. Statt diese an der Börse anzulegen, schwebe ihm der Erwerb eines Unternehmens vor», leitet Gross das entscheidende Treffen ein. Hayek wollte von Bankdirektor Gross Namen von Firmen wissen, die er kaufen könnte. Plötzlich, so Gross, die Idee: «Ich meine, wir beide seien eigentlich Esel. Weshalb denn in die Ferne schweifen? Alle die genannten Kriterien träfen auf die Uhrenindustrie zu.» Kam der findige Nicolas G. Hayek also eher zufällig beim Mittagessen zur Swatch? Ein wenig legt es Gross nahe.

Die Banken jedenfalls waren zum Verkauf bereit. Im Januar 1985 wurde zwischen Hayek, unterstützt von potenten Geldgebern, und den involvierten Banken ein Vertrag geschlossen. Bankgesellschafts-Mann Gross konnte den Kollegen vom ebenfalls involvierten Konkurrenten Bankverein in einem Sechsaugengespräch mit Hayek vom Deal überzeugen. «An der Wandtafel skizierten wir Finanzierungslösungen. Das bereitgestellte Essen in Nikis Sitzungsraum blieb stehen.» Die These der Buchautorin Bettina Hahnloser, dass die SMH/Swatch schon wieder auf Kurs gewesen sei, als sich Hayek das Unternehmen «zu einem überaus vorteilhaften Preis» sicherte, bestreitet Gross: «Die zeitliche Abfolge der wirklichen Geschehnisse wird hierbei völlig vernachlässigt.» Es habe nie einen Masterplan gegeben, so Gross. «Wir kamen von einer Situation in die nächste.»

Auffällig ist: Der Grenchner Ernst Thomke, dem grosse Verdienste bei der Swatch-Uhr und der Firmensanierung zugeschrieben werden, scheint für Gross schlicht keine Rolle zu spielen. 18 Personen hätten an der Swatch mitgearbeitet. «Auch wenn einzelne Egomanen immer wieder ihre Leistung als allein entscheidend darzustellen versuchen.» Auf Nachfrage betont Gross, dass er Thomkes «Intelligenz» anerkenne. «Aber wir haben das Heu definitiv nicht auf der gleichen Bühne.» Auch bei der Sanierung der Marke Omega spricht Gross Thomke die Verdienste ab. «Das meint er wohl.» Schon viel früher sei bei der SSIH das Nötige aufgegleist worden: Omega als A-Marke wie Mercedes, Tissot als B-Marke wie Ford.

«Ein wichtiger Bericht»

Unproblematisch ist es aus Sicht des Historikers nie, wenn ein Mann, der einst an vorderster Front tätig war, selbst ein historisches Urteil über seine Arbeit fällt. Autor Peter Gross scheint sich dessen bewusst: Er deklariert seine Erinnerungen auch als persönlichen «Erlebnisbericht». Ihren Wert haben sie trotzdem, nicht nur der Anekdoten und der teilweise sehr persönlichen Einblicke wegen: «Angesichts der Kontroversen, die sich in letzter Zeit um diese Thematik erhoben haben, ein interessanter und wichtiger Bericht», hält Alfred Seiler, Präsident der Redaktionskommission des Historischen Jahrbuchs, fest.

Mythen und Legenden ranken sich um die Gründung der Swatch. Peter Gross’ Bericht wird Historikern Bausteine liefern, damit sie einige Vorgänge besser einordnen können. Und in anderen Fällen werden sie vielleicht Legenden enttarnen müssen, die Gross selbst mitschreiben könnte.