Langfinger

Velodiebe müssen sich nicht im Geringsten fürchten

Die Bahnhöfe (im Bild Solothurn) sind oft der Tatort für Velodiebstähle.

Die Bahnhöfe (im Bild Solothurn) sind oft der Tatort für Velodiebstähle.

Der Diebstahl von Fahrrädern grassiert: 2010 wurden im Kanton Solothurn täglich 4, im Kanton Bern 21 Velos geklaut. Die Diebe werden aber nur in den seltensten Fällen gefasst.

Die Zahlen sind eindrücklich: Im Kanton Solothurn wurden im vergangenen Jahr 1330 und im Kanton Bern 7742 Fahrräder geklaut. Dabei handelt es sich nur um die bei der Polizei zur Anzeige gebrachten Diebstähle, wie Heinz Pfeuti, Mediensprecher bei der Kantonspolizei Bern, präzisiert. Die Dunkelziffer dürfte um einiges höher liegen, weil, aus welchen Gründen auch immer, nicht alle Besitzer den Diebstahl melden. Bruno Gribi, Sprecher der Kantonspolizei Solothurn, bestätigt dies. «Aber wie hoch die Dunkelziffer ist, kann von uns nicht beurteilt werden.»

Wie verbreitet der Velodiebstahl ist, zeigen auch die Zahlen der Polizeilichen Kriminalstatistik für die ganze Schweiz. 47268 Fahrräder wurden demnach bei den Polizeistellen als geklaut gemeldet – oder 115 Velos pro Tag. Kein Wunder, spricht Pro Velo, der Dachverband der Velofahrenden, von «einem grossen Ärgernis». In einer Umfrage zum Velostädte-Rating hätten 48 Prozent der Befragten angegeben, in den letzten Jahren von Velodiebstahl betroffen gewesen zu sein.

Als besonders stossend wird empfunden, dass nur die wenigsten der Veloklauer gefasst werden. Das zeigen die Aufklärungsquoten. Diese beträgt mickrige 1,4 Prozent (Kanton Bern), 1,7 Prozent (Kanton Solothurn) und landesweit 1,6 Prozent (siehe Tabelle). Heisst das, dass die Polizei ihre Arbeit nicht macht und sich die Fahndungsbereitschaft in Grenzen hält? «Wie Beispiele aus dem Ausland zeigen, kann die Aufklärungs- und Rückführungsquote durch konzentrierte und spezialisierte Polizeiarbeit massgeblich verbessert werden», schreibt Pro Velo in einer Resolution. Das Delikt Velodiebstahl müsse nun ernst genommen werden.

«Alle Anzeigen werden bearbeitet. Auch die Polizei will derartige Straftaten aufklären», wehrt sich Polizeisprecher Pfeuti gegen diese Vorwürfe. Man überprüfe Fahrräder – gerade auch abgestellte – sporadisch, um sie an die rechtmässigen Besitzer zurückgeben zu können. «Velodiebstähle werden bei uns nicht als Bagatelle, sondern als Straftatbestand beurteilt», ergänzt Bruno Gribi von der Solothurner Kantonspolizei. Eine flächendeckende Kontrolle sei allerdings nicht möglich und die Verhältnismässigkeit müsse bewahrt bleiben. «Aber wir machen das Möglichste.»

Zudem sage, so Heinz Pfeuti,die erwähnte Aufklärungsquote nicht alles aus. Denn dabei handle es sich um jene aufgeklärten Fälle, bei denen die Fahrraddiebe ermittelt werden konnten. «Ein grosser Teil der gestohlenen Fahrräder wird aber aufgefunden, ohne dass dabei der Täter bekannt ist.» Sein Berufskollege Gribi nennt dazu Zahlen. «2010 haben wir 889 herrenlose Fahrräder eingesammelt, welche entweder den Besitzern wieder ausgehändigt werden konnten oder welche dann nach einem Bewilligungsverfahren verwertet worden sind.» Problem sei, dass Velos oft nicht den Besitzern ausgehändigt werden könnten, weil die Halterangaben ungenügend oder gar nicht vorhanden seien.

Die hohe Zahl der wiedergefundenen Fahrräder zeige auch, dass vielfach keine Bereicherungsabsicht hinter dem Diebstahl stecke, sondern die Entwendung zum vorübergehenden Gebrauch. «Die Diebe leihen sich das fremde Velo sozusagen aus», sagt Gribi, ohne das Delikt verharmlosen zu wollen. Es gibt denn auch wenig Hinweise, dass Velodiebstähle bandenmässig durchgeführt werden. Pfeuti: «Explizit sind bei der Kantonspolizei Bern aus der letzten Zeit keine derartigen Fälle bekannt. Dass Fahrräder ins Ausland transferiert werden, ist jedoch nicht auszuschliessen.»

Dass so wenige Fahrraddiebe dingfest gemacht werden können, hat «technische» Gründe. «Häufig fehlen genauere Angaben wie Rahmen- oder Vignetten-Nummern. Somit fehlen dann bei Personenkontrollen oder Überprüfungen die Ermittlungsansätze», erläutert Pfeuti. Zudem würden gestohlene Fahrräder oft erst nach längerer Zeit gemeldet. «Wenn keine Diebstahlanzeige vorliegt, kann einem Radfahrer nur selten die Fahrt mit einem gestohlenen Velo nachgewiesen werden.» Die schwierige Identifizierung bereitet auch Pro Velo Sorgen. «Durch den Wegfall der Velovignette 2012 wird dies noch schwieriger», sagt Stefan Jordi, Präsident von Pro Velo Bern. «Die ersatzlose Streichung der Vignettenpflicht ohne Ersatz durch ein anderes System finden wir nicht optimal.»

Die schwierige Eigentümerzuordnung bei Fahrrädern sei auch der Hauptgrund, warum Auto- oder Motorraddiebstähle viel häufiger aufgeklärt werden. «Diese Motorfahrzeuge sind aufgrund der Kontrollschilder und der Registrierung in einer zentralen Datenbank viel rascher und einfacher zu identifizieren», sagt Gribi. Beide Polizeisprecher betonen, dass die unterschiedliche Aufklärungsquote nichts mit der Schwere des Delikts zu tun hat. «Strafbare Handlungen werden von der Polizei verfolgt, unabhängig von der strafrechtlichen Beurteilung.»

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