Dilemma der CVP
Urs Altermatt: «Ich schlage eine Union der CVP und BDP vor»

Der Solothurner Historiker Urs Altermatt spricht im Interview über sein neues Buch zur CVP. Im Buch «Das historische Dilemma der CVP» schreibt er über die Herausforderungen, die der Partei bevorstehen.

Andreas Toggweiler
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Der Historiker Urs Altermatt sieht die CVP im Dilemma.

Der Historiker Urs Altermatt sieht die CVP im Dilemma.

Hanspeter Bärtschi

Sie haben ein Buch geschrieben mit dem Titel «Das historische Dilemma der CVP». Worin besteht dieses Ihrer Meinung nach?

Urs Altermatt: In meinem Buch beschreibe ich verschiedene Herausforderungen, vor der die CVP steht. Die Partei, die den Namen «Konservativ-Christlichsoziale Volkspartei» getragen hatte, modernisierte sich 1970 und betrieb in der Zauberformel-Regierung eine erfolgreiche Mittepolitik. Wegen der Polarisierung in der schweizerischen Politik verlor sie Profil. Ab 1970 verstand sie sich als christliche, interkonfessionelle Partei, vermochte aber nur 15 Prozent nichtkatholische Wählerinnen und Wähler zu gewinnen. Warum und wo? Das sind Fragen, die ich im Buch zu beantworten versuche.

Sie empfehlen der CVP, sich mit der BDP zusammenzuschliessen. Warum?

Kurz gesagt: um die Mitte zu stärken. Ich schlage eine Union der CVP und BDP, wohlverstanden keine Fusion, vor – nach dem Vorbild von CDU/CSU in Deutschland. Die beiden Parteien haben ähnliche Wähler und ein ähnliches Programm. Sie ergänzen sich mit ihren Schwerpunkten, die CVP in den katholischen Regionen, die BDP in den reformierten. Institutionalisierte Zusammenarbeit bringt für beide Vorteile: Die BDP könnte wohl ihren Bundesratssitz stabilisieren, die CVP den konfessionellen Graben überschreiten.

Kann denn nur die CVP den BDP-Bundesratssitz retten?

Ich sehe kaum Alternativen. Die FDP wird wohl eher mit der SVP kooperieren. Die Bundesratswahlen nach dem Rücktritt von Eveline Widmer-Schlumpf werden diese Frage betreffend den BDP-Sitz in aller Deutlichkeit stellen. Als Bundesratshistoriker vermute ich, dass die Mehrheit der Christdemokraten 2015 nur dann wiederum einen BDP-Sitz unterstützt, wenn die Partei etwas Konkretes in Richtung Union oder Fusion erhält. 2008 war eine spezielle Situation. Es ging damals um die Abwahl von Bundesrat Blocher. Dieser Antireflex wird – so meine ich – nicht nochmals spielen.

Welche Rolle spielt die Solothurner CVP in der offiziell jetzt 100-jährigen Parteigeschichte?

Eine bedeutende. Die Wurzeln der Solothurner Partei gehen weit ins 19. Jahrhundert zurück, die Partei ist gut verankert und bildete nach dem Ende der freisinnigen Vorherrschaft in den Fünfziger Jahren mit SP und FDP eine Konkordanzregierung. Wie die FDP können die Christdemokraten auf eine breite Basis in einem katholischen Industriekanton zählen. In Olten bildete sich ein christlichsozialer Flügel, aus dem beispielsweise der bekannte Politiker Leo Schürmann hervorging oder auch der Biberister Josef Ziegler. Der Reformparteitag von 1970 fand in Solothurn statt und wurde von Generalsekretär Urs C. Reinhardt, einem Balsthaler, im Hintergrund organisiert.

Wie hat die Partei im Kanton Bern Fuss gefasst?

Im reformiert geprägten Kanton vertrat die BGB – heute die SVP und die BDP – das konservative Lager. Die Katholisch- Konservativen waren im ursprünglichen Kanton Bern nur am Rande verwurzelt, vor 1978 hauptsächlich im Nordjura und Laufental. In der letzten Zeit stellte die Partei zeitweise einen Nationalrat. Im 19. Jahrhundert waren die Katholisch-Konservativen oft verbündet mit den Berner Konservativen. So war Ulrich Dürrenmatt (Grossvater von Friedrich Dürrenmatt), Redaktor der «Buchsizeitung» und Nationalrat, sogar Hospitant der katholisch-konservativen Fraktion in der Bundesversammlung.

Sie sind einerseits unabhängiger Wissenschafter und Politikbeobachter, anderseits gelten Sie als CVP-nah. Was fasziniert Sie an der CVP?

So gut wie andere Politikbeobachter, Politologen oder Historiker der SP oder einer andern Partei nahestehen, bin ich CVP-nahe. Ich habe mich immer als kritischer Zeitbeobachter gesehen und die mir nahestehende Partei härter kritisiert als andere. Ich stamme aus einer so genannten «schwarzen» Familie. Der Bruder meines Urgrossvaters war Gerichtspräsident in Dornach und bei der Gründung der Vorgängerpartei dabei; mein Urgrossvater gründete eine der ersten Raiffeisenbanken in der Schweiz.

Am Montag referieren Sie in der Solothurner Zentralbibliothek zum Thema «Wie wird man Bundesrat». Ist das in der CVP am einfachsten?

Nein. Die Kriterien für die Wahl sind in allen Parteien ähnlich: die bisherige Tätigkeit und die regionale Konstellation spielen eine Rolle. Solothurn hatte bisher sechs Bundesräte, drei von der FDP, einen Liberalen (Bernhard Hammer) und zwei von der SP. 1973 wäre der Oltner CVP-Vertreter Leo Schürmann fast Bundesrat geworden, wenn nicht mit Willi Ritschard im Wahlgang vorher ein Solothurner gewählt worden wäre. Es fehlt also immer noch ein Solothurner CVP-Bundesrat...