Bürgerspital

Unterirdisch operieren - und das mitten im Atomkrieg

Die Geschützte Operationsstelle in Solothurn – ein Relikt aus dem Kalten Krieg. Heute werden viele Räume des unterirdischen Spitals als Lager benutzt.

Um die befahrbare Rampe in einer Gebüschgruppe beim Parking Süd des Solothurner Bürgerspitals zu entdecken, muss man schon ganz nahe kommen. Es ist der Eingang zur Geschützten Operationsstelle (GOPS).

«Eigentlich ist es nichts anders als ein komplettes unterirdisches Spital, in das in Krisenzeiten der ganze Betrieb des Bürgerspitals verlegt worden wäre», erklärt Gianpiero Lupi. Der Solothurner war von 2001 bis 2008 oberster Mediziner der Schweizer Armee (Divisionär und Oberfeldarzt) und hat viele Stunden in unterirdischen Spitälern verbracht.

Nicht weniger als 250 solche Anlagen seien in der Schweiz errichtet worden, dazu 40 Militärspitäler, erzählt Lupi.

Die Anlage in Solothurn kam nie zum Einsatz, auch nicht zu Übungszwecken. Während zweier Jahre konnten hingegen Drogenkranke im Winter unter Betreuung dort übernachten. Das unterirdische Spital wird nun anlässlich des Europäischen Denkmaltages am 11. September für die Bevölkerung geöffnet.

Andernorts habe man allerdings sehr wohl den Ernstfall geprobt. «Als wir in Lugano einen Grossteil des Spitalbetriebs während 14 Tagen in die dortige GOPS verlegt haben, konnten wir zahlreiche ‹richtige› Patienten behandeln. Es hat alles reibungslos funktioniert», erinnert sich Lupi an eine Grossübung.

Auch die Solothurner GOPS war dafür ausgelegt. Mit zwei Operationsräumen, Röntgeneinrichtung, Ambulatorium, Apotheke, Labor, Küche, Büros, Personalunterkünften für 100 Personen und 248 Patientenbetten war die Versorgung der Bevölkerung nach dem damaligen Stand der Technik sichergestellt.

Eine Notstromgruppe und zwei Wassertanks mit 275000 Liter Reserven erlaubten Autonomie während zweier Wochen. Auch die Luft kann mit Aktivkohle gefiltert werden. Dicker Beton und schwere Panzertüren sollten auch schweren Detonationen standhalten: Operationen mitten in einem Atomkrieg wären denkbar gewesen.

«Die Luftschutz-Einrichtungen in der Schweiz sind vorbildlich. Das schweizerische Konzept wurde beispielsweise von China praktisch unverändert übernommen», sagt Lupi. In der Schweiz werden heute noch immer 40 GOPS in Bereitschaft gehalten, 7 wurden modernisiert und können gemäss Lupi sofort mit 36 Betten und nach 72 Stunden mit 100 Betten in Betrieb genommen werden. Hilfreich wären Anlagen wie die GOPS laut Lupi auch in einer Verstrahlungssituation (zum Beispiel AKW-Unfall). «Wie in einem Luftschutzkeller wird die Strahlungsintensität um den Faktor 50–100 verkleinert.»

Die Anlage wurde 1975–1977 gebaut. Heute, nur 34 Jahre später, ist das Kriegszenario in weite Ferne gerückt. Viele Räume der GOPS werden vom Bürgerspital als Lager benutzt, zum Beispiel für Spitalbetten, Röntgenbilder, Patientendossiers oder als Computerlager der Spitalinformatik.

«Die Räume und Einrichtungen müssen trotzdem regelmässig gewartet und gereinigt werden», erklärt Andreas Reinhart, technischer Mitarbeiter des Bürgerspitals. Denn solange die GOPS stehe, lasse man die Anlage nicht verlottern.

Immerhin hat der Bau damals 4 Mio. Fr. gekostet, die Einrichtungen weitere 600 000 Fr. So wird etwa die Notstromgruppe regelmässig in Betrieb genommen (sie könnte auch einen Teil des Bürgerspitals versorgen, sollte die dortigen Generatoren versagen).

Zudem müsse mit Entfeuchtungsgeräten sichergestellt werden, dass die Luftfeuchtigkeit nie über 65% ansteige. Einmal im Jahr erfolgt eine Generalreinigung, bei der Zivilschutz-Dienstleistende mithelfen.

Die Tage der GOPS sind aber so oder so gezählt. Im Rahmen des geplanten Neubaus des Bürgerspitals soll die Anlage abgerissen werden. Ein Art Denkmal aus der Zeit des Kalten Krieges wird damit verschwinden.

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