Hauptbahnhof
Umfrage zeigt: Viele Solothurner fühlen sich am Bahnhof unsicher

Laut einer Umfrage halten zwei Drittel aller Antwortenden das Bahnhofgelände in Solothurn für bedrohlich. Die Kantonspolizei sieht keinen Grund zur Sorge und stuft die Sicherheitslage am Hauptbahnhof als recht ruhig ein.

Wolfgang Wagmann
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Baustelle am Solothurner Hauptbahnhof
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Dem Publikum steht ein provisorisches WC zur Verfügung.
Der Lift am RBS-Bahnhof ist wieder einmal ausser Betrieb.
Viel Personal in Orange ist derzeit am Hauptbahnhof unterwegs
Der Reiseverkehr verläuft normal wie jeden Tag.
Die bisherigen Toilettenanlagen werden herausgerissen

Baustelle am Solothurner Hauptbahnhof

Wolfgang Wagmann

Wie sicher ist der Hauptbahnhof? Eine Online-Umfrage dieser Zeitung förderte eine klare Mehrheit von Leserinnen und Lesern zutage, die das Bahnhofareal nur mit unguten Gefühlen aufsuchen oder am liebsten einen Bogen um den Bahnhof machen würden.

Von 495 Personen, die sich beteiligten, waren mehr als zwei Drittel oder 339 Leserinnen und Leser dieser Meinung. Nur 156 Teilnehmende fanden, das Bahnhofgelände sei sicher und widersprachen so Leserbriefschreiber A. W., der vor Wochenfrist festgestellt hatte, der Hauptbahnhof trage wesentlich dazu bei, dass Solothurn die «Schönste gefährlichste Barockstadt der Schweiz» sei.

Alles nur Einbildung?

In Ihrer Antwort hatte die Kantonspolizei die Sicherheitslage am Hauptbahnhof als unverändert recht ruhig eingestuft. Und so gibt es durchaus auch Kommentare aus der Leserschaft, die diesen Einsruck teilen. «Manche Solothurner fühlen sich schon an Leib und Leben bedroht, wenn sie Randständige oder Ausländer sehen, welche aber auch am Bahnhof verweilen dürfen. Ein Austauschjahr in einer ausländischen Millionenmetropole würde manchen gut tun», wird in einem Kommentar betont. Ein ander Bahnhofbenützer doppelt nach: «Sone Seich. Ich bin fast täglich am Bahnhof und habe in all den Jahren noch nie etwas Gefährliches erlebt. Aber vielleicht liegts daran, dass ich ein Linker bin.»

Ein Auszug Krimineller Ereignisse der letzten fünf Jahre

Was geschah seit 2012 am Bahnhof?

- 2012: Die an der Hauptbahnhofstrasse angesiedelte Boutique Kneubühler vermeldet drei Einbrüche im 2012.

- November 2012: Ein 18-jähriger Serbe wird beim «Avec» nach einem Streit mit einem Messer schwer verletzt. Täter ist ein 17-jähriger Schweizer.

- Februar 2013: Ein 17-Jähriger wird beim Bankomaten von einem ebenfalls 17-jährigen Marokkaner mit einer zerbrochenen Bierflasche mittelschwer verletzt.

- April 2013: Die Kantonspolizei führt Grosskontrollen gegen Dealer in der Vorstadt durch. Es werden kleinere Mengen Drogen sichergestellt. Neun Männer aus Guinea, Nigeria und Mali werden festgenommen, einer durch die zuständige Behörde in Ausschaffungshaft gesetzt.

- Mai 2013: Während einer Übung der Kantonspolizei finden Drogenhunde zwischen Hauptbahnhof und Kreuzackerquai mehrere Portionen mit Marihuana.

- Juli 2013: Ein 53-Jähriger wird auf dem Weg zum Bahnhof auf dem Kreuzackerplatz von zwei Jugendlichen ausgeraubt. Sie fragen ihn nach Geld und schlagen ihm eine Flasche auf den Kopf. Als er wieder zu Bewusstsein kommt, fehlte das Portemonnaie.

- Juli 2013: Ein 24-jähriger Schweizer wird von einem 24-jähriger Dominikaner mit einem Messer im Bereich der Gleise mittelschwer verletzt. Der Täter, wird im Zug am Bahnhof Bettlach festgenommen.

- August 2013: Nach einer Asyl-Kundgebung geraten Rechtsextreme und Linksextreme auf dem Kreuzackerplatz aneinander. Bei der Rangelei werden zwei Männer leicht verletzt und eine Tasche gestohlen.

- Sommer 2015: Ein 37-jähriger Algerier spricht einen jungen, körperlich eingeschränkten und stark alkoholisierten Mann am Hauptbahnhof an und bedroht ihn mit einer Rohrzange. Er zwingt ihn zu sexuellen Handlungen. 

- August 2015: Eine 16-jährige Bosnierin und ein 21-jähriger Bosnier können beim Versuch systematischen Taschendiebstahls am Hauptbahnhof dingfest gemacht werden.

- September 2016: Am Hauptbahnhof wird ein Taxichauffeur von einem 31-jährigen Schweizer zu Boden gerissen und zur Herausgabe von 200 Franken aufgefordert. Später kann eine Kapo-Patrouille den Mann festnehmen.

- Oktober 2016: Ein 29-jähriger Tamile wird in der Fussgängerunterführung angeschossen und stirbt im Spital an seinen schweren Verletzungen an Kopf und Hals. Der Täter ist bald geständig, der Getötete gilt als Zufallsopfer: Er wollte nur Streit schlichten.

- Mai 2017: Beim Streit wird ein libyscher Asylbewerber von einem 46-jährigen Algerier am Bahnhof mit einer Stichwaffe am Oberkörper leicht verletzt.

Und gar «Gespensterseherei» ortet ein weiterer Kommentator beim verunsicherten Bahnhofpublikum; «Ich steige jede Woche etwa viermal am Hauptbahnhof aus oder ein, zu unterschiedlichen Tageszeiten. Einen Grund zur Angst habe ich noch nie gesehen. Natürlich steht im Durchgang zwischen Bushaltestelle und Perron 1, rund um den Abgang zur Bahnhofunterführung, ein schräges Völklein herum: Bettler, Drögeler, aber auch Jugendliche, die sich mit Bier für eine lange Nacht eindecken. Ein Tipp: Blicken Sie auf die Leute als einzelne Individuen und nicht als Gruppe. Als undifferenzierter Haufen wirken sie vielleicht bedrohlich, als Individuen aber nicht.» Und weiter: «Gibt es vielleicht auch Sicherheitshypochondrie? Auf jeden Fall sollte man die eigenen Ängste nicht zu sehr hätscheln.»

Was können die schon machen

Doch einige Leserinnen und Leser sehen die Situation am Hauptbahnhof vor allem nachts ganz anders: «Wie einige es sagen, gefährliche Barockstadt der Schweiz, ...stimmt fast», findet R. «Nach Eintreffen der Dunkelheit meide ich den Bahnhof, weil ich nur angepöbelt werde, um Geld zu geben, wie auch von dunkelhäutigen Personen zum Kauf von Ware animiert werde. Die Polizei ist sicher präsent, aber was können die machen...»

Ebenfalls auf eine Vermeidungsstrategie setzt ein anderer Leser: «Ich meide beide Solothurner Bahnhöfe nachts. Verzichte sogar auf Veranstaltungen in Solothurn, die abends stattfinden, wenn ich anschiessend nach 22 Uhr mit dem Zug fahren muss.» Relativiert wird das Risiko auf dem Bahnhofareal durch diesen Kommentar: «Der Solothurner Bahnhof ist nicht gefährlicher als der in Olten, Aarau, Lausanne oder um in der Region zu bleiben... Grenchen. Ich habe mich beim Bahnhof noch nie unsicher gefühlt, kann aber durchaus verstehen, wenn sich Senioren hie und da nicht getrauen, durch bestimmte Menschenansammlungen zu laufen.»

Pro und Kontra auf Facebook

Die Fetzen fliegen auch auf Facebook zum Thema Sicherheit am Hauptbahnhof. Eine Frau schildert ein Erlebnis, als ein Mann geschrien habe: «Ich steche Euch alle ab!» Das sei leider Alltag am Bahnhof. Von einem Typen «voll Heroin» der mit seinem Hund auf Passanten losgegangen sei, berichtet N. «Aber trotzdem fühle ich mich am Bahnhof sicher.»

Darauf U.: «Ab 22 Uhr ist der Bahnhof Solothurn ein Einkaufszentrum. Man kann jede Sorte von harten Drogen und sogar Schusswaffen kaufen.» U. empfiehlt der Kantonspolizei mal in München nachzusehen, wie dort eine Wegweisung funktioniere.

Am Hauptbahnhof gibt es viel zu tun

Toiletten und Lift im Fokus

Aktuell gleicht der Hauptbahnhof einer Baustelle: Überall werkeln Männer in Orange herum, und unten im Durchgang werden die Toiletten herausgerissen. Derweil muss sich das Bahnhofpublikum mit einem Provisorium im Osten des Hauptgebäudes behelfen.

Ebenfalls auf gewohnten Komfort verzichten müssen erneut die Benützer des RBS-Bahnhof. Denn offenbar streikte erneut der der Personenlift, der vor allem Behinderten und Eltern im Süden des Bahnhofs zur Verfügung stehen sollte. Im Sommer hatte die Pannenserie begonnen, und nachdem auch der neuerliche Eingriff in die Steuerungs-Software nicht zum gewünschten Erfolg geführt hat, muss der Regionalverkehr Bern-Solothurn nun wohl zum angekündigten, ultimativen Mittel greifen: der Auswechslung der ganzen Lift-Steuerung. (ww)

Worauf wieder N. meint: «Also ich finde die Solothurner Polizei super. Ich kann auch um 3 Uhr morgens am Bahnhof sein, und mir passiert nix.» Worauf sich M. zum «Einkaufszentrum» einschaltet: «Ich glaube, Du verwechselst Solothurn mit Zürich.» Eine Mutter schreibt, ihre Tochter sei schon bedroht worden. Ihr pflichtet eine weitere Frau bei. Früher habe sie nie Angst gehabt am Bahnhof, «aber heute ist es grausam». Alkohol- und Drogenkonsum sowie Pöbeleien seien an der Tagesordnung. «Traurig!», stellt sie fest.

Eine andere Mutter holt ihre Tochter spätabends stets ab. «Es wird immer schlimmer», so eine weitere Frau, worauf ein nächtlicher Bahnhof-Besucher meint: «Ich sass kürzlich eineinhalb Stunden alleine am Bahnhof und wartete auf den Moonliner. Ich hatte keine Probleme. Weder gehabt, noch festgestellt.»

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