Kantonspolizei
Umfrage zeigt: Gewalt gegen Polizisten nimmt zu

Diese Zahlen lassen aufhorchen: 72 Prozent der Solothurner Kantonspolizistinnen und Kantonspolizisten wurden letztes Jahr ein- oder mehrmals verbal massiv bedroht; 60 Prozent wurden körperlich angegriffen, 14 Prozent sogar mit Waffen.

Stefan Frech
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Eine der vielen Situationen, welche die Solothurner Polizistinnen und Polizisten in dieser Woche übten: Wie verhalte ich mich, wenn mir der Weg versperrt wird und es keinen Ausweg gibt?

Eine der vielen Situationen, welche die Solothurner Polizistinnen und Polizisten in dieser Woche übten: Wie verhalte ich mich, wenn mir der Weg versperrt wird und es keinen Ausweg gibt?

Hansjörg Sahli

Dieses Ergebnis einer Umfrage unter 260 Polizisten hat das Kommando zum Handeln veranlasst. «Wir wollen die Polizisten besser begleiten, wenn sie eine Strafanzeige einreichen», erklärt Kommandant Thomas Zuber. «Auch die psychologische Unterstützung wird intensiviert, indem wir das Thema Gewalt gegen Polizisten verstärkt in die Aus- und Weiterbildung einbinden.»

Schliesslich wurde diese Woche ein Trainingskurs angeboten, an dem 90 Polizisten teilnahmen. «Sie sollen lernen, wie ihr Verhalten wahrgenommen wird und wie sie deeskalierend wirken können», erklärt Polizeikommandant Zuber.

Ein Spiegel für die Polizisten

An diesem eintägigen Kurs werden die Polizisten hart angepackt. Das zeigt ein Augenschein gestern im Oensinger Bienkensaal. «Face-to-face» heisst das Training – und so ist es auch: direkt, ungeschminkt, provokativ. 16 meist junge Kantonspolizistinnen und -polizisten werden von drei Trainern aus Deutschland bei Rollenspielen in Konfliktsituationen verwickelt.

Betroffene Polizisten erzählen

«Ich habe schon viel erlebt», erzählt Kantonspolizist Manfred R. im Gespräch mit dieser Zeitung: Schläge, Beschimpfungen, Morddrohungen. «Auch wurde bereits zweimal gezielt auf mich geschossen», berichtet der 47-jährige Polizist. Verletzt wurde er nicht; auch schlaflose Nächte habe er nicht gehabt.

Das Ereignis konnte Manfred R. in Gesprächen mit Kollegen verarbeiten. «Auch werden wir heute nach Gewalttaten besser betreut als früher, etwa durch Psychologen.» Wichtig und neu ist auch: «Ich zeige die Täter konsequent an.»

Manfred R. ist schon viele Jahre Polizist. Für ihn ist klar: «Die Gewalt gegen uns hat zugenommen.» Die Hemmschwelle sei gesunken, der Anstand ebenfalls. Mit gewissen Jugendlichen könne man von Anfang an gar nicht normal kommunizieren. «Schon nur, wenn sie mich als Polizist sehen, werde ich blöd angemacht.» Dieses Verhalten von Jugendlichen in Gruppen («Die Strasse gehört uns») kennt auch Kantonspolizistin Sandra S. Als Frau wird die 42-Jährige ebenso oft beschimpft («Schlampe«) wie ihre männlichen Kollegen. Die Hemmschwelle, gegen sie gewalttätig zu werden, sei jedoch höher.

Aber auch Sandra S. hat schon äusserst bedrohliche Situationen erlebt. «Bei einer Hausdurchsuchung ging ein Familienvater mit dem Samurai-Schwert auf mich los.» Manfred R. und Sandra S. erhoffen sich vom Kurs, dass sie Hinweise erhalten, wie sie auf andere Personen wirken. Diese Beobachtungen können helfen, sich in brenzligen Situationen richtig zu verhalten und so zu verhindern, dass die Lage eskaliert. (sff)

Die Trainer spielen dabei die gefährlichste «Kundschaft» der Polizisten: junge Mehrfachtäter, die den Streit gezielt suchen. Die Trainer provozieren, beleidigen, bedrängen die Polizisten im Laufe des Kurstages immer heftiger. Die Reaktionen werden dann analysiert.

Es wird den Polizisten aufgezeigt, mit welchem Verhalten sie die Täter zusätzlich provozieren. Dabei steht weniger die Wahl der Worte im Mittelpunkt als die Körpersprache: Welche Signale sendet der Polizist durch seine Mimik, seinen Blick oder seinen Gang aus? «Die Teilnehmer erhalten einen Spiegel vorgesetzt, was sie auslösen, wenn sie sich so oder so verhalten», erklärt Kursleiterin Rita Steffes-enn vom Institut für direktbezogene Täterarbeit.

Ein forsch auftretender Polizist kann die Täter ebenso provozieren wie ein unsicherer. «Wir vermitteln in unserer Schulung kein Patentrezept: Jede Situation ist anders und kann sich anders entwickeln», sagt Steffes-enn.