Grenchen
Türsteher liegen mit einem Bein im Spital

Nach dem Tötungsdelikt in Grenchen ist die Betroffenheit in der Branche gross. Sicherheitsfirmen machen sich Gedanken über die Vorfälle, sind sich hingegen einig, dass ein Security mit allem rechnen muss

Lucien Fluri
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Beschimpft werden gehört ebenso zu ihrem Alltag wie die Sicherheitsweste und Gewalt – auch wenn diese die Ausnahme ist. niz Beschimpft werden gehört ebenso zu ihrem Alltag wie die Sicherheitsweste und Gewalt – auch wenn diese die Ausnahme ist. niz

Beschimpft werden gehört ebenso zu ihrem Alltag wie die Sicherheitsweste und Gewalt – auch wenn diese die Ausnahme ist. niz Beschimpft werden gehört ebenso zu ihrem Alltag wie die Sicherheitsweste und Gewalt – auch wenn diese die Ausnahme ist. niz

Solothurner Zeitung

Am letzten Wochenende wurde in Basel ein Mann vor einer Disco angeschossen. Eine Woche zuvor war in Grenchen ein Türsteher durch einen Messerstich getötet worden. Die Sicherheitsunternehmen in der Region zeigen sich betroffen. Auch wenn solche Vorkommnisse eine Ausnahme sind, rechnen sie in ihrem Alltag immer mit solchen Vorfällen. Gerade deswegen fragen sich einige, warum keine Sicherheitsweste den Türsteher in Grenchen vor dem Messerstich schützte. Einig sind sich die lokalen Sicherheitsanbieter auch, dass zuvor schon sehr vieles falsch gelaufen ist, wenn es zu Gewalt zwischen Besuchern und Sicherheitsleuten kommt. Schon angeschossenen Mitarbeiter

«Man diskutiert Vorfälle wie denjenigen in Grenchen natürlich mit den Angestellten», sagt Patrick Van Geen, der mit seiner Firma unter anderem in der Kulturfabrik Kofmehl und im «Kulturm» arbeitet, und fügt an: «Man muss sie aber auch relativieren, weil es Ausnahmefälle sind.» Allerdings sind sich die fünf angefragten Sicherheitsunternehmen einig: Türsteher müssen prinzipiell mit allem rechnen. Dies musste Dominique Pochelon, Geschäftsführer der VIP-Security, schon selbst erfahren: Vor zwei Jahren wurde einer seiner Mitarbeiter angeschossen. «Man kann nie im Voraus sagen: Das ist eine harmlose Party», erklärt Pochelon.

Regelmässig Handgreiflichkeiten

Auch schon mit Waffen zu tun bekamen es Patrick Van Geens Leute. Handgreiflichkeiten kämen an den Wochenenden regelmässig vor. «Gewaltvorfälle haben nicht mit einer bestimmten Lokalität oder Musikrichtung zu tun», sagt Van Geen. Er sieht dahinter ein gesellschaftliches Problem, wie etwa fehlende Zukunftsperspektiven.

Schutzwesten, Pfefferspray oder Schlagstöcke gehören zur Ausrüstung der Sicherheitskräfte. Es gebe Discos, wo man nur noch mit Schutzwesten hingehe, sagt Roland Schmid vom ESB-Sicherheitsdienst in Solothurn. Er versteht nicht, weshalb keine Schutzweste den Türsteher in Grenchen schützte: «Heutzutage muss man das aus Sicherheitsgründen haben.» Auch Burim Hoti, der mit seiner Firma Protect Security im Solothurner Club Eleven arbeitet, fragt sich, weshalb das Sicherheitspersonal nicht eine entsprechende Ausrüstung gehabt habe.

Mit Pfefferspray ausgerüstet sind auch die Mitarbeiter der Van Geen Security. Dieser sei aber nur für den äussersten Notfall, erklärt Van Geen: «In zehn Jahren habe ich zweimal Pfefferspray verwenden müssen.»

Worte statt Pfefferspray

Die wichtigste Eigenschaft eines Sicherheitsmannes, so sind alle angefragten Dienste überzeugt, ist die Kommunikation: «Über 90 Prozent der Fälle kann man kommunikativ regeln – auch zum eigenen Schutz», so Van Geen. «Wenn Selbstverteidigung notwendig wird, sind schon viele Fehler passiert», ergänzt Patric Räss. Seit 2007 ist Räss unterwegs, unter anderem führt seine Firma die Ortspatrouillen in Gerlafingen durch. Räss selbst musste noch nie Pfefferspray verwenden. Die Klischeevorstellung «gross und breit» stimme nicht, sagt Räss: «Die Toleranzgrenze eines Türstehers muss extrem hoch sein.» Morddrohungen oder Beschimpfungen wie «Arschloch» kämen ständig vor. Man müsse erkennen, dass dies gegen die Funktion, nicht aber gegen die eigene Person gerichtet sei, so Räss. Eine Zunahme der Beschimpfungen hat Roland Schmid festgestellt. Man werde vermehrt angepöbelt. Dies merkt man laut Schmid schon beim Verkehrsdienst. Entscheidend sei deshalb die Auswahl der Leute. «Es kommt darauf an, wie man in den Wald ruft. Die Leute müssen mit dem Kopf arbeiten, nicht mit den Muskeln», so Schmid.

Gewalt wegen Alkohol und Drogen

Häufiger Grund für Gewalttaten sind Alkohol und Drogen: Sie veränderten das Verhalten und führten schneller zu Eskalationen, sagt Dominique Pochelon: «Ein Alkoholisierter merkt vieles nicht.» Auch die Jahreszeit habe – neben der Wirtschaftslage – einen Einfluss: «Im Sommer sind die Leute ausgelassener», so Pochelon. Laut Patrick Van Geen sind es aber nicht nur der Alkohol und die Drogen: Es gebe auch Gruppen, die im Ausgang bewusst Streit suchten.

Bei grösseren Anlässen sei deshalb immer die Polizei informiert, sagt Van Geen. Die Zusammenarbeit sei gut. Bei Jugendlichen unter 16 Jahren, die in Klubs wollten, aber nicht hineindürften, sei man verpflichtet, Eltern oder Polizei zu informieren.