Wer am Montag Vormittag von Kappel nach Boningen fuhr, entdeckte auf einem rechtsseitigen Wiesenstück oberhalb der Autobahnüberführung eine ausserordentlich grosse Schafherde. Trotz starkem Schneefall buddelten die Tiere gemütlich mit der Schnauze im Schnee und frassen das darunter versteckte Gras.

Von Mitte November bis Mitte März unterwegs

Die 400 Schafe gehören Tony Felder und seinem Vater Anton. Die Familie Felder betreibt in Safenwil eine Metzgerei und Schäferei. Während sein Bruder Markus für die Metzgerei zuständig ist, kümmert sich Tony Felder, zusammen mit seinen Eltern und seiner Freundin, um die Schafe.

Jedes Jahr von Mitte November bis Mitte März zieht Tony Felder mit 400 Wanderschafen Richtung Gäu - und zwar immer auf derselben, ihm vom Veterinäramt zugewiesenen Route in den Kantonen Aargau und Solothurn. Dabei muss der Schäfer seine Herde an besätem Ackerbau vorbeiführen, «sonst bekäme ich Ärger mit dem Landwirt».

«Mit dem Schaf gehen»

Schon als Junge wollte der 33-Jährige Schäfer werden. «Das ist mein Traumjob.» Als Gründe nennt Tony Felder «die Freiheit, die ich dabei habe. Ich bin weg von den Menschen, kann den Weg selber bestimmen und habe Zeit zum Nachdenken». Schon mit zehn Jahren begleitete er seinen Vater Anton Felder auf die Schafweide. «Damals schliefen wir noch draussen.» Inzwischen treibt er die Tiere abends, wenn es dunkel ist, in Richtung Wald und fängt und zäunt sie ein. So kann er die Nächte zu Hause bei der Familie, der Freundin und seiner einjährigen Tochter, verbringen.

Zur Verköstigung hat Felder auf seiner Wanderung Kaffee und Grilladen bei sich, die er sich tagsüber auf offenem Feuer zubereitet. Bevor sich Tony Felder morgens auf seinen täglichen Weg macht, prüft er, ob auf den Feldern, die er zu durchqueren plant, genug Futter für seine Tiere wächst. Dabei muss das Gras zehn bis 15 Zentimeter hoch sein. Diese Vorabklärung ist vor allem bei starkem Schneefall die Hauptaufgabe des Schäfers, da die Schafe sonst das Futter nicht finden. «Man muss immer mit der Natur, mit dem Schaf gehen», hält Felder fest.

Jedes Schaf wird geprüft

Vor der Wanderung wird jedes Schaf vom Veterinäramt beziehungsweise dem Bestandestierarzt bezüglich Standhaftigkeit und Gesundheit geprüft. Zudem wird es mit Rüdenbad gegen Hautkrankheiten und deren Ansteckung bespritzt. Von Zeit zu Zeit verkleinert sich die Herde während der Wanderung - und zwar wenn Tony Felders Bruder Markus ein Schaf zum Metzgen braucht «und es genug schwer ist». Das erforderliche Todgewicht beträgt 20 bis 23 Kilogramm, das Lebendgewicht 40 bis 45 Kilogramm.

Begegnungen verschiedenster Art

Auf seiner Wanderung muss Tony Felder nicht ohne jegliche zwischenmenschliche Kontakte auskommen: Freundin und Tochter besuchen ihn immer wieder auf der Weide und bringen ihm etwas mit, wenn es ihm an etwas mangelt. Von Zeit zu Zeit kommt es auch zu Begegnungen zwischen Tony Felder, seinen Schafen sowie anderen Menschen und Tieren.

«Manchmal treffe ich einen Bauer, der mir einen Weideplatz anbietet. Dann gibt es die Leute mit Hunden, von denen einige nicht angeleinte in die Herde rennen. Dann werden die Schafe getrennt und ich muss sie wieder zusammentreiben.» Zum Davonrennen gebracht werden die Schafe auch von Menschen mit Kindern, die die Tiere streicheln wollen. «Da Schafe Fluchttiere sind, kann man sie aber nicht streicheln.»