Vermutlich sind Sie eine Frau oder ein Mann, haben entsprechende körperliche Geschlechtsmerkmale und fühlen sich dementsprechend weiblich oder männlich. Versuchen Sie nun, sich als gegengeschlechtlich zu fühlen und dementsprechend zu sein. Gelingt Ihnen das?

Stellen Sie sich gar vor, Sie hätten einen gegenpoligen Körper. Statt Brüste hätten Sie einen Penis und umgekehrt.

Stellen Sie sich weiter vor, Sie müssten so gefälligst glücklich oder zufrieden sein mit «umgekehrter» Identität und «umgekehrtem» Körper. Und das müssten Sie ein Leben lang spielen, um in der Gesellschaft als normal zu gelten.

Claudia Meier, mit männlichen Geschlechtsmerkmalen geboren, hat jahrzehntelang versucht, als Mann zu leben, obwohl sie sich schon als Kind als weiblich empfunden hat. Im Rahmen der «Aktionstage Psychische Gesundheit» erzählte sie am Donnerstag von ihrer langen Leidensgeschichte.

Vor drei Jahren begann die Transfrau schliesslich eine Geschlechtsangleichung mit Hormontherapie und Operationen. Aus dem bekannten Hotelbesitzer des Schwefelbergerbads Andreas wurde so Claudia, die heute zufrieden zu sein scheint.

Die 47-Jährige stand vor rund 100 Personen im AHV/IV-Gebäude in Zuchwil. Hübsch, üppige Kurven, stark geschminkt, ein gewinnendes Äusseres. Sie sprach über intime und schmerzliche Dinge.

Immer wieder habe sie gemeint, durch Erlangung von rollentypischem Status tatsächlich ein Mann zu werden. Durch Eintritt ins Militär, durch Ehe und durchs Vaterwerden der Tochter. Aber das führte nicht zu einem männlichen Inneren. Beispielsweise war sie im Militär als Koch tätig. Hat – typisch weiblich – für andere gesorgt.

Für Claudia war es schon als Kind und Jugendliche verwirrend, dass ihr Körper nicht zu ihrer Identität passte. «Seit ich 17 Jahre alt war, führte ich ein Doppelleben.» Eindrücklich schilderte sie, wie sie ihre wahre Identität stets verheimlichen musste. Ihre Devise lautete: «Mich ja nicht erwischen lassen.»

Das Outing erfolgte nach mehreren Suizidversuchen

Als Hotelier zum Beispiel schlich sie sich nach einem 18-stündigen Arbeitstag auf Zehenspitzen als Frau gekleidet nach Zürich, um sich mit andern zu treffen. Diese beiden Welten mussten strikte getrennt bleiben. Claudia verzweifelte oft.

Mehrere Male versuchte sie, sich das Leben zu nehmen. Mit dem Messer, mit dem Strick, mit ihrer Dienstwaffe. Danach habe sie sich jeweils gesagt: «Jetzt musst du Hilfe holen.» Sie hatte Angst, es jemandem anzuvertrauen. Angst vor Verlust ihrer sozialen Beziehungen, vor Verlust des sozialen Status.

Dank einer Psychotherapeutin in Zürich gelang es Claudia in vielen Sitzungen, sich zu öffnen. Das Outing erfolgte in Etappen; damalige Partnerin Esther, Schwester, Eltern, Mitarbeiter, Kunden, mediale Öffentlichkeit. Die reagierten zum Glück gut, wohlwollend.

«Ich hätte früher noch kein so grosses Selbstbewusstsein gehabt», meinte Claudia, «um mich schon vorher zu outen. Ich hatte keinen Mut.»

Beschämendes Zwangsouting auf den Ämtern

Mit ihren langen, zu einem dicken Zopf gebundenen blonden Haaren erinnerte sie ein wenig an eine nordische Heldin. In manchen Momenten ihres Auftritts wechselte sie von ihrer hohen Kopfstimme zu einer tieferen.

Claudia musste für ihren Namenswechsel kämpfen und für ihren offiziellen weiblichen Geschlechtsstatus. Beschämend, wie sie in Ämtern zum Zwangsouting getrieben wurde. Ihren Kampf hat sie gewonnen.

Eigentlich müsste sie sich also nicht mehr in der Öffentlichkeit erklären. Aber sie tut es für andere mit ähnlichen Problemen.

Claudias Anderssein kam erst zutage, nachdem sie sich akzeptierter fühlte: «Zunächst brauchte es ein auffangendes soziales Netz, dann erst konnte ich mich outen. Bei mir war die Psychotherapeutin dieses erste Netz.»

Die Eltern hätten nichts falsch gemacht: «Meine Eltern müssen sich keine Vorwürfe machen. Es durfte ganz einfach niemand davon wissen.»
Einige Stimmen aus dem altersgemischten und zum Tell weit angereisten Publikum: «Es war sehr interessant und beeindruckend, wie offen sie sprach.»

Oder: «Ich staune über so viel Ehrlichkeit. Sie öffnet dadurch vielleicht manchen die Türe.» – «Sehr sympathisch mit grosser Strahlkraft.» – «Sie kämpft bis aufs Blut.» – «Ich muss das zu Hause nun etwas verarbeiten.»

Bestimmt hat die charismatische, manchmal kecke, manchmal zartverletzliche Claudia dazu beigetragen, Transmenschen etwas besser zu verstehen, ja sich überhaupt einmal darauf einzulassen.