Zuchwil/Luterbach
Tierischer Streit um Eicheln für die Schweine

Zur Mästung wurden früher die Schweine in die Eichenwälder um Solothurn getrieben. Um das Futter stritt sich vor über 500 Jahren das St.-Ursen-Stift Solothurn mit dne Bauern Zuchwils und Luterbachs. Daraus entbrannte ein erbitterter Kampf.

Anton Ris
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Solothurner Zeitung

Östlich von Solothurn und bei Zuchwil und Luterbach breiteten sich seit dem Mittelalter mächtige Eichenwälder aus. Nicht vergebens hiess das heutige Baseltor zu dieser Zeit Eichtor. Die Schweinehaltung war bei den Bauern sehr beliebt, denn die Früchte der Eichen, die Eicheln, waren als vortreffliches Futter besonders zur Mästung der Borstentiere geeignet. Diese wurden von ihren Besitzern in die Waldungen getrieben, da es verboten war, die Baumfrüchte zu sammeln und zu Hause zu verfüttern. Diese Art der Fütterung und Mästung der Schweine nannte man Acherig oder Achrum, was so viel wie Eichelmast bedeutet.

Der Genuss von Schweinefleisch muss zu dieser Zeit auch im alten Solothurn sehr beliebt gewesen sein. Nicht von ungefähr verfügte der Rat im Januar 1377: «Wer ein Schwein, das in unserer Stadt erzogen und gemästet worden, aus der Stadt verkaufen will, hat die Ohren und Hammen desselben in der Stadt zurückzulassen». Wer dies nicht tue, müsse so manchen Monat die Stadt meiden und an sie so manches Pfund zahlen, als er Schweine verkauft habe.

Vor dem Schiedsgericht

Seit alten Zeiten standen die Dörfer um Solothurn unter der Herrschaft des St.-Ursen-Stiftes. Des Achrams wegen gerieten anno 1441 das Stift und das Dorf Zuchwil miteinander in Streit. Deshalb rief der Rat von Solothurn die aufgebrachten Parteien vor Gericht. Die Zuchwiler wurden angeklagt, sie hätten nicht nur eigene Schweine, sondern auch noch von «Nichtberechtigten zugetriebene» Tiere in die Eichwälder gejagt. Dafür seien sie mit Getreide, vor allem Hafer, entschädigt worden. Der Verteidiger pochte auf das Gewohnheitsrecht: Er machte geltend, das Dorf hätte von alters her das Achram benutzt, ohne dass das Stift je dagegen Einsprache erhoben hätte. Zudem seien ihre Eichenwälder von der Obrigkeit zugewiesener Grund und Boden.

Nun wurden «ehrbare Leute», die teils in der Stadt, teils auf dem Land wohnten, als Zeugen aufgeboten. Vom Schultheiss wurden sie aufgefordert, «niemandem zu Lieb noch zu Leid» zu reden, sondern nur die Wahrheit zu sagen. Alle stellten sich auf die Seite der Zuchwiler, sodass das Gericht beschloss, diese «frei und ledig» zu sprechen. Sie könnten das Achram in ihren Wäldern weiterhin «nutzen und niessen». Das St.-UrsenStift liess die ihm zugesprochene Einsprachefrist unbenützt vorübergehen. Das erhaltene Recht wurde den Zuchwilern durch eine Urkunde mit dem Siegel des Schultheissen verbrieft.

«Ehrbare Männer»

Aus den gleichen Gründen war bereits neun Jahre früher zwischen dem St.-Ursen-Stift und den Bauern von Luterbach ein Streit entstanden. Die beiden Parteien wurden auch schon damals vor den Rat in Solothurn zitiert, um die «Stösse und Spänne» (Streitigkeiten) in Minne beizulegen. Nach der Einvernahme hatten sie dem Schultheissen gelobt, sich dem Richterspruch zu fügen. Dieser fiel ebenfalls zugunsten der Landleute aus. Er lautete: «Die Bauernsame von Luterbach und alle ihre Nachkommen dürfen mit ihren eigenen Schweinen in das Achram ihrer Wälder fahren. Dabei sind sie nicht verpflichtet, dem St.- Ursen-Stift als Inhaber der Grundherrschaft etwas zu geben». Für fremde Schweine müssten sie aber die Hälfte des erhaltenen Getreides dem St.-Ursen-Stift zukommen lassen. Sollten die beiden Parteien wieder einmal in Streit geraten, so hätte jeder Teil zwei «ehrbare Männer» aus dem Rate von Solothurn als Schiedsrichter zu wählen. Über den Verlauf der Gerichtsverhandlungen wurde jeder Partei ein vom Schultheissen besiegelter Spruchbrief zugestellt.

Quellen: von Arx, Bilder aus der Solothurner Geschichte, Band 1, 1939; Amiet, Solothurnische Geschichte, Band 1, 1952.