Die Nachfrage nach Wohnbauhypotheken scheint ungebrochen hoch zu sein – selbst nach vier Boomjahren im Geschäft mit Grundpfandkrediten. Dies zeigt eine Umfrage unter sechs Regionalbanken im Raum Solothurn-Bern. «Der Wunsch nach dem Eigenheim ist unverändert hoch», beobachtet Stefan Wälchli, stellvertretender Direktor der Clientis Bank Oberaargau mit Hauptsitz in Huttwil. In den ersten fünf Monaten sei der Hypothekenbestand um weitere zwei Prozent gewachsen. Auch bei der Regiobank Solothurn ist der Bestand bis Ende Mai um 25 Millionen Franken oder 1,5 Prozent gestiegen. «Die Nachfrage hat sich nicht abgeschwächt», kommentiert Bankchef Markus Boss. Von einer «stabilen, tendenziell eher leicht rückläufigen Nachfrage» spricht Marcel Müller, Geschäftsleitungsmitglied und Leiter Risk Management bei der Baloise Bank SoBa in Solothurn.

Dafür, dass der Traum von den eigenen vier Wänden vorerst nicht ausgeträumt ist, sorgt das Zinsniveau. In den vergangenen vier Monaten sackten die Sätze auf ein neues Rekordtief ab. Aktuell sind fünfjährige Festhypotheken für 1,4 Prozent oder Kredite mit zehnjähriger Laufzeit für unglaubliche 2,1 Prozent zu haben. Die national tätige Migros Bank verlangt für Letztere gar nur 1,92 Prozent. Und wohlverstanden: dabei handelt es sich um Richtsätze. Wer gut verhandelt, kann noch günstigere Konditionen herausholen. Aufgrund des nochmals tieferen Zinsniveaus seien aber keine wesentlichen Neugeschäfte abgeschlossen worden, meldet Gerardo Grasso, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Spar- und Leihkasse Bucheggberg in Lüterswil. «Die Zinsen sind – vereinfacht gesagt – von ‹sehr tief› auf ‹noch tiefer› gefallen.» Das bestätigt die Berner Kantonalbank. «Das erneut niedrigere Zinsniveau hat nicht zu einer wesentlichen Zunahme geführt», sagt Bankensprecherin Catherine Duttweiler.

Verzinsung nahezu bei null

Das Volumenwachstum und die Tiefstzinsen haben für die Banken nicht nur positive Auswirkungen. Mit zunehmender Anzahl an Krediten steigt einerseits das Ausfallrisiko automatisch an, vor allem dann, wenn die Zinsen wieder ansteigen. Unter den stetig sinkenden Kreditzinsen leiden andererseits auch die Margen der Banken. Denn auf der Passivseite, vorab bei den Spargeldern, gibt es praktisch keinen Spielraum mehr. Liegt doch deren Verzinsung nahezu bei null. Das Margenproblem betrifft nicht nur Neuabschlüsse, sondern auch die Ablösung von Krediten. «Aufgrund der Wiederabschlüsse von fälligen Festzinshypotheken zu tieferen Sätzen reduziert sich die Zinsmarge zwangsläufig, weil die Refinanzierungskosten kaum mehr gesenkt werden können», spricht Marcel Müller von der Bank SoBa Klartext. Diese Aussage bestätigt Boss von der Regiobank.

Das hat negative Auswirkungen auf den Zinserfolg, dem weitaus wichtigsten Ertragspfeiler bei den Retailbanken in der Region. Dieser Einnahmeposten liefert je nach Bank zwischen 70 und 90 Prozent an den Gesamtertrag. Stephan Julier, Leiter der Raiffeisenbank Weissenstein in Langendorf, gibt sich vorsichtig: «Der Zinserfolg 2012 sollte relativ stabil bleiben.» Dagegen beantwortet die Berner Kantonalbank die Frage, ob der Zinserfolg tiefer ausfallen werde als im Vorjahr, kurz und knapp mit «Ja». Ebenso erwartet die Spar- und Leihkasse «aufgrund der sinkenden Zinsmarge einen im Vorjahresvergleich tieferen Zinserfolg».

Wachstum ja, aber nicht zu jedem Preis

Sind die Banken also genötigt, das Volumen im Hypothekengeschäft zu erhöhen, um den Zinserfolg mindestens halten zu können? «Wachstum ist nötig, aber nicht um jeden Preis», sagt dazu Markus Boss von der Regiobank. Denn die internen Kreditvergaberichtlinien halte man in jedem Fall ein. Und zudem sei nicht jeder neue Hypothekarkredit «schlecht». Mit derselben Einschränkung sagt Grasso von der Spar- und Leihkasse: «Ein höheres Volumen wirkt sich positiv auf den Zinserfolg aus und ist somit willkommen.» Und es helfe natürlich, den Margenschwund zumindest teilweise aufzufangen, ergänzt Marcel Müller von der SoBa. «Wir würden uns aber nicht als genötigt bezeichnen, sondern wir suchen ein gesundes qualitatives Wachstum.» «Keinesfalls gezwungen» sieht sich auch die Raiffeisenbank Weissenstein, «den allfällig ausbleibenden Zinserfolg durch ein höheres Kreditvolumen zu kompensieren», versichert Stephan Julier.

Auch wenn sich die Banken zum Wachstumszwang im Hypogeschäft zurückhaltend äussern, werden alle Institute Ende 2012 erneut einen höheren Bestand an Grundpfandkrediten ausweisen. Sie versichern unisono, dass dies vereinbar sei mit den Kreditvergaberichtlinien. Sie sprechen von «umsichtiger Kreditvergabepolitik» oder von «der Einhaltung der regulatorischen Vorschriften». Die Finanzmarktaufsicht ihrerseits weist allgemein schon lange auf die Risiken hin, die durch das starke Hypothekarwachstum zunehmend aufgebaut werden. Ab 1. Juli gelten nun neue, strengere Vergabekriterien.