Schönenwerd
Zum 100-Jahr-Jubiläum lichtete ein Fotograf alle 4000 Bally-Fabrikarbeiter ab

Das Ballyana-Museum in Schönenwerd zeigt eine für die Schweiz und darüber hinaus einmalige Sammlung von Industriefotografien. Es sind Fotos von Mitarbeitern der Schuhfabrik Bally, die 1951 zum 100-jährigen Firmenjubiläum gemacht wurden.

Urs Amacher
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Viele kamen an die Eröffnung der Sonderschau
7 Bilder
Markus Schürpf (links) und Martin Matter
Das Interesse an den vor 62 Jahren entstandenen Abbildungen war riesig.
Ballyana Ausstellung (1)
Ballyana-Museum zeigt Industriefotografen

Viele kamen an die Eröffnung der Sonderschau

HR Aeschbacher

Die Schuhfabrik Bally feierte 1951 ihr 100-jähriges Bestehen. Dieses runde Jubiläum nahm sie als Anlass für ein einzigartiges Projekt. Bally beauftragte einen Fotografen, sämtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Firma abzulichten. Das Museum Ballyana in Schönenwerd hat diese vor 62 Jahren entstandenen Abbildungen zusammengetragen und zeigt sie nun in einer Sonderschau in den Räumen seiner Industriesammlung an der Schachenstrasse.

Die Firma Bally befand sich damals im Zenit ihres Erfolgs und beschäftigte in der Schweiz rund 4000 Mitarbeitende an verschiedenen Standorten wie Schönenwerd, Gelterkinden oder Dottikon, erklärte Martin Matter, der Vizepräsident der Stiftung für Ballygeschichte, bei der Ausstellungseröffnung. Gleichzeitig mit dem Firmenjubiläum konnte der «Big Boss» Iwan Bally seinen 75. Geburtstag sowie 30 Amtsjahre als Verwaltungsratspräsident feiern. Und der Patron liess sich nicht lumpen. Im Juni feierte die Weltfirma Bally eine ganze Woche lang mit verschiedenen Veranstaltungen, Modeschauen, Bankette und Umzüge.

Am offiziellen Tag war sogar der Eidgenössische Volkswirtschaftsminister, Bundesrat Rodolphe Rubattel, als Ehrengast im Niederamt. Die gesamte Belegschaft feierte am Samstag, 9. Juni, in einem riesigen Festzelt im Ballypark. Natürlich wurde eine Festschrift verfasst. Zudem liess sich Bally etwas Besonderes einfallen: Sämtliche Ballyanerinnen und Ballyaner wurden im Vorfeld der Jubiläumsfeierlichkeiten an ihrem Arbeitsplatz fotografiert.

172 von über 1000 Fotografien

Der Fotograf besuchte jede einzelne Abteilung. Er gruppierte die Mitarbeitenden aller Berufe inmitten ihres Arbeitsplatzes. Teams von fünf bis 25 Frauen und Männern hiess er, sich schön angeordnet aufstellen und ihre Werkzeuge zur Hand nehmen. So schuf der Fotograf inszenierte Gruppenaufnahmen aus den jeweiligen Abteilungen, von der Schäftefabrik, der Stanzerei, der Schusterei bis zur Finissage, Verpackung, Versand, Verkauf und Verwaltung.

Auch der technische Unterhalt, die Chauffeure und Automechaniker oder die Küchenmannschaft im Kosthaus sind in Szene gesetzt. Auf diese Weise entstanden über 1000 schwarz/weiss-Fotografien. Von diesen liess Bally Abzüge drucken. Der Fotohistoriker Markus Schürpf schätzte an der Vernissage, dass rund 300 Bilder vervielfältigt wurden. Von diesen Gruppenbildern sind 172 Einzelexemplare in der Ausstellung zu sehen.

Die Mitarbeitenden erhielten ein Mäppchen mit der Aufschrift «100 Jahre Bally-Schuhe – allen unseren Angestellten und Arbeitern in dankbarer Anerkennung ihrer treuen Mitarbeit und Verdienste gewidmet». Es enthielt die Fotos der Belegschaft ihrer Abteilung und einem Begleittext. Zur Abteilung «Ökonomiebetrieb» gehörten die Männer an der Pforte und bei der internen Post, die Frauen in der Wäscherei, zudem die Unterabteilungen Reinigung, Parkpflege, Gärtnerei und Schweinezucht.

Den erläuternden Artikel für den «Ökonomiebetrieb» verfasste Fritz Amacher, ein bisweilen «scharf» eingreifender Berner Oberländer, wie sich ein an der Ausstellungsvernissage anwesender Ballyaner erinnert. Der Text liest sich wie ein Lob auf die soziale Ader des Patrons. Bemerkenswert ist, dass die Bally-»Ökonomie» die Kosthäuser mit «aus biologisch-dynamischer Basis gezogenem Gemüse» versorgte, wie Chefökonom Amacher schrieb.

Voller Stolz posiert

«Die Fotos beziehen ihren Reiz aus der abgebildeten, wenn auch inszenierten industriellen Realität», freute sich Martin Matter an der Eröffnung der Präsentation. Die Leute zeigen sich voller Stolz mit ihren Maschinen, Werkzeugen und Produkten.

Als Betrachter kann man aber auch die strenge Hierarchie in den Abteilungen ablesen, etwa dass die Schuhmacher einfache Schürzen, die Vorarbeiter aber Berufsmäntel mit Ärmeln und die Techniker weisse Berufsschürzen trugen. Alle abgebildeten Personen können anhand Nummern und Namenlisten identifiziert werden.

So kann man auf einem Gruppenbild der Abteilung «Verkauf, Création» inmitten seiner zwei Kolleginnen und 14 Kollegen den damals 22-jährigen Paul Gugelmann entdecken.