An der Generalversammlung vom 6. Februar 2018 fasste der Männerchor Oensingen schweren Herzens einen Entschluss: Der Gesangsbetrieb wird eingestellt. Gründe dafür gibt es laut der Medienmitteilung mehrere, obwohl einer heraussticht: Der Chor hat zu wenig Mitglieder.

«Einerseits haben sich die Mitgliederzahlen in den letzten paar Jahren stetig vermindert, andererseits musste der Chor auf diese GV hin mehrere Demissionen entgegennehmen», heisst es in der Pressemitteilung weiter. Diese Austritte können nicht mehr ersetzt und der Chorbetrieb nicht mehr länger von den verbleibenden Mitgliedern aufrechterhalten werden.

Kosten sind zu gross für Aufwand

«Früher, da war natürlich alles noch anders», sagt Präsident Ernst Schneider. «Das Chorwesen hat in all den Jahren eine unglaubliche Entwicklung hinter sich gebracht.» Gegründet wurde der Männerchor Oensingen im Jahr 1870, also vor rund 148 Jahren. Im Jahr 1900 stand der Chor unter der Leitung von Lehrer Walter Schnyder und zählte 26 Mitglieder. Als Schneider vor 46 Jahren zum Chor dazustiess, hatte dieser gar 44 Mitglieder. «Ich konnte eigentlich nie richtig singen», erzählt Schneider und lacht. Er sei eher für anderes zuständig gewesen.

«Und jetzt macht einfach die Stimme des Alters wegen nicht mehr richtig mit.» So ginge es auch anderen Mitgliedern, denn viele der Männer seien schon älter. Unter anderem deshalb war es einigen Männern aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr möglich, aktiv am Chorbetrieb teilzunehmen. «Drei weitere haben noch schwere Operationen vor sich», so Schneider weiter.

Ausserdem sei erst kürzlich ein Chormitglied verstorben. Dieser Verlust reisse ein grosses Loch in den Chor. Die übrigen elf Mitglieder können deshalb kaum noch vierstimmig singen. «Und zweistimmige Sätze, die sind einfach nichts für einen Männerchor», sagt der Präsident bestimmt. «Das Verhältnis stimmt jetzt einfach nicht mehr.»

Die Kosten seien zu gross für den Aufwand, den die übrigen Mitglieder zu betreiben hätten. Zwar habe der Chor alle möglichen Anstrengungen unternommen, um weitere Mitglieder zu finden, blieb jedoch bislang erfolglos. Der Gesangsbetrieb wird infolgedessen eingestellt, auch wenn dies den Männern sichtlich schwerfällt. «Aber wir treffen uns trotzdem noch ein Mal monatlich», sagt Schneider. «Das Kameradschaftliche soll uns schliesslich erhalten bleiben.» Das Auflösen des Vereins steht für Schneider ausser Frage. Die Verantwortlichen geben die Hoffnung nicht auf, in Zukunft wieder Mitglieder zu gewinnen und den Gesangsbetrieb wieder aufnehmen zu können.

Junge haben weniger Interesse

Wieso die Suche nach weiteren Mitgliedern erfolglos geblieben ist? «Die Jungen heute haben halt nicht mehr die gleichen Interessen», versucht Schneider zu erklären. «Und in der Schule wird mehr Wert auf den Instrumentalunterricht gelegt. Gesang geht vermehrt unter.» Ausserdem würden Jugendliche weniger Verpflichtungen haben wollen. Darunter leide das Vereinswesen. «Und das ist schliesslich das Salz in der Suppe einer Gemeinde», meint Schneider. Weil eben weniger Junge nachrücken, kann der Männerchor nicht von der Jugendförderung profitieren.

Einzig von der Gemeinde erhält der Männerchor, wie alle anderen Oensinger Vereine auch, einen Zustupf von 300 Franken pro Jahr. «Damit können wir uns gerade mal zwei Proben leisten», erklärt der Präsident. «Wir würden uns schon ein wenig mehr Unterstützung wünschen.» Zwar erhält der Männerchor von zahlreichen Spendern und Gönnern finanzielle Beiträge, trotzdem sei es auch Sache der Gemeinde, die Kultur zu fördern. Aber das Problem läge schliesslich nicht nur in der Finanzierung.

Gemeindepräsident Fabian Gloor ist der Meinung, dass die Einwohnergemeinde die Vereine mit diesen 300 Franken in einem grosszügigen Rahmen unterstützt. «Ausserdem stellt die Gemeinde den Vereinen die Infrastruktur zur Verfügung und bietet somit auch in anderen Bereichen Unterstützung», so Gloor.

Die Einwohnergemeinde fördere die Vereine insgesamt sehr stark, auch im Vergleich mit anderen Gemeinden. Der Gemeindepräsident stimmt Schneider in Sachen Jugendförderung aber zu: «Vor allem Gesangsvereine haben Mühe, Jüngere zu begeistern. Das ist zwar schade, aber leider eine Tatsache.»