Oberbuchsiten
Zeitdokument und Müschterli aus dem Gäu

Die Solothurner Volkskundlerin Elisabeth Pfluger war zu Gast in der Schälismühle und gab einige Anekdoten zum Besten.

Urs Amacher
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Als Erzählerin gefragt: Die 97-jährige Solothurner Volkskundlerin Elisabeth Pfluger (links im Bild) in der Schälismühle. patrick lüthy

Als Erzählerin gefragt: Die 97-jährige Solothurner Volkskundlerin Elisabeth Pfluger (links im Bild) in der Schälismühle. patrick lüthy

Patrick Lüthy

Der Verein Freunde der Schälismühle hatte am Sonntag-Nachmittag zwei besondere Leckerbissen parat. Im Gäuer Forum Schälismühle zeigte er einen dreiundfünfzig Jahre alten Amateurfilm. Im zweiten Teil gab Elisabeth Pfluger einige Anekdoten zum Besten.

Gäufest-Film

Thema des Films war das Gäufest, das im Jahre 1963 in Neuendorf stattfand. Bei diesem Anlass drehte der in Niederbuchsiten wohnende Kantonsförster und Hobbyfilmer Jules Zeltner mit seiner Super-8-Kamera einen dokumentarischen Streifen und bannte die wichtigsten Szenen zur Erinnerung auf Zelluloid. Schälismüller Heiri Kissling ordnete den gezeigten Gäufest-Film geschichtlich ein.

Der historische Buchsgau erstreckte sich zwischen den Flüsschen Siggern und dem Erzbach sowie der Aare und dem Jurakamm. Lehensherr war der Bischof von Basel, die landesherrlichen Gerichtsrechte übten im Hochmittelalter die Grafen von Froburg aus. Mit dem Niedergang des Adels erwarben die Städte Bern und Solothurn die weltliche Herrschaft über die Buchsgauer Dörfer.

Im 15. Jahrhundert forderte Bern eine klare Ausscheidung der Rechte. So wurde 1463 der Buchsgau geteilt, das Territorium des Bipperamts kam zu Bern, das Gebiet am Ufer der Dünnern hingegen vollständig zu Solothurn. So bedeutete das Jahr 1463 das Ende des historischen Buchsgaus und die Geburt des Gäus. Dieses Datum feierte man 1963 mit einem grossen Fest in Neuendorf.

Treibende Kräfte waren Hardy Wyss, Jules Pfluger und seine Schwester Elisabeth Pfluger im Organisationskomitee sowie als Koordinator der Festspielszenen Guido Pfluger.

Ausser Wangen beteiligten sich alle Gemeinden am 500-Jahre-Jubiläum des Gäu. In jedem Dorf gestalteten die Vereine eine Episode aus der Geschichte und stellten sie in einer Szene aus der Festbühne dar.

Der Film begann in Solothurn, wo der in rot-weisse Landsknechtuniformen gekleidete Kavallerieverein die Kantonsregierung abholte und nach Neuendorf begleitete. Landammann Urs Dietschi war ebenso zu erkennen wie Regierungsrat Werner Vogt, Staatsschreiber Alfred Rötheli und der frischgewählte Willi Ritschard.

In Neuendorf selber interessierte sich der Amateurfilmer Jules Zeltner vor allem für die historischen Szenen auf der Bühne. Da beim Stummfilm der Ton natürlich fehlte, kommentierte Elisabeth Pfluger das Geschehen auf der Bühne. An alles konnte sie sich aber auch nicht mehr erinnern; so halfen zum Teil Leute aus dem Publikum, die damals ebenfalls dabei waren.

Themen, welche von den Akteuren auf der Festbühne dargestellt wurden, handelten von der Teilung des Buchsgaus zwischen Bern und Solothurn, vom Niederbuchsiter Bauernführer Adam Zeltner, von der Wallfahrt zur legendären Gottesmutter Marienwallfahrt in Wolfwil, von der Bärenjagd in Egerkingen und der Zehntenablieferung auf der Bechburg ob Oensingen samt anschliessendem Volksfest. In der neueren Zeit spielte die Reise von Johann Lüthy ans Schützenfest Luzern und anschliessender Schifffahrt nach Weggis, was ihn zum berühmten Rigilied inspirierte.

Den 20-minütigen Schmalfilm hat Schälismüller Heiri Kissling von Jules Zeltners Gemahlin Antoinette erhalten. Für die Dorfwoche 2001 in Neuendorf wurde der Streifen digitalisiert.

Anekdoten aus dem Gäu

Im zweiten Teil des herbstlichen Sonntagnachmittags erzählte Elisabeth Pfluger einige Anekdoten aus dem Gäuer Dorfleben. Ihre «Müschterli» konnten von einfachen Leuten handeln ebenso wie von mächtigen Männern. Von Oberst Emil Lüthy aus Oberbuchsiten, einem in der Wolle gefärbten Freisinnigen, wusste sie, dass er sich öffentlich beklagte: «Vor den Schwarzen (Katholisch-Konservativen) gibt es kein Entrinnen.

Man kann im Herbst noch so gut gelbe und rote Kartoffeln einkellern, Ende Winter bleiben einem nur schwarze». Und aus eigener Erfahrung berichtete Elisabeth Pfluger, dass sie einmal mit einem älteren Ehepaar ein Rendezvous abmachte. Doch die Frau hatte kein Verständnis für die Sagensammlerin, sondern interessierte sich nur für deren Fertigkeiten im Nähen und Stricken. Das Publikum hätte der begnadeten Erzählerin noch lange zuhören mögen.