Kestenholz
Xavier Naidoo vergass am St.Peter at Sunset «vor lauter Geilheit» auch mal den Text

Der deutsche «Soul-Prediger» Xavier Naidoo eröffnete mit seinem Quartett das Festival St. Peter at Sunset in Kestenholz. Eine Sinnflut, das gleich in mehrfacher Hinsicht.

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Xavier Naidoo erlebte in Kestenholz «einen perfekten Abend».

Xavier Naidoo erlebte in Kestenholz «einen perfekten Abend».

HR Aeschbacher

Den ganzen Tag über schüttete es, doch pünktlich zur Eröffnung des Festivals St. Peter at Sunset am Mittwochabend wurde der Regen zum leichten Nieseln, das sich bald einstellte und erst zum Schluss des Freiluftkonzertes zurückkehrte. Immerhin: Schlammorgien wie zuletzt am Openair St. Gallen waren in Kestenholz so oder so nicht zu erwarten, auf dem Konzertgelände rund um die Kapelle St. Peter wurde ein dicker Kunststoffboden ausgelegt und nicht zuletzt ist das Festival dafür auch einfach zu mondän.

Xavier Naidoo, er stand an diesem Abend auf der Bühne, widmete den «fleissigen Bodenlegern» ein paar nette Worte und freute sich über das ausverkaufte Konzert. «Ich selbst wäre bei diesem Wetter nicht gekommen», scherzte er.

Viele kamen ans St. Peter at Sunset, um Xavier Naidoo singen zu hören.

Viele kamen ans St. Peter at Sunset, um Xavier Naidoo singen zu hören.

HR Aeschbacher

In seinen jüngsten Projekten war Naidoo kaum wiederzuerkennen. Erst schlug er im gemeinsamen Album «Xavas» mit Rapper Kool Savas raue Töne an, dann waren in «Mordsmusik» dröhnende Dubstep-Beats an der Reihe. Von all dem war in Kestenholz nichts zu hören. Sein Konzert eröffnete Naidoo mit «Bei meiner Seele», dem Titelsong seines neuen Soloalbums. In der schlichten, ohne Streicherbegleitung fast schon monumentalen Ballade gab der 41-jährige Musiker vom ersten Takt an zu verstehen, dass Sanftes auf dem Programm steht.

Das Festival geht weiter

Tatsächlich soll das Wetter im Gäu besser werden, was bei den Veranstaltern von St. Peter at Sunset wohl für ungemeine Erleichterung sorgt. Denn das Festival, dessen Line-Up heterogener nicht sein könnte, hat mit dem Auftritt von Xavier Naidoo erst begonnen.

Am Donnerstagabend steht die französische Sängerin Patricia Kaas mit ihren Chansons auf der Bühne, am Freitagabend «rockt» der einstige Supertramp-Frontman Roger Hodgson. Am Samstag folgt der englische Jazzmusiker Jamie Cullum, der sich selbst als «Crossover»-Künstler bezeichnet. Der Sonntagabend schliesslich steht im Zeichen von Schlager und Volksmusik, unter anderem mit den Amigos.

Für alle Konzerte sind gemäss Festivalleitung noch Tickets erhältlich.

Naidoos Liedersammlung

Zurück zu den Wurzeln, scheint sich Xavier Naidoo in Kestenholz gedacht zu haben. Mit seinen Begleitmusikern - einem gut eingespielten Quartett aus Bassist, Schlagzeuger, Gittarist und Pianist - schöpfte er aus seiner Liedersammlung. Zu dieser gehörten all die Pathos-getränkten Stücke, die Naidoo zu seinem Markenzeichen machte. Die Hitliste schien unendlich und hatte den Vorteil, dass Naidoos Publikum keinen Einsatz verpasste, wenn es darum ging, mitzusingen. Wenig wurde ausgelassen, auf das sehnsüchtige «Dieser Weg» folgte die schwülstige Liebesballade «Ich brauche dich».

Naidoo unterstrich das ihm seit langem angehaftete Image des deutschen «Soul-Predigers» mit viel Gefühligem. Es sind «Menschensongs», die Naidoos Schaffen prägen, wie er selbst feststellte. Seine Liedtexte sprechen für sich, oft schwerbeladen mit mahnenden Litaneien und missionarischen Ansprüchen sorgten sie auch schon für Verwirrungen. Doch Naidoo lässt sich nicht gerne in eine Schublade stecken - weder in eine religiöse, noch in jene des Souls.

Selbstkritisches und Krawalliges

So schlossen seine Darbietungen auch mal mit einer Gitarreneinlage, Hip-Hop-Beats waren zu hören und in «Zeilen aus Gold» postulierte Naidoo sogar «Discotime». Dazwischen streifte der als öffentlichkeitsscheu geltende Sänger immer wieder sein neues Album. Und bot damit überraschend persönliche Einblicke - frei von Heroischem. In «Hört, hört» etwa blickte Naidoo fast schon selbstkritisch auf seine Karriere: «Meine Stimme hat manche betört, meine Worte haben viele verstört.» Mit Reggaeklängen kam «Autonarr» daher, für einmal kein «Menschensong». Im etwas gar stumpfen Text erzählt Naidoo von seiner Liebe zu schnellen Autos.

Krawallig wurde es doch noch: Nämlich dann, als der Rapper Moses Pelham auf die kleine Bühne trat und mit Naidoo das gemeinsamen Stück «Deine Last» präsentierte. Auf den zweiten Blick aber stand auch dieser Auftritt im Zeichen der Harmonie. Denn Pelham und sein einstiger Zögling Naidoo stritten vor Gericht jahrelang um Verwertungsrechte, nun scheinen sie sich wieder versöhnt zu haben.

«Fragile Geschöpfe»

Xavier Naidoo mag mit schmalzigen Hymnen und bisweilen religiösem Eifer nicht jeden Geschmack treffen. Als charmanter Unterhalter versteht er es aber, solides Entertainment auf die Bühne zu bringen. Spätestens, als Naidoo zu «Ich kenne nichts (das so schön ist wie du)» ansetzte, erhob sich auch das sitzende Publikum. Bei seinem Nummer-Eins-Hit aus dem Jahr 2003 wollte Naidoo singende Männer hören, denn singende Männer seien «fragile Geschöpfe».

Überhaupt pflegte Naidoo, der rund zwei Stunden musizierte und dabei «vor lauter Geilheit» auch mal einen Text vergass, zu seinem Publikum ein inniges Verhältnis. Er zeigte sich dankbar, in Kestenholz habe er - abgesehen vom Wetter - einen «perfekten Abend» erlebt. Gegen das garstige Wetter hatte Naidoo immerhin ein Rezept auf Lager: seinen Erlösersong «Alles kann besser werden».