Oensingen
Wo sich zwei Kulturräume trafen: Was wird im Oberdorf ausgegraben?

Ausgrabungen im Oberdorf von Oensingen zeigen, dass sich hier im Frühmittelalter romanische und alamannische Kulturen mischten.

Fränzi Zwahlen-Saner
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Mit einer sogenannten Blockbergung in Gips wurden ein Sax und Gürtelteile aus dem Grab gehoben. Ein überraschender Fund: Silbertauschierte, rechteckige Gürtelschnalle aus Buntmetall. Das sogenannte «Grab Nr. 4»: eine 40- bis 70-jährige hoch angesehene Frau wurde so bestattet. Augenschein von den Grabungsarbeiten auf dem Gelände der ehemaligen Gärtnerei Jurt ab Dezember 2016 in Oensingen.
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Das sogenannte «Grab Nr. 4»: eine 40- bis 70-jährige hoch angesehene Frau wurde so bestattet.
Augenschein von den Grabungsarbeiten auf dem Gelände der ehemaligen Gärtnerei Jurt ab Dezember 2016 in Oensingen.

Mit einer sogenannten Blockbergung in Gips wurden ein Sax und Gürtelteile aus dem Grab gehoben. Ein überraschender Fund: Silbertauschierte, rechteckige Gürtelschnalle aus Buntmetall. Das sogenannte «Grab Nr. 4»: eine 40- bis 70-jährige hoch angesehene Frau wurde so bestattet. Augenschein von den Grabungsarbeiten auf dem Gelände der ehemaligen Gärtnerei Jurt ab Dezember 2016 in Oensingen.

Bilder: Archäologie Kt. SO Bild: Bruno Kissling

Das Gebiet des heutigen Oensingen ist seit Jahrtausenden besiedelt. Schon die Menschen der Altsteinzeit jagten hier in unterschiedlichen Kulturschichten zwischen 14400 und 10610 Jahren v.Chr. nach damaligen Wildtieren, die den Kessel durch die Klus bei ihren Wanderungen bevorzugten. Bis heute ist dieser Landstrich sehr begehrt – heute vorwiegend aus verkehrstechnischer Sicht. Das beweisen die vielen Baukräne und Baugespanne, die derzeit in Oensingen zu sehen sind.

Eine solche, moderne Bauabsicht führte auch zwischen 2016 und 2017 dazu, dass auf dem Gebiet des heutigen Oberdorfes von Oensingen, dort wo einige Jahre die Gärtnerei Jurt domiziliert war, eine lang zurückliegende, aber kulturgeschichtlich wichtige Epoche erforscht werden konnte. Ein Team der Kantonsarchäologie Solothurn führte dazu eine grossflächige Grabung durch, welche überraschende Funde zu Tage brachte. Diese Arbeit ist nun im Jahrbuch der «Archäologie und Denkmalpflege im Kanton Solothurn 25/2020» dokumentiert und nachzulesen.

Das heutige Oberdorf von Oensingen wurde noch bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts als Bienken bezeichnet. Bekannt ist heute noch der Bienkensaal oder die Bienkenstrasse, ansonsten ist der Ortsname als solcher verschwunden. Wie Oensingen ist auch Bienken ein frühmittelalterlicher Siedlungsname. Dass sich aber Oensingen als Name für das Dorf durchsetzte, mag damit zusammenhängen, dass in diesem Ortsteil die Pfarrkirche stand. Für Bienken selbst sind keine Sakralbauten nachgewiesen.

Zuerst römische Villa, dann Friedhof

Es gab seit dem 19. Jahrhundert immer wieder Fundmeldungen, die auf einen Standort einer römischen Villa im Oberdorf hinwiesen, heisst es im Jahrbuch. «Die von Dezember 2016 bis November 2017 von der Kantonsarchäologie durchgeführte Grabung war durch mehrere Bauprojekte ausgelöst worden.» Unter der Leitung von Fabio Tortoli wurden auf einer Fläche von 1000 Quadratmetern Reste des Hauptgebäudes des römischen Gutshofes untersucht. Nach mehreren Umbauten des Hofes erfolgte wohl an der Wende zum 2. zum 3. Jahrhundert n.Chr. die Erweiterung zu jenem grossen, mehrgliedrigen Steinbau, der später den architektonischen Rahmen für einen frühmittelalterlichen Bestattungsplatz bildete, den man daraufhin ausgraben konnte.

So fanden die Archäologen nebst den römischen Bauresten 23 frühmittelalterliche Körpergräber. Sie waren alle im 7. Jahrhundert n.Chr. im Innenhof des Hauptgebäudes der Villa angelegt worden. Bereits 1968 war rund 20 Meter davon entfernt ein einzelnes Männergrab zum Vorschein gekommen, das heute ebenfalls dieser Zeitepoche zugeordnet werden kann.

Die Neufunde ergaben nun ein genaueres Bild dieses Bestattungsplatzes, auch wenn nur ein Ausschnitt erfasst werden konnte, denn gemessen an der untersuchten Fläche des Innenhofes könnte hier mit einer Gesamtzahl von gegen hundert gerechnet werden, schreibt der Verfasser des Berichts, Andreas Motschi. Vermutlich sei die römische Villa, bevor das Gelände als Friedhof genutzt wurde, durch ein Feuer zumindest teilweise zerstört worden. Frühmittelalterliche Bestattungen im Areal einer römischen Villa, eines Tempels oder eines Vicus sind in unserem Gebiet keine Seltenheit.

In den 23 gefundenen Gräbern wurden sterbliche Überreste von insgesamt 25 Individuen gefunden. Neun waren weiblich, acht männlich und bei weiteren acht war das Geschlecht nicht zu bestimmen. Aufgrund der schlechten Erhaltung der Skelette waren die Altersbestimmungen nicht immer gut möglich. Mit über 20 Jahren verstarben 17 Personen, zwei Frauen waren mit zwischen 40 bis 70 Jahren die Ältesten. Die Toten wurden auf dem Rücken liegend bestattet, die Hände über das Becken gelegt oder mit seitlich anliegenden Armen.

Die Gürtelmoden zeigen unterschiedliche Kulturen

Interessant wurde es bei der Sichtung der Grabfunde aus Metall. Fünf Frauen trugen Schmuck in Form von Halsketten, Ohr- und Fingerschmuck. Fünf Männern wurde das Sax, das einschneidige Kurzschwert, zusammen mit Gürtel und Gürteltasche samt Inhalt mitgegeben. Bei den Frauen wurden zwei unterschiedliche Gürtelmoden gefunden. Zwei Frauen trugen grosse Gürtelschnallen mit rechteckigen, silbertauschierten Beschlägen. Diese Gürtelschnallen waren zu dieser Zeit vorwiegend in der Westschweiz und in Ostfrankreich vertreten. In einem anderen Frauengrab fand sich eine schlichte, einfache Gürtelschnalle, wie sie mehrheitlich im östlichen Mittelland vorkommt.

Die rechteckigen Gürtelschnallen von Oensingen sind somit die östlichsten Vorkommen dieser Objekte zwischen Westschweiz und Rhein. Denn schon in Oberbuchsiten, nur wenige Kilometer von Oensingen entfernt, wurden in frühmittelalterlichen Gräbern wieder andere Gürtelschnallen, nämlich solche mit Zierscheiben gefunden, die in Oensingen fehlen. Diese und weitere Grabfunde belegen: Oensingen wirkte als sogenannte Kontaktzone zwischen romanischen und alamannischen Kulturräumen.

Die ältesten Namen von Orten sind keltischer oder lateinischer Herkunft. Sie sind oft Indikator für kontinuierlich besiedelte Plätze seit römischer Zeit. In unserem Gebiet sind solche Orte mehrheitlich links der Aare und deutlich gehäuft westlich von Solothurn anzutreffen. Zu dieser Gruppe gehören Namensbildungen mit -ach. Zur ersten Schicht germanischer Ortsnamen gehören die Bildungen auf -ingen. Sie haben ihren Verbreitungsschwerpunkt rechts der Aare. Dieser Kategorie ist aber auch Oensingen zuzurechnen. Die Klus wird damit wiederum zum Markpunkt zwischen den Siedlungsentwicklungen im Westen und Osten. (frb)

Hinweis

«Archäologie und Denkmalpflege im Kanton Solothurn 25/2020». Amt für Denkmalpflege und Archäologie, Werkhofstr. 55, 4509 Solothurn, Fr. 20.–

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