Fotografie
Wo die Zeit stehen geblieben ist: Ein Blick in die Vergangenheit

Herrenhäuser, Villen, Spitäler, Psychiatrien oder Fabriken: Solange sie verlassen sind, interessieren sich Deborah Sgier und Naomi Weber dafür. Sie fotografieren sogenannte «Lost Places» und stellen ihre Werke derzeit im Roggenpark in Oensingen aus.

Sarah Kunz
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Die Werke «Morbider Charme des Verfalls» der Fotografinnen Deborah Sgier und Naomi Weber finden sich noch bis im Herbst im Roggenpark Oensingen.

Die Werke «Morbider Charme des Verfalls» der Fotografinnen Deborah Sgier und Naomi Weber finden sich noch bis im Herbst im Roggenpark Oensingen.

Sarah Kunz

«Angefangen hat alles damit, dass ich gerne mit meinem Handy fotografiert habe», erzählt Deborah Sgier. «Im September habe ich mir dann eine richtige Kamera gekauft.» Eines Tages sei sie per Zufall an einem verlassenen Gebäude vorbeigefahren, habe ein paar Fotos geknipst und diese dann ihrer Freundin Naomi Weber gezeigt. «Mir hat vor allem das alte Sofa gefallen», wirft diese ein. «Ich fand das Gesamtbild, das sie eingefangen hat, sehr ansprechend.» Daraufhin habe sich die Oltnerin ebenfalls eine Kamera gekauft. Seither klappern die beiden Freundinnen alte, verlassene, teils gar verfallene Gebäude ab und fangen die Stimmung ein, die, wie sie sagen, «den morbiden Charme des Verfalls» zeigt.

Ob Herrenhäuser und Villen in Frankreich, Spitäler und Psychiatrien in Italien, stillgelegte Fabriken in Österreich oder alte Thermalbäder in der Schweiz – die Fotografinnen legen zum Teil weite Wege zurück, um an solche «Lost Places», zu Deutsch «Verlorene Plätze», zu gelangen. «Online gibt es eine ganze Community, die von solchen Orten genauso fasziniert ist wie wir», sagt Sgier. Dort tauschen sich die beiden Frauen mit Gleichgesinnten aus.

All diese Bilder und weitere sind momentan im Roggenpark Oensingen zu bestaunen.
10 Bilder

All diese Bilder und weitere sind momentan im Roggenpark Oensingen zu bestaunen.

Deborah Sgier

«Von anderen erfahren wir auch immer wieder von neuen Plätzen», fügt die 24-jährige Weber an. Als Schutz vor Vandalismus oder Diebstahl werden die genauen Standorte aber nicht an «Aussenstehende» weitergegeben. Es sei gar nicht so einfach, solche Gebäude ausfindig zu machen. Denn oftmals lässt sich der richtige Name eines Hauses nicht im Voraus in Erfahrung bringen, viele erhalten Übernamen. So beispielsweise das «Banana», das so genannt wird, weil im Innern viele Bananenschachteln rumliegen. «Wenn wir Glück haben, finden wir dann im Innern des Hauses Dokumente, die uns etwas mehr über die Geschichte erzählen», so die in Winznau wohnende Sgier.

Gebäude erzählen Geschichte

Die Geschichte hinter den Orten ist denn auch das, was die Fotografinnen so fesselt. «Die Lost Places spiegeln das frühere Leben, das dort einmal stattgefunden haben muss», schwärmt Weber. «Sie wirken, als wäre die Zeit stehen geblieben.» Vielerorts hinterlassen die Räume den Eindruck, als hätten die vorherigen Bewohner alles stehen- und liegenlassen, als hätten sie kurzfristig aufbrechen und alles hinter sich lassen müssen. Teilweise seien die Gebäude seit rund 40 Jahren unberührt. «Es herrscht eine gewisse düstere Dramatik in dieser Momentaufnahme», erklärt Sgier. «Diese Spannung wollen wir einfangen.»

Zwar sei es ab und an schon ein wenig gruselig, findet Weber. «Also ich habe damit kein Problem», wirft Sgier lachend ein. «Einmal haben wir uns im Keller eines alten Thermalbads verlaufen», erzählt daraufhin Weber weiter. «Plötzlich gingen wir nur noch im Kreis und fanden den Ausweg nicht mehr. Da bekam ich es schon ein wenig mit der Angst zu tun.» Sgier fügt an: «Da lagen noch Schwimmflügeli und Flossen rum. Wir wollten nur noch raus.»

Die beiden lachen und kommen richtig in Fahrt: «Ein anderes Mal waren wir auf dem Nachhauseweg von Italien und wollten uns noch ein altes Gebäude anschauen», so Sgier. «Wir mussten aber durch einen Wald, wo überall Dornen wuchsen.» Heiss sei es zudem gewesen und viele Mücken habe es gehabt. «Irgendwann haben wir es aufgegeben und sind zurück zum Auto. Über und über mit Mückenstichen bedeckt, zerkratzt, schmutzig und nass.» Weber beendet die Geschichte: «Wir sind dann in unseren Pyjamas zurück in die Schweiz gefahren.»

Ein Schlupfloch finden

«Es ist immer wieder ein Abenteuer, wenn wir zusammen unterwegs sind», schwärmt Sgier. Das sei eine schöne Nebensache ihres gemeinsamen Hobbys. Dass sie sich dabei in einer rechtlichen Grauzone bewegen, ist den beiden Abenteuerinnen bewusst. «Irgendwem gehören die Gebäude ja noch immer», sagt Weber. Einbrechen sei deshalb tabu. «Aber meistens findet sich immer irgendwo ein Schlupfloch», fügt Sgier mit einem Augenzwinkern hinzu. Schon alleine das Hineinkommen sei deshalb ein Abenteuer.

Ausserdem gefällt es den beiden Pflegefachfrauen, für einmal nicht von Menschen umgeben zu sein und die Stille geniessen zu können. «Für uns ist das wie Ferien», so Weber. «Deshalb machen wir das auch hauptsächlich für uns.» Sollte aber bei all dem Spass, den Abenteuern und der Geschichte noch etwas rausspringen, seien sie auch nicht traurig.

Die erste Ausstellung ihrer Werke findet derzeit im Roggenpark Oensingen statt. Wobei die Bilder an der Wand nur von Sgier stammen. Die 29-Jährige arbeitet dort als Fachfrau Gesundheit und hat deshalb persönlichen Bezug zum Gesundheitszentrum. «Wir machen hier ja öfters solche Ausstellungen, deshalb habe ich einfach angefragt.» 25 Bilder hängen also noch bis zum Herbst an den Wänden im Roggenpark. Den Bewohnern gefällts: «Viele der älteren Menschen erkennen gewisse Gegenstände auf den Bildern.» Hier eine alte Nähmaschine, dort ein antiker Schaukelstuhl. «Die Bilder sind halt auch ein Spiegel ihrer Zeit.»