Niederbuchsiten
«Wir wollen das normale Leben in die ‹Stapfenmatt› holen»

Das kantonsweit erste Demenzzentrum nach dem Vorbild des holländischen Demenz-Dorfes De Hogewey nimmt Mitte Dezember in Niederbuchsiten seinen Betrieb auf. Einziehen werden die 25 Demenz-Patienten von der Demenzabteilung vom Sunnepark Egerkingen.

Erwin von Arb
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Abteilungsleiterin Jannine Cavallet (links) mit ihrem fast vollzähligen Team vor der «Stapfenmatt» in Niederbuchsiten.

Abteilungsleiterin Jannine Cavallet (links) mit ihrem fast vollzähligen Team vor der «Stapfenmatt» in Niederbuchsiten.

Erwin von Arb

«Das ist ja richtig heimelig hier, toll dieser schöne Garten». «Mit der vorhandenen Einrichtung können wir eine gute Dienstleitung erbringen». «Ich freue mich schon jetzt darauf, hier arbeiten zu dürfen.»: So und ähnlich lauteten die Kommentare der 17 Pflegefachkräfte, welche diese Woche unter der Leitung von Jannine Cavallet die Räumlichkeiten des Alters- und Pflegeheims Stapfenmatt in Niederbuchsiten besichtigten. Dort wird die Genossenschaft für Altersbetreuung und Pflege Gäu (GAG) ab Mitte Dezember ein Demenzzentrum betreiben.

Es fehlen über 100 Pflegeplätze

Die notwendige sanfte Sanierung des 1991 erbauten Gebäudes kostet die GAG rund 800 000 Franken, wie Geschäftsführer Rüdiger Niederer erwähnt. «Es besteht dringender Handlungsbedarf, wir brauchen mehr Platz», so der 52-Jährige. Derzeit verfügt die GAG im Sunnepark Egerkingen und im Roggenpark Oensingen insgesamt über 151 Betten. Das sind immer noch zu wenig, um den effektiven Bedarf abzudecken. In der Amtei Thal-Gäu fehlten über 100 Pflegeplätze für Senioren, entsprechend hoch sei die Nachfrage. Deshalb habe der Verwaltungsrat entschieden, die seit Juni leerstehende «Stapfenmatt» nicht zu schliessen, sondern daraus in ein Demenzzentrum zu machen.

Als weiteren Grund erwähnt Niederer die geschlossene Demenzabteilung im ersten Obergeschoss in Sunnepark Egerkingen. Diese genüge nicht, um die dort untergebrachten Menschen optimal zu betreuen und zu versorgen. Insbesondere fehlten die Rückzugsmöglichkeiten innerhalb der Station und ein selbstständiges Betreten des Aussenbereichs sei nicht möglich. Für die Psyche der Demenzkranken sei das nicht förderlich. «Zu dieser Auffassung sind wir gelangt», sagt Gina Kunst, Bereichsleiterin Pflege und Betreuung. Deshalb habe die GAG-Leitung bereits vor einem Jahr damit begonnen, nach neuen Möglichkeiten Ausschau zu halten, um diese suboptimale Situation zu verbessern.

Demenz-Dorf in Holland besucht

Auf Interesse stiess dabei auch ein Model des Demenz-Dorfes De Hogewey in der holländische Gemeinde Weesp nahe Amsterdam. Hier wurde ein ganzes Dorf mit Gärten, Dorfplatz, Supermarkt Theater, Cafes, Coiffeursalon und sogar einer Arztpraxis für Demenz-Patienten geschaffen, in welchem sich die Leute frei bewegen können. Untergebracht sind die insgesamt 150 Demenz-Bewohner in 23 Häuschen und Wohneinheiten aufgeteilt in Gruppen von maximal sieben Bewohnern. Betreut werden sie von geschultem Personal in Zivilkleidung, welche die Bewohner in ihren Neigungen und Stimmungen entsprechend in die täglichen Abläufe einbeziehen. «Uns hat dieses Modell, wo die Menschen in grösstmöglicher Selbstständigkeit und Selbstbestimmung leben können, sehr beeindruckt», meint GAG-Geschäftsführer Rüdiger Niederer im Rückblick auf die Exkursion des Kaders nach De Hogewey. «Dieses Pionierprojekt hat uns seither nicht mehr losgelassen und uns darin bestärkt, selbst so etwas auf die Beine zu stellen. Damit können wir demenzkranken Menschen mit der Würde begegnen, die ihnen gebührt», zeigt sich Niederer überzeugt.

Demenz-Dorf entsteht in Wiedlisbach

Die «Stapfenmatt» in Niederbuchsiten ist das erste Pflegeheim im Kanton Solothurn, welches das Betreuungskonzept des Demenzdorfes De Hogewey in Holland übernimmt, wenn auch in kleinerem Rahmen, wie Kathrin Ryser vom Amt für Soziale Sicherheit (ASO), Fachstelle Betreuung und Pflege, bestätigt. Nicht optimal sei allerdings die auf drei Etagen verteilten Wohngruppen in der «Stapfenmatt». Ideal wären ebenerdige Lebensräume. Nicht nur solche, sondern gleich ein ganzes Demenzdorf nach dem Vorbild «De Hogewey» in Holland mit Läden, Cafés, Coiffeur, Reisebüro usw. schaffen will das Pflegeheim Dahlia in Wiedlisbach BE, wie Direktor Urs Lüthi erklärt. Das Pilotprojekt läuft Anfang 2015 mit zwei dem Heimbetrieb angegliederten 7-köpfigen Wohngruppen an. 2017 soll in einer ersten Etappe das Demenzdorf mit 14 bis 16 Wohneinheiten für rund 100 Bewohner seinen Betrieb aufnehmen. Bei Bedarf könne eine zweite Etappe ins Auge gefasst werden. «Land ist vorhanden», so Lüthi. Im «Dahlia» Wiedlisbach leben 170 Seniorinnen und Senioren, die vornehmlich aus dem Oberaargau stammen. 60 bis 70 davon leiden an Demenz. (eva)

Vom im Holland angewandten Konzept überzeugt ist auch Jannine Cavallet, die 26 Jahre alte Leiterin des neuen Demenzzentrums in der «Stapfenmatt». Dies nicht zuletzt auch wegen einer Studienreise, welche sie zusammen mit ihrem 20-köpfigen Team anfangs September in das Demenz-Dorf unternommen hat. Menschen werde dort ein Zuhause geboten, das nicht an der Haustür ende. «Freiheit wird sehr gross geschrieben. Man holt die Leute dort ab, wo sie sind und ermöglicht ihnen so zu leben, wie sie das früher getan haben», so Cavallet. Mit der Schaffung von insgesamt sieben verschiedenen Lebensstilen wie etwa städtisch, gehoben, handwerklich, häuslich sowie anderen mehr werde diesen Bedürfnissen in De Hogewey Rechnung getragen.

«Stapfenmatt» bietet 3 Lebensstile

Heruntergebrochen auf die Verhältnisse in der «Stapfenmatt» will nun auch die GAG als erste Institution im Kanton Solothurn geschützte Wohngruppen nach holländischem Muster schaffen. Geplant ist die Verlegung von 25 Demenz-Bewohnern vom Sunnepark Egerkingen nach Niederbuchsiten. Statt in einem Dorf findet das Leben dort in einem dreigeschossigen Gebäude und in der grosszügigen rund 1000 Quadratmeter grossen Gartenanlage statt. Diese mit einem Zaun abgesicherte Umgebung ist ein wichtiger Bestandteil des Projekts, weil sie von den Bewohnern als Aufenthalts- und Rückzugsort genutzt werden kann. Mit insgesamt 15 Ruhebänken soll dafür der nötige Platz geschaffen werden, wie Cavallet beim Rundgang mit ihrem Team erwähnt.

Die «Stapfenmatt» bietet zwei Wohngruppen mit den Lebensstilen «ländlich-bäuerlich» und «häuslich-handwerklich» an, eine dritte Gruppe richtet sich an Menschen mit gehobenem Lebensstil.

Laufzeit auf 5 Jahre beschränkt

Das neue Demenzzentrum in Niederbuchsiten soll Mitte Dezember seinen Betrieb aufnehmen. Vorerst für fünf Jahre, wie GAG-Geschäftsführer Niederer erwähnt. Danach laufe die Frist aus, welche die Solothurnische Gebäudeversicherung bezüglich notweniger feuerpolizeilicher Massnahmen zur Auflage gemacht habe. «Diese zu erfüllen hat uns bereits bei der Sanierung des Gebäudes sehr viel Geld gekostet», bemerkt Niederer.

Der GAG-Verwaltungsrat will das Projekt eines Demenzzentrums aber weiterführen und sucht deshalb nach Wegen, wie es danach weiter gehen könnte. Zur Diskussion stehen Standorte nahe den GAG-Zentren in Egerkingen oder Oensingen. Ein Aus- und Umbau der «Stapfenmatt» ist wegen des statisch ungünstig konstruierten Gebäudes nicht möglich. «Hier käme man wohl um einen Abriss nicht herum», meint Niederer mit dem Verweis, dass derzeit auch eine solche Lösung nicht gänzlich ausgeschlossen werden könne.