Herbetswil
Wiederaufbau nach dem Brand: «Die Solidarität gab uns die Kraft»

Die Bauernfamilie Meier baut in Herbetswil nach dem verheerenden Brand den Betrieb allein wieder auf. Bald können die Rinder wieder in den Stall einziehen. Viel Solidarität hat die Familie erhalten.

Alois Winiger
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Hell leuchtet die Holzkonstruktion für die 80 mal 20 Meter grosse Halle in der Vormittagssonne. Die Dachfläche ist vorgesehen für die Stromproduktion mit Solarzellen.

Hell leuchtet die Holzkonstruktion für die 80 mal 20 Meter grosse Halle in der Vormittagssonne. Die Dachfläche ist vorgesehen für die Stromproduktion mit Solarzellen.

Viele Fragen, sehr viele sogar, und auch heikle Fragen wollten zuerst beantwortet sein, bevor das Ehepaar Jost und Rosmarie Meier-Schaad sich definitiv entschied, den Landwirtschaftsbetrieb am Wisweg am östlichen Dorfrand von Herbetswil wieder aufzubauen. Das 80 mal 20 Meter grosse, erst siebenjährige Gebäude war im August 2012 komplett niedergebrannt, 63 Kühe, Rinder und Kälber kamen dabei um.

Gegen ein Jahr dauerte es nach dem Brand, bis überhaupt eine Baupublikation für einen Neubau erschien. Jetzt steht an gleicher Stelle wieder eine aus Holz konstruierte Halle, der Innenausbau läuft und, wenn es das Wetter zulässt und die Unterlagsböden fertig werden, so können die ersten Rinder bald in den neuen Stall einziehen. «Alle Tiere sind aus eigener Zucht», sagt Rosmarie Meier, «es sind zum einen Rinder, die beim Brand noch aus dem Stall rennen konnten, zum andern solche, die damals zur Sömmerung auf der Alp waren.»

Tiere allein der Familie

Nur mit Bedacht werde man den Bestand vergrössern, der Platz würde für achtzig Grosstiere reichen, ergänzt Jost Meier. Wobei die Tiere fortan alleine der Familie Meier gehören. Zuvor bestand eine Tierhaltegemeinschaft; Hans-Jürg Gerber und Jost Meier hatten sie gegründet als Basis für das grosse Betriebsgebäude am Wisweg, in das sie 2005 einzogen. Beiden Parteien hatten dazu ausserordentlich viel Eigenleistungen erbracht.

«Wieder aufbauen oder gleich aufhören?», lautete nach dem Brand für die Teilhaber die zentrale Frage. Denn die beiden Männer sind mittlerweile 60-jährig, eine Nachfolge ist nicht in Sicht. Gerbers entschieden sich bald einmal für den Ausstieg. Meiers dagegen tendierten auf Wiederaufbau – nur: Ist das vom personellen und erst recht vom finanziellen Aufwand her überhaupt zu schaffen? Unterstützende Kraft dazu, zuerst einmal grundsätzlich Ja zu sagen zum Wiederaufbau, bekamen Jost und Rosmarie Meier bei ihrer Familie und der Bevölkerung von Herbetswil und Umgebung. «Fast unglaublich war es, wie viel Solidarität wir spüren durften. Und zwar nicht nur in Worten, sondern wir bekamen auch Geldspenden und sehr viel Hilfe», sagt Rosmarie Meier. «Zudem bedeutet mir und meinem Mann die Landwirtschaft nicht einfach nur Arbeit.»

Probleme lösen

So motiviert gingen Meiers daran, ein Problem nach dem andern zu lösen – und es kamen noch weitere hinzu. Nicht genug damit, dass die gerechte Aufteilung der Tierhaltegemeinschaft noch heikler und aufwendiger war, als angenommen. Es zeigte sich, dass Meiers kaum eine andere Wahl blieb, als weiterzumachen, falls sie nicht nur den Betrieb verlieren, sondern noch Geld drauflegen wollen. Denn Aufhören hätte bedeutet, sowohl dem ehemaligen Partner seinen Anteil auszahlen, als auch den Rückbau der vom Gebäude verbliebenen Reste aus Beton bezahlen. Ferner mussten sie einen beachtlichen Abschreiber auf dem teuren, grossen Traktor hinnehmen, den die Flammen zerstört hatten.

50 Tiere fanden in Herbetswil den Flammentod: Die Bilder der Zerstörung
10 Bilder
Das Fell der brandverletzten Kuh war einmal so wie beim liegenden Tier.
Flammeninferno in der Nacht auf Samstag, 18.August.
 Bild der Zerstörung in Herbertswil: Total ausgebrannter Stall am Tag nach dem verheerenden Brand.
 Von der Thalstrasse her gesehen: Wo nachts die Flammen wüteten, ragten anderntags verkohlte Balken aus der Brandruine.
 Am Tag danach: Die traurigen Überreste des Gebäudes mit Stall und Maschinenpark. Vorne das Gerippe eines einst stolzen, grossen Traktors.
 Holz verbrannte, Eternit und Glas zersplitterten.
 Der Stall in Herbetswil in Flammen

50 Tiere fanden in Herbetswil den Flammentod: Die Bilder der Zerstörung

wak

Mit Subventionen konnten die Meiers nicht rechnen, sie mussten die finanzielle Sicherheit alleine aufbringen. Die Söhne kamen zu Hilfe. Sie boten an, das Grundstück im Dorfkern von Herbetswil, wo das alte Bauernhaus der Familie Meier steht, zu kaufen und darauf Wohnungen zu bauen. Daran war auch die Gemeinde interessiert, sie musste aber zuerst das Land von der Landwirtschafts- in die Bauzone umteilen.

Nicht ungelegen kommt der Bauherrschaft, dass die Solarindustrie Interesse hat an grossen Flächen, um darauf Kollektoren zu montieren. Ein regionaler Stromversorger wird die rund 1800 Quadratmeter Dachfläche am Wisweg für die Stromproduktion mieten. Bis es aber so weit ist, und die Tiere in die Halle einziehen können, heisst es für die ganze Familie Meier und ihre treuen Helferinnen und Helfer: zupacken und nochmals zupacken.