Mit der Kaffeemaschine ist Stephanie Hartung auf Kriegsfuss; wann immer sie ihr eine Tasse entlocken will, streikt das Gerät. Sonst aber hat sich die neue Leiterin der «Lilith» bestens in ihrer Funktion eingelebt. «Ich bin sehr freundlich aufgenommen worden und durfte von meiner Vorgängerin einen sauber geführten, gut aufgestellten Betrieb übernehmen», sagt die 51-Jährige in breitem Walliser Dialekt.

Am 1. März hat sie die Nachfolge von Lis Misteli angetreten, die das renommierte Zentrum für suchtkranke Frauen und Kinder in Oberbuchsiten 1996 gegründet hat und nun in Pension gegangen ist. Mit Stephanie Hartung ist eine Fachfrau in ihre Fussstapfen getreten, die in der Arbeit mit Frauen eine reiche Erfahrung mitbringt. Acht Jahre lang arbeitete sie in der Frauenstrafanstalt Hindelbank, zunächst als Pflegefachfrau, danach als Leiterin des Gesundheitsdienstes und Mitglied der Anstaltsleitung.

Weitere Stationen führten Hartung in eine Wohngemeinschaft für Drogenkonsumierende und in mehrere Frauenhäuser in den Kantonen Bern und Zürich, wo sie ebenfalls Führungspositionen innehatte. Auch in einer psychiatrischen Klinik war sie tätig.

Gesunde Substanz

In der «Lilith» fliesse nun alles zusammen, womit sie sich beruflich bislang beschäftigt habe: Sucht, psychiatrische und soziale Probleme, Straffälligkeit und Krankheit. «Ich freue mich, dass in der neuen Funktion mein ganzes Wissen gefragt ist.» Umgekehrt empfinde sie es als grosses Privileg, die Arbeit von Lis Misteli fortzuführen. Die Infrastruktur, so hat Stephanie Hartung in ihren ersten 100 Tagen festgestellt, ist zwar stellenweise verbesserungsbedürftig, insbesondere das in die Jahre gekommene «Haus 1». Doch die eigentliche Substanz der «Lilith», also die Arbeit mit Frauen und deren Kindern in schwierigen Lebenslagen, «diese Substanz ist einmalig und kerngesund.»

Zu den Klientinnen habe sie einen guten Draht, und es bringe sie beileibe «nicht aus den Schnitzen», wenn sich eine beispielsweise regelmässig ritzen und verletzen müsse. «Damit kann ich umgehen.» Ausserdem leite sie leidenschaftlich gerne. Ihre Vorgesetzte in der Hindelbank habe seinerzeit das Führungstalent in ihr erkannt und sie in Weiterbildungen für Teamleitung und Management geschickt. Ihr Führungsstil in der «Lilith»? «Partizipativ und kollegial», sagt Stephanie Hartung. Sie habe rasch erkannt, dass sich das fast 40-köpfige Team stark mit der «Lilith» identifiziere und dass die Mitarbeitenden mit grossem Einsatz und mit Freude ihrer Arbeit nachgingen.

Natürliche Autorität

Während des Rundgangs durch die drei «Lilith»-Häuser, bei den Begegnungen mit Klientinnen, Kindern und Mitarbeiterinnen wird deutlich: Stephanie Hartung besitzt eine natürliche Autorität. Eine heiter-entschlossene Art, die ankommt. «Man hat mir schon oft attestiert, dass ich in schwierigen Lagen intuitiv das Richtige tue.» Und man glaubt sofort, dass diese gross gewachsene Frau bei aller Kollegialität auch glasklar und einsam entscheiden kann, wenn es denn die Situation erfordert.

Was sind ihre Ziele? «Erst einmal will ich den Betrieb noch besser kennen lernen und mich im Kanton Solothurn vernetzen», sagt Hartung, die im Wallis aufgewachsen ist, aber seit 25 Jahren in Bern lebt. Ihre Funktion bringe es mit sich, täglich Entscheidungen treffen zu müssen, wobei sie von ihren Mitarbeiterinnen ebenso unterstützt werde wie vom Vorstand. «Das wichtigste operative Ziel ist eine gute Auslastung – die haben wir im Moment», sagt Hartung. Und mit dem 20-Jahr-Jubiläum der «Lilith» steht 2016 ein grosses Fest auf der Agenda.

Vorstand neu bestellt

Nicht nur die Geschäftsleitung der «Lilith», sondern auch der Vorstand des Trägervereins hat ein neues Gesicht bekommen. An der Generalversammlung im Mai wurden vier neue Mitglieder in das Aufsichtsgremium gewählt. Der Vorstand der «Lilith» setzt sich aktuell wie folgt zusammen: Margot Stüdeli, Solothurn (Präsidentin), Beatrice Beer, Solothurn (Aktuarin), Hansruedi Meyer, Derendingen (Finanzen), Irène Dietschi, Hägendorf (Kommunikation), Hans Peter Müller, Olten (Vizepräsident) und Stephan Glättli, Olten (juristische Beratung).