Lostorf
Wie ein Unfall das Leben von Ball-Jongleur Paul Sahli veränderte

Der ehemalige Balljongleur Paul Sahli aus Lostorf kämpft gegen Gerichte und Behörden. Er leidet an einer verkrümmten Wirbelsäule, womit er aber lernte zu leben. Mit einem Unfall 2009 begann aber sein Leidensweg.

Beat Wyttenbach
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Jonglieren mit dem Ball wie damals im Bowling-Center Dulliken –diese Zeiten sind für Paul Sahli wohl vorbei.

Jonglieren mit dem Ball wie damals im Bowling-Center Dulliken –diese Zeiten sind für Paul Sahli wohl vorbei.

Bruno Kissling

Paul Sahli ist einer breiten Leserschaft bekannt als weltbester Fussballjongleur; im Januar 2005 trat er sogar im Fernsehen auf – im Rahmen einer Aussenwette in Thomas Gottschalks Sendung «Wetten, dass ...?» führte er seine Künste im Bowling-Center in Dulliken vor.

Doch selbstverständlich waren seine sportlichen Aktivitäten nie, denn Sahlis Wirbelsäule ist aufgrund eines Geburtsfehlers massiv gekrümmt; der Lostorfer leidet unter einer sogenannten Skoliose.

Sogar in der Nationalliga A gespielt

Mit viel Training und grosser Disziplin war es ihm möglich, weitgehend schmerzfrei zu leben. Einst spielte er sogar Fussball in der damaligen Nationalliga A beim FC Biel, und gearbeitet hat Paul Sahli immer. Zuletzt war er in den Industriebetrieben der SBB in Olten als Logistikmitarbeiter tätig, wo er sogar schwere Arbeiten verrichtete.

Bis zu jenem verhängnisvollen 31. Juli 2009, als er Opfer eines Verkehrsunfalls wurde: Ein Lieferwagen raste auf der Autobahn bei Benken SG mit rund 100 km/h in die linke hintere Ecke seines Opel Corsa. Dieser wurde 25 Meter nach vorne katapultiert, und seither ist die Welt für Sahli nicht mehr die gleiche.

Gemäss eigenen Angaben musste er seine Arbeit aufgeben; er konnte vor Schmerzen kaum mehr schlafen und musste sich in Therapie begeben.

Beschwerde eingereicht

Es begann ein Leidensweg, der bis heute andauert: Die Suva zahlte zwar nach dem Unfall noch ein Jahr lang, doch stellte sie ihre Zahlungen ein mit der Begründung, Sahlis schlechter gesundheitlicher Zustand sei nicht auf den Unfall zurückzuführen; er wäre auch ohne diesen Vorfall in so schlechter Verfassung.

Die Folge: Sahli verlor mehr als die Hälfte seines Einkommens. Gegen den Entscheid der Suva reichte er Beschwerde beim Kantonalen Versicherungsgericht ein.

Dieses hat die Beschwerde in seinem Urteil vom 18. Oktober abgelehnt. Es stützte sich dabei auf ein Gutachten, das die Suva bei einem Wirbelsäulenspezialisten in Auftrag gegeben hatte. Laut diesem Gutachten sei der Unfall von 2009 nicht für den schlechten Gesundheitszustand von Paul Sahli verantwortlich. Das Gutachten räumt zwar ein, es sei «zwar möglich, aber nicht überwiegend wahrscheinlich», dass der Unfall den Zustand seines Rückens entscheidend verschlimmert habe.

Der Gutachter hatte zwar eingeräumt, dass die Aktenlage für die ersten drei Monate nach dem Unfall «unvollständig und lückenhaft» sei. Für das Gericht war dies aber offensichtlich kein Problem. Es schreibt in seinem Urteil unter anderem, «dass weitere Abklärungen keine zusätzlichen Erkenntnisse versprechen». Im Übrigen gäbe es «den durch die Rechtsprechung anerkannten und daher nicht beweisbedürftigen Erfahrungssatz», wonach in Fällen bestehender Wirbelsäulenerkrankungen eine traumatische Verschlimmerung nach spätestens einem Jahr «abgeschlossen» sei. Es lehnte die Beschwerde von Paul Sahli ab.

«Urteil ist ungerecht»

Für Paul Sahli, der mit seinen Auftritten unter anderem jahrelang auch für die Suva Werbung gemacht hatte, war das Urteil ein Schock. «Meine Frau Klara und ich können dies nicht verstehen. Es ist ungerecht, und ich habe meinen Glauben an Gerechtigkeit verloren. Wie kann ein Gericht ein Urteil fällen, basierend auf einem widersprüchlichen Gutachten, bei dem selbst der Gutachter zugibt, die Unterlagen seien unvollständig?», fragt er. «Ich wurde unschuldig in diesen Unfall verwickelt. Ich war der Letzte in einem Stau, der Camper hat mich gerammt.»

Seit dem Unfall kann Paul Sahli höchstens eine halbe Stunde am Stück stehen, dann muss er eine halbe Stunde sitzen, damit die Schmerzen einigermassen erträglich sind. Ferner hat er wenig Schlaf. «Höchstens vier Stunden liegen drin», erzählt er. Wenn man müde ist, sei man kein ganzer Mensch.

Zudem fehle ihm viel an Kraft. Tagsüber macht er die vom Spital verordneten Gymnastikübungen, und auch sonst versucht er, so gut es geht, seinen Körper einigermassen in Form zu halten. Aber beispielsweise das Trainieren von Fussballjunioren – zuletzt in Olten, Trimbach und Härkingen – liegt nicht mehr drin. «Diesen Sommer beispielsweise konnte ich nur noch liegen oder sitzen.»

Urteil nach Luzern weitergezogen

Doch Paul Sahli gibt nicht auf: Sein Fall ist kürzlich im «Kassensturz» von SRF zur Sprache gekommen, was gemäss seinen Angaben viele Reaktionen ausgelöst hat. Und sein Rechtsanwalt Rémy Wyssmann, Oensingen, hat gegen das Urteil Beschwerde vor Bundesversicherungsgericht eingereicht. «Wir erhoffen uns, dass dieses Gericht objektiv entscheidet. Wenn die Richter in Luzern das Gutachten genau durchlesen, müssen sie einen Entscheid zu meinen Gunsten fällen», ist er überzeugt, in der Hoffnung, die finanziellen Ausfälle seit dem Unfall von der Suva doch noch vergütet zu bekommen.

Und er fügt an: «Ich kämpfe nicht nur für mich, sondern auch für andere Menschen, die ein ähnliches Schicksal zu verarbeiten haben.»