Langsam bricht der Tag an. Toni Ackermann schliesst die Fahrertür seines blauen Kleinbusses. Es ist 6 Uhr 43, Schulanfang, pünktlich startet er zu seinem nächsten Ziel, dem Passwang. Ab jetzt bestimmt ein genauer Taktplan den Morgen des Landwirtes, der im Guldental wohnt und arbeitet, den Sommer über mit 43 Rindern. Ackermann ist Schulbusfahrer und das schon seit zehn Jahren.

Er holt die Kinder von den entlegensten Höfen ab, bringt sie in die Schulhäuser nach Ramiswil oder Mümliswil, am Abend und manchmal am Mittag wieder zurück nach Hause. Seit sechs Uhr ist er unterwegs, hat im hinteren Guldental Schulkinder geholt, die ersten um 6.25 Uhr auf dem Sennhof, ein weiteres um 6.35 Uhr im Hagli.

Neun Gebiete

Wenn im Kanton Solothurn wieder die Schulzeit anbricht, ist eine Gemeinde besonders gefordert: Mümliswil-Ramiswil. Aus nicht weniger als neun verschiedenen Transportgebieten kommen die Kindergärtler und Schulkinder. In sieben Gebieten bieten Eltern mit ihren Privatautos einen Fahrtdienst an, sie werden dafür von der Gemeinde mit einem Franken pro Kilometer entschädigt.

Für das Guldental und den Passwang dagegen fährt täglich ein Schulbus. Früher übernahmen diese Aufgabe zwei Frauen, heute macht dies Toni Ackermann, gelernter Chauffeur. Seine Frau ist ausgebildete Taxifahrerin, sie springt ein, wenn Ackermann krank oder verhindert ist – doch das kommt selten vor.

Die Route ist nicht ohne

Die Passstrasse schlängelt sich steil bergauf. Noch kreuzen den Schulbus wenige Autos. Oft aber verlangt der Schwerverkehr die gesamte Konzentration von Ackermann, oder rücksichtslose Autofahrer, die, wie er sagt, meinen, die Strasse gehöre ihnen alleine. Wer mit den Witterungen hier oben klar kommen will, braucht viel Erfahrung – und ein gutes Auto.

Ackermann hat beides, denn in den zehn Jahren, in denen er für die Gemeinde fährt, war er nie in einen Unfall verwickelt. Das ist nicht selbstverständlich auf einer Strecke, wo die Strassen eng, die Hänge steil, die Herbste neblig und die Winter schneereich sind.

Täglich um zehn vor sechs

Die beiden Mädchen warten bereits auf der anderen Seite der Passhöhe und hüpfen in den Bus. Die Tannen stehen dicht. «Im Winter», sagt Ackermann, «sieht es hier aus wie in einem Märchenwald.» Die Mädchen stimmen ihm zu. Es sei ein schöner Wald. Sowieso, das Panorama auf dieser Route: grandios. Um zehn vor sechs stehen sie täglich auf, ihre Mutter fast zwei Stunden vorher.

Wer am Jurasüdfuss über seinen Schulweg klagt, kennt denjenigen der Kinder im Guldental nicht. Die längste Strecke beträgt 13 Kilometer; früh aufstehen ist ein Muss, spät heimkommen eine Folge davon, dass für die 25 von 43 Kindern nur ein einziger Schulbus verkehrt. Irgendjemand wartet immer.

Zwei Gebiete, viele Kilometer

Am ersten Schultag bringen Eltern ihre Erstklässler und Kindergärtler in die Schule, das bedeutet weniger Arbeit für Ackermann. Normalerweise aber startet er früh und beendet den Dienst nach sechs Uhr abends. Kein Vollzeitjob zwar, doch einer, der mit viel Präsenzzeit verbunden ist.

Morgens fährt Ackermann gleich zweimal auf den Passwang und zweimal auf den Scheltenpass, manchmal auch mittags und dann wieder abends. Langweilen tut er sich aber nicht – schon gar nicht, wenn er die Jüngsten bei sich hat. «Die haben immer etwas zu erzählen.»

30 000 Kilometer pro Jahr

Den Fahrplan für den Schulbus aufzustellen, ist eine alljährliche Herausforderung. Sobald die Sommerferien in Sichtweite sind, erfasst Gemeindeschreiber Josef Tschan die Kinder- und Lehrerlisten sowie die neuen Stundenpläne. Danach gehen die Daten an Ackermann, der zusammen mit seiner Frau einen minutiösen Fahrplan aufstellt. Jedes Kind ist darauf markiert, für jeden Schulwochentag sieht der Plan anders aus.

Kommen dann noch Sporttage, Krankheiten oder kurzfristige Pläne der Kinder hinzu, muss sich Ackermann anpassen können. Er wird für seine Arbeit mit 2,50 Franken pro Kilometer entschädigt. Und Kilometer sind da einige: Pro Jahr weit bis über 30 000. Der Kilometerzähler des Schulbusses zeigt bereits 334 000 an.

Vom Passwang auf den Schelten

Nachdem Ackermann die beiden Töchter ennet dem Passwang in Ramiswil abgesetzt hat, gehts weiter auf den Scheltenpass. Dort wartet schon die Mutter mit Tochter und Sohn. Die Begrüssung ist herzlich, die Mutter weiss um den wertvollen Dienst, den Ackermann erbringt. Auf dem Rückweg nach Ramiswil wird er noch an dieser und jener Weggabelung stoppen, um Kinder einsteigen zu lassen.

Auf dem Rücksitz erzählen sie aufgeregt ihre spektakulärsten Ferienerlebnisse. Die Sonne steigt über den Jurakamm, verscheucht die wenigen Wolken und taucht das Thal in ein glitzerndes Licht. Ackermann lächelt. «Ja, so haben wir das gerne.»