Trimbach
Wie der Hindu-Tempel in der Mieseren in Trimbach geplant und gebaut wurde

Das Zentrum für Religionsforschung der Universität Luzern hat ein Buch herausgegeben, in dem die Entstehung des Hindu-Tempels in Trimbach geschildert wird. Das Buch stellt die Hindu-Traditionen in der Schweiz ebenso vor wie die Wahl des Standorts.

Beat Wyttenbach
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Martin Baumann und Andreas Tunger-Zanetti haben ein Buch zum Bau des Hindu-Tempels in Trimbach geschrieben.

Martin Baumann und Andreas Tunger-Zanetti haben ein Buch zum Bau des Hindu-Tempels in Trimbach geschrieben.

Bruno Kissling/zvg. Fotomontage: Walter Hunn

Im Juni dieses Jahres hat das Zentrum für Religionsforschung der Universität Luzern ein Buch herausgegeben, in welchem die Entstehung des Hindu-Tempels in der Mieseren in Trimbach von den ersten Ideen bis zur Verwirklichung, der Einweihung im März vergangenen Jahres und darüber hinaus geschildert werden. Es stellt die Bevölkerungsgruppe der Tamilen und der Hindu-Traditionen in der Schweiz ebenso vor wie die Wahl des Standorts.

Ziel ist es, den Tempel, seine Architektur und die dort praktizierte hinduistische Religion bekannter zu machen, sagen die Co-Autoren Martin Baumann und Andreas Tunger-Zanetti im Interview, in dem sie ihre Arbeit zu diesem gut 80-seitigen Werk schildern. Mitgewirkt haben zudem die vier Studentinnen Rafaela Eulberg – sie schreibt sogar eine Dissertation zu diesem Thema –, Elsbeth Iten, Beatrice Mahrer und Naomi Ruef.

Es gibt 21 Hindu-Tempel in der Schweiz. Weshalb hat sich das Zentrum für Religionsforschung in Luzern dafür entschieden, gerade über jenen in Trimbach ein Buch zu schreiben?

Martin Baumann: Es ist das erste Bauwerk dieser Art in der Schweiz und eines von ganz wenigen in Kontinentaleuropa, das von Grund auf als Tempel in südindischer Architektur gebaut wurde. Alle anderen Tempel sind in umgenutzten Provisorien untergebracht – Lager- oder Werkhallen, die frei geworden sind. In einzelnen Fällen begann man sogar in Wohnungen wie der Baslerstrasse 136 in Olten. Wissenschaftlich gesehen hat hier eine typische Entwicklung stattgefunden: Man beginnt mit einem Notbehelf im Wohnbereich, mietet dann einen Ort mit besserer Infrastruktur, und schliesslich, wenn klar ist, dass man im Ankunftsland bleiben wird und es der Gemeinschaft auch materiell etwas besser geht, kommt der Wunsch, etwas Eigenes zu bauen.

Andreas Tunger-Zanetti: Es mussten viele Faktoren stimmen, damit der Tempel in Trimbach als Erster in der Schweiz den Schritt auf die «grüne Wiese» schaffte. Vor allem braucht es ein Kernteam mit Organisationstalent und Ausdauer. Dieses muss einen geeigneten Architekten und ein geeignetes und bezahlbares Grundstück finden, und es musste sich zu den Behörden ein gutes Verhältnis entwickeln. Alle diese Voraussetzungen waren in Trimbach gegeben.

Worin unterscheidet sich der Hindu-Tempel in Trimbach sonst noch von den übrigen 20?

Baumann: Der Tempel wurde nicht nur von Grund auf neu gebaut, sondern in seiner Ausrichtung, in den Proportionen und seiner ganzen Ausstattung nach den Regeln der hinduistischen Tradition gestaltet. Zu alledem ist er noch an einer Lage, «wo sich die Götter wohlfühlen», nämlich zwischen Bergen und Wäldern, Quellen und Flüssen, wie es eine alte Schrift schildert. Dies alles ist gegeben. Die Lage und das errichtete Gebäude entsprechen den religiösen Vorgaben in einem in der Schweiz bisher einzigartigen Ausmass.

Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit den Protagonisten?

Tunger: Sie war durchs Band weg gut. Wir wurden stets bereitwillig über alles informiert und mit Materialien versorgt. Gerade im Kontakt mit dem Tempel durften wir nicht zu sehr auf schriftlichen Verkehr setzen. Vieles lief mündlich ab. Das war auch gut so, denn es bedeutete ausgiebige Feldforschung.
Baumann: Das Schöne war, dass wir etliche Studierende einbinden und ihnen so Gelegenheit geben konnten, Erfahrung mit eigener konkreter Forschung zu sammeln. Gerade weil es ein Langzeitprojekt mit vielen Akteuren war, mussten wir Aufgaben verteilen.

Welche Schwierigkeiten mussten überwunden werden?

Tunger: Lange liefen alle Informationen über Vasantharajan Ramalingam, den Präsidenten des «Vereins zur Förderung der tamilischen Kultur in der Schweiz». Es war sein Anliegen, ja seine Mission, die Kultur und Religion der Tamilen auch für die kommenden Generationen von Schweizer Tamilen zu bewahren. Wir hatten den Eindruck, das ganze Bauprojekt hänge an ihm. Als er im März dieses Jahres völlig unerwartet mit 55 Jahren starb, befürchteten wir grosse Schwierigkeiten für den Verein und für unsere Publikation. Wir durften aber bald erfreut feststellen, dass es Leute gab, die zuvor still im Hintergrund gewirkt hatten und nun seine Arbeit nahtlos übernehmen und weiterführen konnten. Eine Herausforderung war für uns auch, wenn wir bei einem Thema von den Tempelmitgliedern, dem Architekten oder auch aus der Forschungsliteratur mit widersprüchlichen Angaben konfrontiert waren. Da galt es jeweils durch Nachfragen herauszufinden, welche Version die wahrscheinlichste ist.

Wie erlebten Sie die Gläubigen, die ja meist Tamilen aus Sri Lanka sind?

Baumann: Zum Trimbacher Tempel kommen fast ausschliesslich tamilische Hindus. Mit den einfachen Gläubigen hatten wir wenig Kontakt. Sie kommen, um die Götter zu verehren und ihnen zu danken. Sozialer Austausch, Versammlungen und Tanzvorführungen finden anderswo statt. Anders ist das etwa bei Moscheen und orthodoxen Kirchgemeinden. Dort sind die Gebetsräume stets durch Aufenthaltsräume, Cafeteria, Bibliothek und Ähnliches ergänzt.

Fühlt sich diese Gruppe gut integriert in der Schweiz, oder isoliert sie sich und möchte gar keinen Aussenkontakt?

Tunger: Das eigene Gefühl, integriert zu sein, und die Wahrnehmung durch die Umgebung können auseinanderklaffen. Zudem fragt sich immer, woran man Integration messen will. Nach meinem Eindruck sind viele Tamilen froh, ihr anstrengendes Leben mit Jobs im Niedriglohnsektor einigermassen zu managen. Dies gelingt ihnen je länger desto besser. Die Secondos machen ihren Weg. Sie haben eine solide Ausbildung, leisten Militärdienst und arbeiten teilweise bereits in guten Positionen. Die Integration ist auf der strukturellen Ebene durchaus gegeben, insbesondere so für die zweite Generation. Dass tamilische Hindus daneben ihre reichhaltige Religion und Kultur pflegen, ist für mich absolut verständlich und widerspricht der Integration nicht.

Was ist nun das Ziel dieses Buches?

Baumann: Ziel ist es, an einem konkreten Beispiel aufzuzeigen, wie vielfältig die schweizerische Religionslandschaft mittlerweile geworden ist. Wir wollen die Leser dafür sensibilisieren, indem wir eine Facette dieser Vielfalt im Detail zeigen. Am Bauwerk, das erkennbar eine andere Religion repräsentiert, wird die Vielfalt augenfällig. Ausserdem verändern sich mit dem Übergang von der Lagerhalle in den Tempel auch die Gemeinschaft und ihre Beziehung zur Umgebung. Dies interessiert uns als Forscher, und dies wollen wir an ein breiteres Publikum weitergeben.

Auf welche Aspekte wurde bei der Beschreibung des Tempels besonders Wert gelegt?

Tunger: Einerseits schildern wir die Akteure und die Etappen der Planungs- und Bauphase bis hin zum Einfluss der religiösen Komponenten. Beispielsweise mussten die genauen Proportionen des Baus in Indien berechnet, die Daten für wichtige Rituale dort festgesetzt werden, das war eine spannende Phase. Andererseits ist es uns wichtig, die Entstehung des Gebäudes in das soziale Umfeld des Dorfes, der Region und der Schweiz einzubetten: etwa die Reaktionen im Dorf, bei den Behörden, bei den Medien.
Was bleibt rückblickend am meisten an Positivem?
Baumann: Was sicher bleibt, ist die Freude, dass wir den seltenen Vorgang eines Tempelbaus von Anfang an mitverfolgen konnten, und dies praktisch vor unserer Haustüre. Diese Chance mussten wir nutzen. Auch die Zusammenarbeit verlief ohne grosse Probleme; wir wurden stets freundlich empfangen und bestens unterstützt.

Gab es auch schwierigere Momente?

Tunger: Aufgrund der Komplexität des Ganzen stiessen wir bei der Durcharbeitung des Materials oft auf neue Fragen. Aber dies sind Dinge auf der arbeitspraktischen Ebene, die man in Kauf nehmen muss.

Zum Schluss: Was bleibt Ihnen am Nachhaltigsten in Erinnerung?

Baumann: Die Freude, aber auch der Stolz vieler tamilischer Hindus bei der Einweihung des Tempels und der wunderschön ausgestaltete Innenraum des Tempels.
Tunger: Sicher die Einweihungszeremonie im März 2013 als Gesamtereignis: ein Riesenknäuel aus Klängen und Gerüchen, Farben und Formen, Verehrungshandlungen und Prozessionen und eine gigantische Materialschlacht.

Das Buch «Der Hindutempel in Trimbach – Von der Idee bis zur Einweihung» kann bezogen werden bei: Universität Luzern, Zentrum Religionsforschung, Postfach 4466, 6002 Luzern, www.unilu.ch/zrf oder beim Sri Manonmani Ampal Tempel, Mieserenweg 13, 4632 Trimbach, www.hindu-tempel.ch oder beim Amt für Soziale Sicherheit, Fachstelle Integration, Ambassadorenhof, 4509 Solothurn, www.integration.so.ch.