Mümliswil

Weshalb die Schamanin ihre Tochter im Garten zur Welt brachte

Nicole-Maria Torri mit einer Trommel, wie sie von Schamanen gebraucht wird.

Nicole-Maria Torri mit einer Trommel, wie sie von Schamanen gebraucht wird.

Schon als Kind hat die Mümliswilerin Nicole-Maria Torri mit Pflanzen und Tieren gesprochen und hatte Vorahnungen. Doch erst die Geburt ihres ersten Kindes brachte sie auf den schamanischen Weg. Ihr fünftes kam sogar nachts im Garten zur Welt.

Man hat so seine Vorstellungen vor einem Treffen mit einer Schamanin. Wird sie mich gleich durchschauen und fragen, ob ich Rückenschmerzen habe? Bin ich geistig genügend präsent? Immerhin befasst sie sich mit Geistheilung. Kommt sie daher, in farbige Kleider gehüllt? Und schliesslich – diese Rubrik heisst ja «Auf einen Kaffee mit …»: Trinkt eine Schamanin überhaupt Kaffee? «Aber gerne doch, am liebsten schwarz», antwortet Nicole-Maria Torri und lacht herzlich. Entwaffnend herzlich sogar, überhaupt nicht vergeistigt. Und sie erscheint nicht in bunter, sondern in adretter Kleidung. Ihr Blick ist freundlich, offen und klar, keine Spur von Röntgenblick.

Keines von meinen Vorurteilen will passen. Auch die Bezeichnung Schamanin treffe nicht ganz zu, denn sie erklärt: «Ich habe zwar die entsprechenden Ausbildungen und Fähigkeiten dafür, schamanische Prozesse durchzuführen, aber ich bezeichne mich lieber als eine Frau, die den schamanischen Weg geht. Dies aus Respekt vor jenen Schamanen, die zum Beispiel in Südamerika oder in der Mongolei aufgewachsen sind, wo der Schamanismus tief verwurzelt ist und Tradition hat.» Wobei: In unseren Breitengraden, so erklärt sie, seien Formen von Schamanismus durchaus bekannt beziehungsweise bekannt gewesen, so etwa bei den Kelten.

Im Garten geboren

Wie kommt denn die 48-jährige Nicole-Maria Torri auf den Schamanismus, die in Langenbruck aufgewachsen ist und sich vor einigen Jahren in Mümliswil niedergelassen hat? Nach einigen Jahren Aufenthalt in Frankreich habe sie sich entschlossen, in die Schweiz zurückzukehren. «Da ist die Ausbildung für die Kinder besser», antwortet sie. In welcher Region sie mit ihrer Familie wohnen wollte, stand nicht im Vordergrund. «Für mich ist entscheidend, dass von dem Platz aus, wo das Haus steht, Energie ausgeht. Und das habe ich in Mümliswil sofort gespürt.» Dort ist auch ihr fünftes Kind, ein Mädchen, zur Welt gekommen. Aber nicht im Haus drinnen, sondern des Nachts draussen im Garten. «Ich wusste vom Moment der Zeugung an, dass es ein Mädchen wird und dass ich es unter freiem Himmel zur Welt bringen werde», berichtet die Mutter.

Womit wir auf eines der Themenfelder kommen, auf dem Nicole-Maria Torri wirkt und das auch ausschlaggebend war, dass sie letztlich zum Schamanismus kam. «Die Geburt meines ersten Sohnes vor zweiundzwanzig Jahren war ausserordentlich schmerzhaft und machte mir noch lange zu schaffen», erzählt sie. «Und der Sohn wurde immer wieder von einer Mittelohrentzündung geplagt, die man mit gängiger Medizin einfach nicht wegbrachte. Da versuchte ich es mit Homöopathie und hatte Erfolg.» Da habe sie gewusst: «Dies ist der Weg, den ich nun gehen werde.» Dieser Weg führte sie über viele Stationen, bei allen ging es grundsätzlich um die Spiritualität und darum, dass der Mensch auf seine eigene Heilkraft vertraut.

Mit Pflanzen gesprochen

Von ungefähr kommt nicht, dass Nicole-Maria Torri sich auf diesen Weg begeben hat. «Schon als etwa Fünfjährige habe ich mit anderem beschäftigt als andere Kinder. Ich sprach mit Pflanzen und Tieren. Ich hatte Vorahnungen, merkte, wenn jemand lügt, und ich sagte das dann auch, was natürlich vor allem bei Erwachsenen nicht immer gut ankam.» Viele Jahre später ging sie zu einem Medium. Diese nehmen für sich in Anspruch, unter anderem mit der jenseitigen Welt Verbindung aufzunehmen, etwa mit Engeln oder Verstorbenen. «Mein Grossvater war gestorben und ich hatte noch offene Fragen und erhoffte mir via Medium Antworten darauf.»

Tatsächlich habe sich der Grossvater gemeldet, «aber bei mir direkt und er sagte, ich bräuchte für den Kontakt zu ihm gar nicht zu einem Medium zu gehen.» Das Medium habe ihr dann noch eröffnet, dass das Trommelspiel für sie wichtig werde, so wie es im Schamanismus praktiziert wird. Das war der Moment, in dem sie sich konkret für den Schamanismus zu interessieren begann. «Doch ich konnte mir damals die Ausbildungen dazu nicht leisten.»

Rückblickend sagt sie: «Schamanismus ist für mich persönlich ein Lebensweg und bringt unweigerlich Veränderungen mit sich – auch im Alltag. Ohne dafür konkrete Hinweise zu haben, ahnte ich dies, und so hat es sieben Jahre gedauert, bis ich diesen Weg tatsächlich eingeschlagen habe.»

Kein Arztersatz

Diese Ausbildungen hat sie unterdessen nachgeholt und noch viele andere mehr. Ihr Angebot für Hilfe ist breit gefächert: Schamanismus, Coaching, geistiges Heilen, Familien stellen, Seelenbewegung, Seelenmusik, Schwangerschaft und Geburt, bewusstes Sterben und schliesslich auch Tierheilung. Nicole-Maria Torri betont, es würden bei all diesen Tätigkeiten keinerlei Diagnosen gestellt und keine Heilversprechen abgegeben. Zudem sei geistiges Heilen kein Ersatz für die Behandlung beim Arzt oder Heilpraktiker.

Heisst das, man geht, um sicherzugehen, am besten zur Schamanin und auch noch zum Arzt? «Ich stelle nicht das eine dem anderen gegenüber. Jeder Einzelne muss wissen, was er tut. Beim spirituellen Weg muss sich der Mensch, der Heilung sucht, persönlich öffnen, bereit sein, in sich hineinzuschauen und sich allenfalls einer unangenehmen Konfrontation mit der Vergangenheit stellen. Und dann muss er, das ist der zentrale Punkt, auf seine eigene Kraft vertrauen, bereit sein, sich selber helfen zu wollen.» Denn jede Heilung, so fügt sie mit Überzeugung hinzu, «ist letztlich Selbstheilung.»

Was sagen die Mümliswiler?

Das tönt alles einleuchtend. Aber sind denn die Menschen hierzulande offen für solche Heilmethoden? Wie reagieren zum Beispiel die Leute im Dorf, in Mümliswil, darauf? «Ich glaube, die Leute begegnen mir so, wie ich ihnen auch begegne. Darum gibts keinen Grund zur Klage», antwortet Nicole-Maria Torri. «Wenn mich jemand fragt, was ich tue, so erkläre ich das gerne. Und wie ich schon sagte, es ist nicht entscheidend, in welcher Gegend ich lebe.»

Apropos leben: Man braucht ja auch ein Einkommen, um davon leben zu können. Bringt der Beruf als Schamanin denn genug ein für eine Mutter mit fünf Kindern? «Noch reicht es nicht ganz aus. Aber es gibt immerhin schon zusätzliche Einnahmen, die das Familienleben einfacher machen.»

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