DDR
Wer zu Weihnachten Orangen wollte, brauchte Beziehungen nach Berlin

Heute vor 25 Jahren fiel die Mauer. Ines Kühnel Wohlbach wuchs in der DDR auf und erinnert sich an ihr damaliges Leben und den Schicksalstag, für den sie lange einen ganz privaten Kampf geführt hatte.

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Ines Kühnel Wohlbach, 1966 in Löbau geboren, blättert in ihrer DDR-Vergangenheit. Heute lebt sie in Dulliken und arbeitet als praktizierende Therapeutin für Osteopathie in Dulliken.
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Ines Kühnel, DDR
Das erste Familientreffen nach dem Mauerfall (von links): Ines und ihre Schwestern Sabine und Caroline, Vater Karl-Heinz, Sabines Freund Thomas sowie Mutter Ingrid.

Ines Kühnel Wohlbach, 1966 in Löbau geboren, blättert in ihrer DDR-Vergangenheit. Heute lebt sie in Dulliken und arbeitet als praktizierende Therapeutin für Osteopathie in Dulliken.

AZ

Den Ausreiseantrag hatte ich im Sommer ’85 gestellt. Mehrmals wurde er abgelehnt. Auch anlässlich des Gesprächstermins nach meinem Urlaub in Ungarn im August 1989. Ich war dermassen frustriert, dass ich sofort nach Berlin fuhr. Es war Dienstag, da waren in der Abteilung für Innere Angelegenheiten an der Friedrichstrasse immer Termine möglich.

Ich sass drei Mitarbeitern der Staatssicherheit gegenüber und forderte die sofortige Ausreisegenehmigung. Sie lehnten ab. Ich beschimpfte sie arg, mir war alles egal. Ich beschimpfte sie und riskierte viel mit meinen Äusserungen. Sperrt mich doch ein! Es war mir alles egal. Ergebnislos fuhr ich nach Dresden zurück.

An den Montagsdemos im September nahm ich nicht teil. Irgendwie war ich innerlich tot. Wir fürchteten militärische Interventionen, es war eine angstvolle und ungewisse Zeit. Eines Nachts gingen wir zum Schillerplatz. Das Gebäude war hell beleuchtet, obwohl es nach 23 Uhr war. Vor dem Haus für Innere Angelegenheiten waren viele Menschen versammelt und forderten ihre sofortige Ausreise.

Viele wurden weggeschickt. Wer bereits einen Antrag gestellt hatte, bekam die Ausreisegenehmigung. Ich gehörte dazu. Jetzt hiess es tatsächlich: «Ihrem Antrag wird stattgegeben.» Ich löste meine Wohnung auf und organisierte meinen Umzug. Ich wartete nur noch auf meine Ausreisepapiere. Dann kam der Mauerfall dazwischen.

Wenn ich mich heute zurückerinnere, denke ich weder zuerst an die Stasi noch verspüre ich Bitterkeit. Ich denke an das, was gut war, wie mich die DDR kreativ machte. Meine früheste Erinnerung ist die an das Leben bei den Grosseltern, die in Ebersbach einen Hotelbetrieb führten. Wir spielten im Hinterhof oder auf Dachböden.

Mutter arbeitete bei den Grosseltern, und Vater studierte. Beide waren mit 20 und 22 noch sehr jung. Grossvater umsorgte mich sehr, und mit Oma durfte ich oft ins Schwimmbad. In der 2. Klasse trat ich in einem Wettbewerb gegen einen wesentlich älteren Jungen an. Der Sieger wurde ins Trainingszentrum aufgenommen.

«Schwimm um dein Leben», sagte Mutter. Ich gewann. Ab diesem Zeitpunkt trainierte ich drei- bis viermal pro Woche. Mit 12, 13 wollte ich hoch hinaus. In dem Alter bekamen wir regelmässig Tabletten nach dem Training. Dazu gab es Kuchen. Weder ich noch die Eltern wissen bis heute, was in den Tabletten drin war. Wir waren ein vielversprechender Jahrgang, doch dann erhielten wir einen neuen Trainer; seine Methoden zerstörten uns junge Menschen.

Wegen meiner guten sportlichen Leistungen vertrat ich bei Wettkämpfen oft die Schule nach aussen. Ich wollte später Sportlehrerin werden. Doch weil ich angeblich zu wenig gesellschaftspolitische Arbeit leistete und zu leise sprach, wurde ich zurückgewiesen. Meine Eltern waren keine Parteimitglieder, das war eher der Grund. Schliesslich hatte ich die Wahl zwischen einer Ausbildung in einer Kinderkrippe und einem Fachstudium zur Krankenschwester. Ich entschied mich für Letzteres.

Mit 18 machte ich eine Jugendtouristreise nach Bulgarien. Die 1000 Mark Reisekosten hatte ich mir hart erspart, denn mein Lohn betrug 120 Mark im Monat, wovon ich zu Hause 60 Mark abgab. In Bulgarien waren die Essensrationen für Reisegruppen aus der DDR knapp. Sonst hatten wir genug zu essen. Wir mussten niemals Hunger leiden.

Bananen gab es weniger; dafür musste man oft lange anstehen, ohne zu wissen, ob es für alle reicht. Wenn man zu Weihnachten Orangen essen wollte, musste man Beziehungen nach Berlin pflegen.

In Bulgarien wollte ein junger Mann aus unserer Reisegruppe über die Türkei in den Westen flüchten. Das erfuhr ich erst nach meiner Rückkehr, als ich sechs Wochen später von der Stasi vorgeladen wurde. Ich hatte extreme Angst. Wenn ich heute in Filmen solche Szenen sehe, spüre ich diese Angst noch immer.

Der Beamte begann das Verhör auf väterliche Art, und ich wiegte mich in Sicherheit. Vier Stunden später änderte schlagartig die Verhörtaktik. «Nun wollen wir doch mal ernsthaft sprechen», sagte der plötzlich und schilderte jedes Detail meines Bulgarienurlaubs so genau, als hätte er 24 Stunden täglich mit mir verbracht. Das war schlimm.

Wer beobachtete mich? Wer war der Informant? Das Mädchen, mit dem ich das Zimmer teilte? In dem Moment brach mein Weltbild zusammen. Mein Zuhause wurde zur feindlichen Zone. Bis heute verzichte ich auf die komplette Einsicht in meine Stasi-Akte. Was, wenn ich mit den Leuten, die mich damals bespitzelten, noch immer zu tun habe?

Den Ausreiseantrag hatte ich mit der Begründung gestellt, mein Onkel im Westen wäre krank, und nur meine Pflege würde er annehmen. Das war eine Taktik, um aus unpolitischen Gründen das Land verlassen zu können. Es funktionierte nicht. Nach der ersten Absage dachte ich: Jetzt hast du dein Leben an die Wand gefahren. Ich war 18.

Ironischerweise durfte ich dann im Sommer ’89 erstmals in den Westen reisen. Mein Onkel hatte die gesamte Familie zu seinem 60. Geburtstag eingeladen. Vater, die ältere meiner beiden Schwestern und ich durften fahren. Mutter und meine jüngste Schwester blieben als Pfand zurück. Flucht war bei mir nie ein Thema.

Erstens hätte es bedeutet, meine Eltern auf unbestimmte Zeit nicht mehr zu sehen. Zweitens wollte ich dem Staat nicht meinen Besitz überlassen. Stattdessen benutzte meine Schwester die Gelegenheit, sich zu ihrem Freund, der bereits im Westen lebte, abzusetzen. Am Ende der Reise stiegen mein Vater und ich in München in den DDR-Zug. Ich fuhr wieder zurück. Im Zug empfing uns der Duft des Ostens: Abgestandene Luft mit Uringeruch. Der Zug wurde von aussen geschlossen. Schrecklich.

Mutter weckte mich am Morgen des 10. November: «Du brauchst nicht mehr in den Westen, die Mauer ist gefallen.» Ich konnte es nicht glauben. Wir fuhren in Hof über die Grenze und nach Stuttgart, wo wir um 4 Uhr früh bei meiner Schwester klingelten. Wir lagen uns weinend in den Armen und verstanden nicht, was mit uns passierte.

Auf dem Rückweg bewarb ich mich im Spital in Friedrichshafen.«Sie können in 14 Tagen anfangen», hiess es. Zehn Tage später reiste ich regulär in die BRD ein und erhielt 50 D-Mark Startgeld. Ich fühlte mich allerdings nicht sehr willkommen.

In Friedrichshafen lernte ich meinen Mann kennen. Er kam aus Coburg an der Grenze zur DDR. Er kannte genau dieselben Kindersendungen aus dem DDR-Fernsehen. Er war mir sofort sympathisch. Gemeinsam zogen wir 1990 nach Zürich. Von da an begann mein neues Leben, und es ging aufwärts.

aufgezeichnet: Philipp kissling

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