Herbetswil
Wer denn will schon unter Strommasten wohnen?

Die Gemeinde Herbetswil nimmt neuen Anlauf, damit die Stromleitung verlegt wird. Die Freileitung, die vom Grimselkraftwerk nach Basel führt, gehört seit mehr als 80 Jahren zum Dorfbild.

Alois Winiger
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Gehört seit mehr als 80 Jahren zum Dorfbild von Herbetswil: Die Freileitung, die vom Grimselkraftwerk nach Basel führt.

Gehört seit mehr als 80 Jahren zum Dorfbild von Herbetswil: Die Freileitung, die vom Grimselkraftwerk nach Basel führt.

Alois Winiger

Ob damals vor vielen Jahrzehnten, als vielerorts diese mächtigen Masten mit den Starkstromleitungen gebaut wurden, sich jemand Gedanken machte, dass diese auch negative Auswirkungen haben könnten? Es ist eher anzunehmen, dass man diese Einrichtungen als Zeichen des Fortschritts erachtete – oder gar bewunderte. Vor mehr als achtzig Jahren wurde eine solche Leitung über den Jura von Nord nach Süd gebaut, die bei Herbetswil das Thal überquert. Damals verlief die Leitung noch am Dorfrand vorbei, heute zerschneidet sie überbautes Gebiet im östlichen Gemeindegebiet.

Nicht so einfach

Seit Jahren macht man sich bei den Gemeindebehörden Gedanken darüber, wie die Leitung verbannt werden könnte. Nicht nur, weil sie das Dorf zerschneidet, sondern insbesondere auch wegen des wertvollen Baulands entlang dem Trassee. Denn wer will schon ein Haus bauen unter einer Starkstromleitung? Doch die Leitung zu verlegen, ist nicht so einfach, da gibt es viele Faktoren und Tatsachen, die praktisch nicht umzustossen sind. Trotzdem hat man wieder einen Anlauf genommen, wie dem aktuellen «Gmeinsblättli» zu entnehmen ist.

Basel braucht mehr Strom

Die Leitung führt vom Kraftwerk Grimsel nach Basel, wo die Industriellen Werke Basel (IVB) für die Stromversorgung zuständig sind. Dort besteht grösserer Strombedarf, darum wollen die IVB das bestehende Netz aufklassieren von 150 kV auf 220 kV, wofür es aber eine neue Leitung braucht. Herbetswil will dafür das bestehende Trassee nicht mehr zur Verfügung stellen. «Wir haben das den IVB so mitgeteilt», sagt Gemeindepräsident Stefan Müller. «Allerdings sind wir uns bewusst, dass wir rechtlich an einem sehr kleinen Hebel sitzen.

Die Basler könnten aufgrund des übergeordneten Interesses eine Enteignung durchziehen.» Natürlich würde die Gemeinde dafür entschädigt, aber das sei nicht der Sinn der Sache. «Darum streben wir eine Zusammenarbeit an und haben angetönt, dass wir gerne mithelfen, ein alternatives Trassee zu finden.» Als ersten Schritt aber wolle man erreichen, dass die neue Leitung in die Langfristplanung 2025 der Swissgrid aufgenommen wird. Swissgrid ist die unabhängige nationale Netzgesellschaft der Schweiz und verantwortlich für die Übertragungsnetz-Infrastruktur. Ist das Vorhaben in ihrer Planung drin, so besteht auch Aussicht auf Bundesgelder.

Freileitung oder im Boden?

Dann stellt sich noch die Frage: Verläuft die Leitung wie bisher über hohe Masten oder wird sie in den Boden verlegt? «Für beide Varianten gibt es pro und kontra», antwortet Müller. Für die Erdverlegung spreche, dass die Leitung dann aus den Augen verschwinden würde. Doch: Auch diese Variante wäre nur im Baugebiet oder direkt angrenzend denkbar.

Zudem müsste die Leitung auf beiden Seiten des Dorfes von den Masten in Richtung Boden abgezweigt werden und umgekehrt. Dafür braucht es eine gewisse Infrastruktur, die sichtbar bleibt. «Und auf dem Streifen, in dem die Leitung dann verlaufen würde, kann man auch wieder nichts drauf bauen.» Ein Übel bleibe so oder so übrig, sagt Müller.

«Stand heute tendiere ich eher für ein alternatives Trassee, auf dem eine Freileitung um das Dorf herum führt.» Von einem Entscheid sei man aber noch weit entfernt, zuerst werde gründlich darüber diskutiert. In einem Punkt sei man sich aber einig: Man muss versuchen, das wertvolle Bauland unter dem jetzigen Trassee von der Leitung frei zu bekommen.