Obergösgen
Wenn Warntafeln hätten reichen sollen

Weshalb wurden die Anwohner von Obergösgen nicht vorgewarnt, dass wegen eines technischen Problems im Wasserkraftwerk Gösgen eine Flutwelle die alte Aare hinunterkommt?

Beat Wyttenbach
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Hier floss die Aare durch
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Eine Dreckstrasse
Schäden in einem der Keller an der Dänikerstrasse
Einige Keller mussten ausgepumpt werden

Hier floss die Aare durch

Beat Wyttenbach

Es war am Montagnachmittag um 14.01 Uhr, als eine Vorwarnung seitens der Alpiq Hydro AG bei der Kantonspolizei Solothurn einging, wie Mediensprecher Thomas Kummer erzählt.

Wie die Alpiq Hydro AG auf Anfrage mitteilt, seien aufgrund einer technischen Störung im Wasserkraftwerk Gösgen am Montagnachmittag um zirka 13.30 Uhr vier von fünf Maschinen ausgefallen. Bei der aktuell sehr hohen Wasserfracht habe diese Wasserumlagerung vom Kanal in die alte Aare zu einem Sunk oder Schwall geführt. «Die automatische Wasserhaushaltsregelung konnte bei diesen hohen Wassermassen zu wenig rasch die Pegel wieder ausglätten. Das Betriebspersonal hat danach manuell die Regulierung übernommen und die Pegel wieder normalisiert. Die Anlagen laufen wieder normal, die Fehlerursache wird derzeit untersucht».

«Dafür stehen Warntafeln»

Aber hätte man keinen anderen Weg finden können oder zumindest die Anwohner vorwarnen? Dazu meint die Alpiq: «Das Wasser wurde automatisch durch die Leittechnik über das Wehr Winznau geleitet. Diese systembedingte Umleitung führte zum Wasseranstieg in der alten Aare, welche grundsätzlich jederzeit die volle Wasserfracht der Aare übernehmen muss».

Am Montag sei genau jenes Ereignis eingetroffen, weswegen entlang der alten Aare die Warntafeln stünden. Bei einem Defekt im Kraftwerk könne der Pegel in der alten Aare jederzeit rasch ansteigen. Und weiter: «Das Betriebspersonal hat korrekt, gemäss Prozess, die Polizei und das Unterliegerkraftwerk informiert. In den ersten Minuten war nicht ersichtlich, welches Ausmass die Umlagerung in die alte Aare annahm».

Interessant in diesem Zusammenhang ist auch die Aussage von Diego Ochsner, Chef des Kantonalen Führungsstabes, wonach es eigentlich an der Alpiq selber gelegen hätte, Wasseralarm auszulösen. Er relativierte aber gleich wieder: «Wenn im Niederamt ein Sirenenalarm losginge, würde man zuerst ans Kernkraftwerk Gösgen denken und nicht ans Wasser».

Der Führungsstab hätte eigentlich schon lange gerne ein eigenes Warnsystem, analog jener in den Bergen unterhalb von Staumauern, der alten Aare entlang installiert. Jedoch habe man bei den entsprechenden Ämtern gesagt, das ginge nicht. «Deshalb ist die Sache leider etwas eingeschlafen», hielt er fest.

Wie Obergösgens Feuerwehrkommandant Hptm Alexander Rijavec erklärte, sei die Ortsfeuerwehr um 14.25 Uhr alarmiert worden, zwei Minuten, nachdem bei der Kantonspolizei die ersten Anrufe eingingen, wonach das Hochwasser da sei. Man sei mit sechs Mann und zwei Fahrzeugen mit Anhänger ausgerückt und habe an der Dänikerstrasse während rund drei Stunden zwei Keller leergepumpt. Als man vor Ort eingetroffen sei, sei bereits ein Grossteil des Wassers wieder abgeflossen.

«Pegel kann jederzeit steigen»

Am folgenden Tag zeigte ein Augenschein vor Ort, dass die Schäden noch sichtbar sind. Anwohnerin Heidi Graber liess durchblicken, dass sie und Ehemann Markus noch Glück gehabt haben. Markus Graber war gerade im Keller dabei, Holzarbeiten zu verrichten, als die Aare kam. Es sei ihm gerade noch gelungen, die spezielle Sicherheitstüre zum Keller, welche mit Gummidichtungen versehen ist, zu schliessen. «Dann kam schon das Wasser die Treppe runter», so Heidi Graber.
Weniger Glück hatten Wengers nebenan.

Jrene Wenger erzählte: «Es regnete stark, und ich ging ins Haus. Da sah ich schon das Wasser auf uns zukommen». Tiefkühler, Waschmaschine, Tumbler, Hometrainer - alles ist kaputt, und im Keller sah man noch die Spuren des Wassers, welches rund 40 Zentimeter hoch gestanden haben muss. «Ich habe eine solche Wut», erzählte sie. Schon 41 Jahre wohnten sie jetzt an jenem Ort, und 25 Jahre lang sei nichts passiert. Dann habe sie innerhalb von einem halben Jahr drei Hochwasser miterleben müssen, das Jahrhundert-Hochwasser vom August 2007 und jenes vom Montag noch nicht einmal mit eingerechnet.

«Die Aare kommt»

Schon 15 gefühlte Hochwasser hat Brigitta Hengartner erlebt. Sie und Lebensgefährte Alain Plüss erhielten gerade Besuch von einem Versicherungsagent, der die entstandenen Schäden aufnahm. Sie schätzte, dass die Kosten in die Zehntausende von Franken gehen. «So 20 000 bis 30 000 Franken sind jeweils schnell beisammen», erzählte sie. Plüss schilderte das Erlebte wie folgt: «Ich war im Schopf am Arbeiten, als ein Polier der Arbeitergruppe, welche gerade die Dämme errichtet, angerannt kam und schrie: ‹Die Aare kommt›. Ich dachte, das kann nicht sein».

Das Wasser sei von unten her hinter den schon bestehenden Damm geflossen, auf die Liegenschaften zu. Er habe noch geholfen, Baumaschinen zu retten. Für das eigene Hab und Gut reichte es nicht mehr. Gartenmöbel, Reifen und andere Habseligkeiten aller Art stapelten sich gestern entsprechend auf der Veranda. «Das kann man alles entsorgen», meinte er lakonisch. Seine Partnerin habe wenigstens das Auto im letzten Moment noch retten können. «Hätten wir nur eine Viertelstunde oder 20 Minuten Vorwarnzeit gehabt, so hätten wir mindestens die Hälfte retten können; das meiste war in Koffer verpackt und hätte in die Höhe verschoben werden können. Aber so?» Keine halbe Stunde habe der Spuk gedauert, und dann sei alles vorbei gewesen, so Plüss.

«Bedauern den Vorfall»

Die Alpiq bemerkte im Übrigen «Wir bedauern diesen Vorfall und haben grösstes Verständnis für den Ärger der betroffenen Anwohner. Wir analysieren derzeit mögliche Ursachen für den Ausfall der Maschinen und werden die nötigen Massnahmen einleiten. Der Schaden wird von den zuständigen Versicherungen gedeckt». Und was wird das Unternehmen tun, damit so etwas nicht nochmals passiert? Dazu meint die Alpiq Hydro AG: «Der für den alten Aarelauf zuständige Kanton Solothurn hat die Problematik erkannt und ist in diesen Tagen an der Umsetzung des Hochwasserschutzprojekts Olten Aarau. Nach Abschluss dieser Arbeiten sind die Gebäude künftig besser geschützt».

Ironie des Schicksals: Nach Einschätzungen von Anwohner Alain Plüss hätte der Damm in Obergösgen schon längst fertig sein müssen, doch die starken Regenfälle der letzten zwei Wochen hätten ein zügiges Voranschreiten der Arbeiten verhindert. «14 Tage hätten wohl noch gefehlt, und dann wäre gar nichts passiert», meinte er.