Oensingen/Wolfwil
Wenn ein 250 Jahre alter Speicher auf Reisen geht

Am Montag wurde in Oensingen ein über 250 Jahre alter und 14 Tonnen schwerer Holz-Speicher per Lastkran auf einen Sattelschlepper verladen. In der Nacht wurde er dann in gemächlicher Fahrt nach Wolfwil überführt.

Remo Fröhlicher
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Mehr als 14 Tonnen Gewicht musste der Pneukran am späten Montagmorgen mit dem Speicher an der Kestenholzstrasse 5 in Oensingen anheben. Der über 250 Jahre alte Holzbau auf dem Areal der «Villa Marti» muss weichen, weil die Gemeinde dort einen neuen Werkhof bauen will (siehe Kontext unten).

Der erwähnte 5-achsige Kran selbst brachte 60 Tonnen Gewicht auf die Waage – pro Achse 12 Tonnen. Mit zusätzlichen Gegengewichten von 74 Tonnen eine Standhaftigkeit von insgesamt 134 Tonnen, genug also für den alten Speicher. Von der Suva musste die ganze Einrichtung für den Verlad im Voraus gutgeheissen werden.

In 8 Minuten transportbereit

Gegen 12.30 Uhr wurde das unter Denkmalsschutz stehende Gebäude vorsichtig angehoben. Es war ein spannender Moment, als der Speicher in luftiger Höhe zum Tieflader schwebte. Kurt Hilfiker meinte als erfahrener Spezialist und verantwortlicher Leiter der Verladeaktion, der Verlad verlaufe absolut reibungslos und optimal. Ein bestes Zeichen also für die seriöse Vorarbeit. Bereits um 12.38 Uhr stand das Holzgebäude auf dem Tieflader, der dort nun bis 22 Uhr für den Umzug nach Wolfwil warten musste.

Die Hauptdarsteller der Überfahrt: Sattelschlepper, Speicher und Lastkran.
18 Bilder
Kurz vor der Hubaktion durch den Lastkran.
Der Speicher wird transportfähig hergerichtet.
Die Transportbänder müssen vor der Hubaktion genau überprüft werden.
Der Speicher wird transportfähig hergerichtet.
Der Speicher wird mit dem Lastkran vorsichtig angehoben.
Der Speicher in luftiger Höhe an seinem alten Standort in Oensingen.
Der erste Akt ist geschafft: Der Speicher sitzt sicher auf der Ladefläche des Sattelschleppers.
Der Speicher ist bereit zur Abfahrt.
Der über 250 Jahre alte Speicher geht auf Reisen
Ein nicht ganz alltäglicher Frachtauftrag: Der Speicher überragt den Sattelschlepper bei weitem.
Kinder und Schaulustige begleiten den Tross in der dunklen Nacht.
Per Sattelschlepper ist der Speicher an seinem zukünftigen Bestimmungsort angekommen.
In Wolfwil wird der Speicher tagsdarauf wieder abgeladen.
In Wolfwil wird der Speicher tagsdarauf wieder abgeladen.
In Wolfwil an seinem neuen Platz.
Das Absenken auf das Fundament ist Millimeterarbeit.
Spychertransport (40)

Die Hauptdarsteller der Überfahrt: Sattelschlepper, Speicher und Lastkran.

Remo Fröhlicher

Beim Einnachten begab sich der Speicher auf seine zweistündige Reise ins Aaregäu. Geduld war angesagt. So erfolgte zwischen Oensingen und Kestenholz eine Sicherheitsmessung; der Abstand von der Dachspitze zur traversierenden Starkstromleitung musste mindestens 5 Meter betragen. Sorgfältig, aber reibungslos bewegte sich das Gefährt in Kestenholz um den Kreisel und die Serpentine hinauf. Einzig im Weg standen ein paar in die Strasse ragende Bäume. Unvermeidlich mussten halt einige von ihnen etwas zurechtgestutzt werden.

Schaulustige am Strassenrand

Viele Schaulustige hatten sich am Strassenrand versammelt und bestaunten den Schwertransport über die steile Neue Strasse am «Waldheim» vorbei in Richtung Wolfwil. Und alle waren Experten in der Sache; so zumindest erweckten das die regen Diskussionen am Strassenrand. Das ruhig daher fahrende Gebäude, beleuchtet von Blinklichtern, Strassenlampen und Scheinwerfern hinterliess schon einen imposanten Eindruck.

Das Abladen am Dienstagmorgen um 7 Uhr auf dem Bauernhof im Schweissacker 2 in Wolfwil ging zackig über die Bühne. Millimetergenau wurde der Speicher auf das vorbereitete Betonfundament gesetzt und erhielt so einen passenden Platz in der ländlichen Umgebung.

Der stolze Besitzer des Speichers Hubert Bürgi war über den guten Verlauf der Transportaktion erleichtert und freut sich nun über das neu erworbene geschichtsträchtige Holzgebäude auf seinem Grundstück.

Bewegte Geschichte: Der Speicher stammt vom einstigen Joseph-Joachim-Hof in Kestenholz

Der während Jahren verdeckt hinter hohen Bäumen an der Kestenholzstrasse 5 in Oensingen stehende Speicher hat eine besondere Geschichte. Erbaut wurde der 1947 vom Kanton unter Schutz gestellte zweigeschossige Bohlenständerbau mit umlaufender Laube Ende des 18. Jahrhunderts.

Allerdings nicht in Oensingen, sondern in Kestenholz. Dort befand sich der Speicher ursprünglich an der Gäustrasse auf dem hinteren Teil des Areals der heutigen Garage Fluri und Zeltner. Dieser Gewerbebetrieb wurde an jener Stelle gebaut, wo einst das Ökonomiegebäude des Bauernguts des bekannten Dichters Joseph Joachim (1834–1904) gestanden hatte. Das ehemalige Wohnhaus daneben blieb erhalten. Aufzeichnungen über die nachfolgenden Besitzer gibt es keine.

1960 soll der Bauernhof, und mit ihm der Speicher von der Familie Kempf in den Besitz der Familie Kissling-Schenker gelangt sein. Deshalb wird der Speicher von der kantonalen Denkmalpflege als «Schenkerspeicher» bezeichnet. In der Kestenholzer Dorfchronik wird für den Speicher auch der Name «Pfisterspeicher» erwähnt. Damit ist die Familie gemeint, in welche Dichter Joseph Joachim einheiratete, wie von Dorfchronist Max Studer zu erfahren war.

Der in der Dorfchronik abgebildete Speicher könnte so wie jener in Studers Garten etwa um 1750 erbaut worden sein. Dieser Speicher hat gemäss dem Dorfchronisten das Baujahr 1744. Gesichert ist, dass der Speicher und das Areal 1969 von Pius Studer-Wagner erworben wurden. Noch im selben Jahr trat er den Speicher an Franz Marti in Oensingen ab, um auf dem Areal den erwähnten Garagenbetrieb zu bauen. Den Speicher wurde kostenlos abgegeben. Marti musste lediglich für den aufwendigen Abtransport aufkommen. Der Speicher wurde auch damals als Ganzes überführt.

In den Besitz der Gemeinde Oensingen gelangte der Speicher im November 2013 durch den Kauf des Marti-Hauses samt dem dazugehörenden Areal. Weil die Einwohnergemeinde auf dem rund 4000 Quadratmeter grossen Areal einen neuen Werkhof bauen will, muss der Speicher weichen. Der Oensinger Gemeinderat beschloss deshalb im Juli 2016, dafür einen Abnehmer zu suchen.

Als einziger ernsthafter Interessent meldete sich Hubert Bürgi aus Wolfwil, worauf ihn die Gemeinde Oensingen den Speicher für einen symbolischen Betrag von einem Franken überliess. Begrüsst wurde der neue Standort des unter Altertümerschutz stehenden Speichers auch von der kantonalen Denkmalpflege. Der Speicher passe sehr gut in die Umgebung des Bauernhofes im Schweissacker 2 in Wolfwil. (eva)