Wolfwil
«Wegen mangelnden Perspektiven»: Nützi hat genug vom Spitzensport

Im Mai erhielt der Kunstturner Simon Nützi den kantonalen Sportpreis. Knapp drei Monate später gab der 24-Jährige seinen sofortigen Rücktritt aus dem Nationalkader bekannt. Nach 17 erfolgreichen Jahren sei ihm «fast die Decke auf den Kopf gefallen.»

Raphael Wermelinger
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2014 gewann Simon Nützi an den Schweizer Meisterschaften in Widnau Gold an den Ringen und die Bronzemedaille am Pauschenpferd. Zudem nahm der 24-Jährige an zwei Universiaden teil: 2013 in Kasan und dieses Jahr in Gwangju.

2014 gewann Simon Nützi an den Schweizer Meisterschaften in Widnau Gold an den Ringen und die Bronzemedaille am Pauschenpferd. Zudem nahm der 24-Jährige an zwei Universiaden teil: 2013 in Kasan und dieses Jahr in Gwangju.

Hans Peter Schläfli

Der Wolfwiler hat genug vom Spitzensport. In Nützis Palmarès finden sich unter anderem ein Schweizer-Meister-Titel an den Ringen 2014, eine Bronzemedaille am Pferd im gleichen Jahr sowie mehrere Teilnahmen an Europameisterschaften und Universiaden.

Wolfwil, Solothurn, Magglingen

Bereits im Alter von sieben Jahren fand Simon Nützi den Weg zum Turnsport. Nachdem er mit Fussball zuerst eine Mannschaftssportart ausprobiert hatte, packte ihn das Turn-Virus gleich ab dem ersten Training beim TV Wolfwil: «Mich faszinierte die Vielfältigkeit», begründet er rückblickend. «Kunstturnen ist sehr abwechslungsreich, und dass viel Krafttraining dazugehört, hat mir ebenfalls gepasst.» Nützis Talent war offensichtlich und bald feierte er erste Erfolge an Nachwuchs-Meisterschaften. Er intensivierte seinen Aufwand mit Trainingseinheiten im regionalen Leistungszentrum in Solothurn.

In der Ambassadorenstadt besuchte er ab 2006 dann auch die Sportkanti. «Das ist der einzige Weg, die Ausbildung mit grossen sportlichen Ambitionen zu verbinden», sagte er damals gegenüber dieser Zeitung. Nebst der Schule standen 25 bis 30 Trainingsstunden auf dem Programm. 2010 erlangte er die Maturität. Zu diesem Zeitpunkt figurierte er bereits im erweiterten Kader des Nationalteams.

Seinen ersten grossen Titelgewinn feierte Nützi im September des gleichen Jahres. An der SM in Egg im Kanton Zürich holte er sich die Goldmedaille im Bodenturnen. Im Mehrkampf erreichte er den fünften Schlussrang. Die Belohnung für diese Exploits kam als Weihnachtsgeschenk: Er wurde in das damals zehnköpfige Nationalkader der Schweizer Kunstturner aufgenommen.

«Darauf habe ich fast 14 Jahre hingearbeitet, mit bis zu 30 Trainingsstunden pro Woche», sagte er damals. 2011 folgte der Umzug nach Magglingen ins Nationale Leistungszentrum, wo Simon Nützi die letzten knapp viereinhalb Jahre verbrachte. Vorwiegend mit Trainieren, Essen und Schlafen. «Mir ist fast ein bisschen die Decke auf den Kopf gefallen», so Nützi. Deshalb begann er in dieser Zeit ein Fernstudium in Wirtschaftswissenschaften. Ein guter Entscheid, wie sich später zeigen sollte.

Kasan, Gwangju, Katar

«Die Highlights waren sicher der SM-Titel im letzten Jahr an den Ringen und die Bronzemedaille am Pferd», blickt Nützi auf die Jahre als Profisportler zurück. Aussergewöhnliche Erlebnisse seien auch die beiden Teilnahmen an den Universiaden 2013 in Kasan (Russland) und 2015 in Gwangju (Südkorea) gewesen. Dass er viel in der Welt herumgekommen sei, sieht er als einen der grössten Vorzüge des Lebens als Spitzensportler: «Ich war im Trainingslager in Südkorea und habe an Wettkämpfen in Katar geturnt. Diese Länder hätte ich sonst wohl eher nicht bereist. Das waren spezielle Erfahrungen.»

Nach der Universiade in Südkorea Anfang Juli reifte bei Simon Nützi allmählich der Entscheid, die Karriere zu beenden. «Wegen mangelnder Zukunftsperspektiven im Kunstturnen hatte ich Motivationsprobleme, die mich zur Umorientierung bewogen», begründet der 24-Jährige. Ein wichtiger Faktor waren zudem anhaltende Probleme mit der Achillessehne, die ein normales Training oft verunmöglichten: «Dies verringert meine Chancen, noch mal in ein Team zu kommen.» Gespräche mit seinem Trainer, mit Sportpsychologen und Teamkollegen bestärkten seinen Entscheid. «Am Schluss sah ich nur noch das Positive am Aufhören.»

Kolumbien und Panama

Jetzt beginnt für Simon Nützi ein neuer Lebensabschnitt. Diesen startet er im nächsten Monat mit einer Reise nach Kolumbien und Panama. «Ich bin froh, jetzt mal etwas anderes zu sehen», schaut er voraus. In beruflicher Hinsicht liegt der Fokus auf dem Abschluss des Fernstudiums. Die letzten Worte als Spitzensportler richtet er an sein Umfeld: «Ein grosses Dankeschön geht an meine Familie, meine Freunde und den TV Wolfwil, die mir das alles ermöglicht haben.»

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