Amtsgericht
Wegen Bankraub auf der Flucht - Angeklagter schwänzte Gerichtstermin

Ein 32-jähriger Kosovare musste sich wegen der Abgabe von sechs Schüssen in Richtung von drei Personen verantworten. Zum ersten Gerichtstermin diesen Sommer erschien er nicht. Nach einem Bankraub flüchtete er nämlich in seine Heimat.

Erwin von Arb
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Beim Augenschein vom 1. Juni wird die Flugbahn der Geschosse nachgezeichnet.

Beim Augenschein vom 1. Juni wird die Flugbahn der Geschosse nachgezeichnet.

Erwin von Arb

«Ich weiss nicht», «keine Ahnung», oder «ich kann mich nicht mehr erinnern», waren die häufigsten Antworten, die das Amtsgericht Thal-Gäu am Dienstag von Bojan K. * zu hören bekam.

Den Grund, warum er im Juni dieses Jahres nicht zum gerichtlichen Augenschein in Oensingen erschienen war, wollte der 32-jährige Kosovare Amtsgerichtspräsident Guido Walser nicht verraten. Tatsächlich befand er sich zu diesem Zeitpunkt auf der Flucht im Kosovo, wie sich im Verlauf der Verhandlung herausstellte.

Dorthin ausgereist war er, nachdem er am 20. Mai zusammen mit einem Kollegen die Basellandschaftliche Kantonalbank ausgeraubt hatte. Im August wurde Bojan im Kosovo verhaftet und an die Schweiz ausgeliefert. Seither sitzen er und sein Kollege in Pratteln BL in Untersuchungshaft.

«Wollte Kollege helfen»

Der wegen mehrfach versuchter vorsätzlicher Tötung Angeklagte wurde in Handschellen in den Gerichtssaal geführt. Verantworten musste er sich wegen der Abgabe von sechs Schüssen in den Treppenaufgang eines Oensinger Dancings.

Ereignet hatte sich der Vorfall am 25. Dezember 2007, also vor fast genau acht Jahren. Damals hatte Bojan K. eigenen Aussagen zufolge beobachtet, wie sein Kollege im Eingangsbereich des Dancings von einem Mann geschlagen wurde.

Deshalb habe er mit der Pistole Warnschüsse in Richtung der zwei kämpfenden Männer sowie eines weiteren Mannes abgegeben. Allerdings habe er absichtlich an den etwa 5 Meter entfernten Personen vorbei und auf den Boden gezielt.

«Ich hatte nie die Absicht jemanden zu verletzen oder zu töten» beteuerte Bojan K. Er habe nur erreichen wollen, dass der Angreifer seinen Kollegen in Ruhe lasse, was auch gelungen sei.

Der erwähnte Kollege, ebenfalls ein Kosovare, stützte die Aussagen von Bojan K. und bestätigte ferner, dass die Pistole, mit der geschossen wurde, ihm gehört. Gekauft habe er diese, weil der Besitz von Waffen zur albanischen Kultur gehöre.

«Männer haben eine Waffe wie Frauen eine Handtasche», sagte der 33-Jährige auf eine Frage von Roland Winiger, dem amtlichen Anwalt des Angeklagten. Winiger erwähnte ferner, dass es Gerüchten zufolge um Schutzgeldforderungen gegangen sei.

Ein Anspruch auf solche Zahlungen könnte an jenem Tag mit dieser Aktion erstmals angemeldet worden sein, stellte Winiger in den Raum. Und: Der dritte Mann, welcher bei der Schussabgabe beim Eingang gestanden habe, könnte damit etwas zu tun gehabt haben.

Der als Zeuge geladene Mann bemerkte dazu, dass er damals auf die Toilette gegangen sei und dabei vor der Eingangstüre des Dancings laute Stimmen gehört habe. Darauf habe er die Tür geöffnet und gesehen, dass sich zwei Männer streiten.

«Dann hat es laut geknallt und ich bin schnell wieder ins Dancing gegangen», führte der 41-jährige Mann aus dem Oberaargau dazu aus.

Auch im Jura auf Diebestour?

Bojan K. wird ferner vorgeworfen, am 3. und 7. Juli 2011 bei Einbruchdiebstählen im Kanton Jura mitgewirkt zu haben. Der Angeklagte bestritt dies wie schon bei den Befragungen durch die Untersuchungsbehörden.

Dass sein Handy in der Region, wo die Einbrüche stattfanden, geortet wurde, sei kein Beweis, zumal dieses auch von anderen Leuten benutzt worden sei. Er sei zwar an besagten Orten gewesen – zusammen mit seinen Kollegen – er habe aber zumindest in einem Fall eine Freundin besucht.

Was seine Kollegen in dieser Zeit gemacht hätten, wisse er nicht. Auch die Frage, warum er sich der Polizeipatrouille im Kanton Jura entziehen wollte, blieb unbeantwortet.

Staatsanwalt fordert 13 Jahre Haft

Staatsanwalt Raphael Stüdi räumte ein, dass es ausser der Handyortung kaum Beweise für die Beteiligung von Bojan K. an den Einbruchdiebstählen im Jura gibt. Die lange Indizienkette reiche aber für eine Verurteilung aus.

Klar ist für den Staatsanwalt hingegen die mehrfache versuchte vorsätzliche Tötung der drei vor dem Dancing stehenden Personen. Der Angeklagte habe in Kauf genommen, dass jemand getötet werde.

Ihm zugutegehalten werden könne, dass er nicht vorsätzlich gehandelt habe und mit den Schüssen seinen Kollegen habe schützen wollen. Allerdings habe er sich bei der Wahl der Mittel vergriffen. Stüdi forderte für Bojan K. 13 Jahre Freiheitsentzug.

Verteidiger verlangt Freispruch

Für einen Freispruch plädierte Roland Winiger. Bojan K. habe ganz klar nur seinen Kollegen schützen wollen. Jemanden mit den Schüssen treffen zu wollen wäre ein Leichtes gewesen. «Genau das wollte mein Mandant nicht.»

Zudem müsse das von der Polizei erst viereinhalb Jahre nach der Tat gelieferte Spurenbild infrage gestellt werden. Einen Freispruch verlangte Winiger auch für die angeblichen Einbruchdiebstähle im Kanton Jura. Dafür gebe es nur Verdachtsmomente, aber keine Beweise.

Das Urteil wird am 6. Januar eröffnet.

* Name von der Redaktion geändert

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