Ramiswil
Warum die Heilig-Blut-Kapelle am Passwang gebaut worden ist

«Die Kapelle könnte an keinem besseren und schöneren Platz stehen», davon ist Stiftungsratspräsident Herbert Brunner genauso überzeugt wie die unzählige Schar von Gläubigen, die seit 1974 das Gotteshaus besucht hat.

Alois Winiger
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Die Heilig-Blut-Kapelle mit ihrer eigenwilligen architektonischen Formensprache.

Die Heilig-Blut-Kapelle mit ihrer eigenwilligen architektonischen Formensprache.

Alois Winiger

Fährt man von Ramiswil aus die Passwangstrasse hoch, so trifft man etwa auf halber Höhe eine Kapelle mit einer architektonischen Formensprache, die man dort nicht erwarten würde: die Heilig-Blut-Kapelle. Sie ist beliebt als Ort für Hochzeiten und Taufen, aber auch als Platz für eine Rast – tagsüber wie auch nachts.

Jüngst fand dort ein besonders feierlicher Gottesdienst statt, denn die Kapelle war vor 40 Jahren vom damaligen Bischof Anton Hänggi eingeweiht worden. Sie gehört aber weder der Kirchgemeinde Ramiswil noch jener von Mümliswil, sondern der privaten Stiftung Heilig-Blut-Kapelle. Integriert ist sie jedoch in den neu gegründeten Pastoralraum St. Wolfgang im Thal mit Balsthal, Holderbank, Mümliswil und Ramiswil.

Bäuerin vom Beibelberg

Passwangkapelle wird das kleine Gotteshaus auch genannt – oder Beibelbergkapelle, was auf den Grund hinweist, warum die Kapelle überhaupt gebaut worden ist. Auf dem nur wenige Schritte davon entfernten Hof Vorder Beibelberg wohnte ab 1793 die Familie von Johann Baptist und Anna Maria Brunner mit sechs Kindern.

Nachdem Johann Baptist verstorben war, folgte Anna Maria einem innigen Wunsch, ihr Leben ganz Gott zu weihen, so wie es bereits drei ihrer sechs Kinder getan hatten, indem sie einen geistlichen Beruf gewählt hatten. Der älteste Sohn, Pater Franz Sales, war als Priester unter anderem im Graubünden und in den USA tätig gewesen.

Anna Maria gründete 1834 die Kongregation der Schwestern vom Kostbaren Blut, ihr Hauptsitz ist heute im Frauenkloster Schellenberg im Fürstentum Liechtenstein (siehe Textbox). Gleichnamige Kirchen und Kongregationen entstanden auch in Amerika, wo Pater Franz Sales Brunner missionarisch tätig war.

Anna Maria war die Gründerin

Nach dem Tod ihres Mannes begab sich die 1764 geborene Anna Maria Brunner von Ramiswil zu ihrem Sohn Pater Franz Sales Brunner (vgl. Hauptartikel). Dieser betrieb gerade eine Schule auf dem ehemaligen Schloss Löwenberg oberhalb von Sagogn im Graubünden. Auf einer Wallfahrt nach Rom zusammen mit ihrem Sohn entschied sie sich für «ein Leben in der Ganzhingabe an Gott durch Gebet und Werke der Nächstenliebe». Zurück auf Schloss Löwenberg scharten sich mehrere Frauen um Anna Maria, um ihr Beispiel nachzuahmen. Daraus entstand 1834 die Schwesternversammlung vom Kostbaren Blut. Laut mehreren Quellen bezieht man sich dabei auf das Blut Jesu, das er «bei seinem Tod am Kreuz vergossen hat zum Heil der Welt». 1836 starb Mutter Brunner. 14 Jahre später übersiedelten sämtliche Schwestern nach Amerika, wo sie zusammen mit den Patres der Missionare vom Kostbaren Blut seelsorglich tätig waren und zahlreiche Klöster gründeten. Um in Europa weitere Leute für die überseeische Mission auszubilden, gründete Franz Sales Brunner 1858 im liechtensteinischen Schellenberg das Frauenkloster der Schwestern vom Kostbaren Blut. Von dort aus kam denn auch der Anstoss, in der Heimat von Mutter Anna Maria eine Kapelle zu erbauen. (wak)

Quelle, Infos: www.frauenkloster.li

Hände blieben unversehrt

Anna Maria Brunner verstarb am 15. Januar 1836 und wurde in Schellenberg begraben. Hundert Jahre später wünschte eine in den USA tätige Schwesterngemeinschaft, deren Gründung auf Anna Marias Wirken zurückgeht, dass deren sterbliche Überreste von Schellenberg ins amerikanische Mutterhaus nach Dayton/Ohio überführt werden, was denn auch geschah.

Bei der Exhumierung soll sich Aussergewöhnliches ereignet haben: Man entdeckte, dass die zum Gebet gefalteten Hände der Verstorbenen von der Verwesung verschon geblieben seien.

Beim Festakt zum 40-jährigen Bestehen hielt man auch kurz Rückblick auf die Geschichte der Kapelle, entworfen vom Oltner Architekten Albin Amsler. «Das Jubiläum eignete sich bestens dazu, um sich wieder einmal ins Bewusstsein zu rufen, welchen Ursprung und welche Bedeutung die Heilig-Blut-Kapelle hat», sagt Herbert Brunner aus Ramiswil, seit 21 Jahren Präsident der Stiftung Heilig-Blut-Kapelle.

Und die Juraschutzzone?

Kein Thema ist und war, dass die Kapelle anno 1974 gebaut werden konnte, in einer Zeit also, als die Juraschutzzone längstens in Kraft war; jene raumplanerisch gesetzliche Massnahme, die heute im Zusammenhang mit den Windparks auf den Jurahöhen zu einem Streitpunkt geworden ist.

Diese Verordnung zum «Schutz des Juragebietes gegen die Überbauung mit verunstaltenden Bauten» wurde vom Regierungsrat im Jahr 1942 erlassen. Es ist allerdings anzunehmen, dass für die Heilig-Blut-Kapelle in Ramiswil die Ausnahmeregelung gegolten hat, wonach Bauten, welche die schöne Gegend nicht verunstalten, zugelassen sind.

«Die Kapelle könnte an keinem besseren und schöneren Platz stehen», davon ist Stiftungsratspräsident Herbert Brunner genauso überzeugt wie die unzählige Schar von Gläubigen, die seit 1974 das Gotteshaus besucht hat. Auch Petrus ist offenbar derselben Meinung: Am Feiertag des Jubiläums 40 Jahre Heilig-Blut-Kapelle herrschte schönstes Sommerwetter.

www.heiligblut-kapelle.ch