Mümliswil

«Wär?» – «Dr Hans Bläär»: Redaktorin erinnert sich an ihren Vater – Versdichter der Mümliswiler Fasnacht

Die «Dorfamsle» traten 1983 erstmals mit ihren Schnitzelbänken auf und lösten sich im Jahr 2000 auf.

Die «Dorfamsle» traten 1983 erstmals mit ihren Schnitzelbänken auf und lösten sich im Jahr 2000 auf.

Als Tochter Versedichters Bruno Saner verband sie die Fasnacht schon als Kind mit einem Geruch. Redaktorin Fränzi Zwahlen erinnert sich.

Zu meinen frühesten Kindheitserinnerungen gehört die Fasnacht. Zwar war ich bis als Achtjährige nicht an Maskentreiben oder Intrigieren mit dabei. Doch es ist ein Duft, der mir jedes Mal in die Nase steigt, wenn ich an die Fasnacht von früher denke. Fasnacht, das war für mich als Kind etwas Geheimnisvolles, denn ich verstand damals nur, dass es den Erwachsenen Spass machte, einen Spass, den ich nicht richtig einzuschätzen wusste.

Mein Vater war Fasnächtler in Form eines Schnitzelbank-Verfassers und Helgenmalers. Jeweils nach dem Neujahr begann er spätabends Verse zu schmieden. Meist überkam ihn diese schöpferische Arbeit erst weit nach Mitternacht – dann wenn es im Haus still war und er sich voll und ganz seinen Gedanken widmen konnte. Ich bekam diesen Schreibprozess als Kind nur mit, wenn ich mitten in der Nacht erwachte, weil ich schlecht geträumt hatte, oder mich sonst ein Zipperlein weckte. Dann ging ich hinunter ins Büro meines Vaters und klagte über meine Beschwerden. Sein Allheilmittel war dann: «Ich mache Dir ein Glas Zuckerwasser und dann geht es Dir wieder gut.» Es wirkte tatsächlich. Am Morgen dann las mein Vater beim Morgenessen voller Stolz meiner Mutter seine Verse vor. Die beiden lachten und kugelten sich – ich selbst verstand nicht, warum. Und wenn ich fragte: «Wär?» sagte mein Vater: «Dr Hans Bläär.»

Ein penetranter Filzstift-Geruch im Haus

Die Fasnachtszeit rückte näher und damit breiteten sich die Aktivitäten meines Vaters diesbezüglich immer mehr im Haus aus, denn er musste zu seinen Versen noch «Helgen» malen. Dafür beschaffte er sich weltformatiges Packpapier in rauhen Mengen. Darauf begann er, mit Bleistift Motive zu malen, die seine Verse illustrierten. Wenn er dann die richtige Darstellung gefunden hatte, begann er sie mit den damals üblichen Filzstiften zu auszuzeichnen. Es waren Stifte, deren farbige wasserfeste Tinte in einem handlichen Glasbehälter sass. Beim Malen kippte man den Glasbehälter auf den Kopf und netzte damit ein an der Öffnung befestigtes Stück Filz mit Farbe. Diese Frühform der Filzstifte waren das «Heiligtum» meines Vaters und wehe, ich benutzte einen Stift und vergass danach, die dafür vorgesehene Kappe wieder drauf zu setzen. Der Filzstift trocknete dann eben aus und war nicht mehr zu gebrauchen.

Ein Donnerwetter! Mein Vater malte «Helgen» um «Helgen», meist am Abend; manchmal auch über die Mittagszeit oder am Nachmittag, denn er war Lehrer. Der penetrante Filzstift-Geruch verbreitete sich im ganzen Haus. Mein älterer Bruder bekam Kopfschmerzen davon, riss die Fenster auf oder verzog sich in sein Zimmer. Ich durfte, wenn es das Motiv zuliess, die Flächen der Illustrationen auf den «Helgen» mit Wachsmalstiften ausmalen. Wie stolz ich da war, auch meinen Teil zu dieser Erwachsenenwelt namens Fasnacht beizutragen. Waren alle Bilder fertig gemalt, stellte mein Vater sie entsprechend seiner «Bänke» zusammen und montierte sie auf seinen selbst geschreinerten «Helgengalgen» – ein alter Besenstiel mit einer oben waagrecht montierten Dachlatte und zwei Verstärkungshölzern. Daran wurde der Bund mit den Plakaten festgeschraubt, so dass sie sich leicht nach hinten blättern liessen.

Der «Helgengalgen» als letzte Erinnerung

Nervös wurde mein Vater immer ein paar Wochen vor der Fasnacht, denn öfter kam es vor, dass im Dorf oder sonst irgendwo noch ein Ereignis stattfand, über welches er auch noch eine Schnitzelbank verfassen wollte. So musste dann rasch gedichtet und noch rascher gezeichnet werden, denn die «Bänke» mussten rechtzeitig vor dem Schmutzigen Donnerstag noch in Druck gegeben werden. Seine Verse gaben die Dorfamsle ab dem Schmutzigen Donnerstag zum Besten. Deren Mitglieder standen während der «Produktionszeit» hin und wieder vor der Türe, um weitere Dorf Anekdoten zu erzählen, oder die fertigen Verse abzuholen, damit sie einstudiert werden konnten. Die Fasnacht war dann ein Jahr lang kein Thema mehr in unserer Familie. Nur in einem der hinteren Ecken des Kellers stand der «Helgengalgen», mit den Bildern der vergangenen Fasnacht und wartete darauf, wieder hervorgeholt zu werden.

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