Egerkingen
Vor 90 Jahren ergoss sich ein Wolkenbruch über die Berggäuer

Die Gewitter und Regenfälle der letzten Wochen sind bis jetzt glimpflich ausgegangen. Vor 90 Jahren sah das ganz anders aus.

Guido von Arx
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So sah es am 22. Juni 1926 an der heutigen Martinstrasse nach dem verheerenden Gewitter aus.

So sah es am 22. Juni 1926 an der heutigen Martinstrasse nach dem verheerenden Gewitter aus.

zvg

Ein verheerendes Unwetter hat am Nachmittag des 22. Juni 1926 die Amtei Tal-Gäu heimgesucht. Unzählige Gewitter entluden sich über dem Gebiet von Langenbruck. Riesige Wassermassen verursachten gewaltige Schäden in Holderbank und Balsthal. An einigen Stellen der Teufelsschlucht stieg das Wasser in 10 Minuten um 3 Meter.

Bei den Gemeinden vor dem Berg im Gäu war Egerkingen am stärksten betroffen. Die Presse vom 23. Juni 1926 berichtet über das Ereignis wie folgt: «Ein heftiger Wolkenbruch brach gestern Nachmittag ca. 3 Uhr über unserer Gemeinde los. Innert 10 Minuten bot sich ein trauriger Anblick.

Die trüben Fluten vermochte das Bachbett, insofern man noch von einem solchen reden kann, nicht mehr zu fassen, sodass das Wasser stromähnlich durch das Dorf hinab floss. Arg gehaust hat das Unwetter im oberen Dorfteil, im Flühloch. Das mit grossen Quadersteinen eingefasste Bett des Dorfbaches ist stellenweise vollständig weggerissen.

Die Strasse ebenfalls und ein Garten schützengrabähnlich aufgerissen. Ein anderer schöner Gemüsegarten ist nun ein Schutthaufen. Die Küche und die Wohnstube in einem Hause waren mit Geröll und Wasser zirka 1 Meter hoch angefüllt.»

Gemeindeschreiber Otto Studer ergänzt den Bericht im Protokoll des Gemeinderates wie folgt: «Das Wasser drang bei der Bäckerei Leibundgut und bei Adelbert Wagner in die Häuser und hat in denselben arg gehaust. Wände und Türen wurden eingedrückt und fast alles Mobiliar von den Fluten weggerissen. In der Küche des Adelbert Wagner war meterhoch Schutt.

In der Backstube des Leibundgut war das Wasser 2 Meter hoch und hat sämtliche Mehlvorräte vernichtet. In der Scheune und im Stall von August Felber, Weibel, war das Wasser schon meterhoch. Die Kühe konnten nur noch durch Einschlagen der Türe gerettet werden.» Die Feuerwehr war ständig im Einsatz, wehrte, wo sie konnte, war aber mit ihren zur Verfügung stehenden Mitteln gegen die Flut und das Geröll weitgehend machtlos.»

Regierung schickt Hilfe

Nachdem der Sturm vorübergezogen und Wasser abgelaufen war, begannen die Aufräumarbeiten. Jetzt erahnte man die enormen Schäden, welche die Flut an der Strasse sowie an den Häusern angerichtet hatte. Berechnungen zufolge ergoss sich über Egerkingen eine durchschnittliche Wassermenge von 7,5 cm oder 75 Liter pro Quadratmeter. Eine Tafel am Haus Flühloch 5 markiert noch immer die Höhe der Wasserflut.

Am Tag nach der Katastrophe besichtigte der Solothurner Gesamtregierungsrat das Schadengebiet. Er beorderte ein Militärdetachement zur Mithilfe bei den Aufräumungsarbeiten und erliess einen Aufruf zu einer Liebesgabensammlung von Haus zu Haus.

Das Baudepartment beauftrage zudem ein Ingenieurbüro mit der Projektierung der Dorfbachsanierung. Ergebnis: Der Bach wurde zu einem leblosen Kanal ausgebaut.
Das wird sich mit der aktuell laufenden Umgestaltung der Martinstrasse schon bald ändern. Entstehen soll ein Bachlauf, der zum Verweilen einlädt und das Dorfbild aufwertet.

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