Herbetswil
Vor 125 Jahren wurde der Grundstein für die heutige Dorfmusik gelegt

Was für Zeiten waren das, als es in vielen – auch kleinen – Gemeinden zwei Musikvereine gab. Der Grund dafür war in der Regel die unterschiedliche politische Gesinnung. So auch in Herbetswil.

Alois Winiger
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Fähnrich Fritz Nussbaum in der noch aktuellen Uniform.

Fähnrich Fritz Nussbaum in der noch aktuellen Uniform.

zvg

Politische Farben

Warum nannten die Herbetswiler seinerzeit ihre dem Freisinn zugewandte Musikgesellschaft die «rote Musig», wo doch die Freisinnigen landläufig als die «Gelben» gelten (siehe Hauptartikel)? Das historische Lexikon der Schweiz gibt Auskunft: «Schon Ende des 18. und im 19. Jahrhundert standen bestimmte Farben für Weltanschauungen und Parteien oder wurden diesen zugeschrieben.» In den einzelnen Kantonen sei die Zuweisung auf spezifische Begebenheiten zurückzuführen.

«1855 gab im Kanton Solothurn die radikal-liberale Partei ein rotes Büchlein mit Reformvorschlägen heraus. 1856 reagierten die Altliberalen mit einem grauen Büchlein. Fortan wurden die Radikal-Liberalen als Rote, die Altliberalen als Graue bezeichnet.» (wak)

Seit der Gründung sind 125 Jahre vergangen, in denen sich eine zweite Vereinsgründung und eine Wiedervereinigung abspielte. Der Musikverein Herbetswil (heute Dorfmusik Herbetswil) organisiert deshalb eine Jubiläumsfeier und gönnt sich gleichzeitig eine neue Uniform. Am 14. November wird das Fest steigen mit einem Konzert der Konkordia Aedermannsdorf und einer Ansprache der Ständerätin Christine Egerszegi.

In zwei Lager gespalten

Warum es in Herbetswil zwei Musikvereine gab, ist der Chronik zu entnehmen, die zur Geburtstagsfeier erscheinen wird. Bei den Nationalratswahlen im Herbst 1919, als aufgrund eines politischen Erdrutsches die Freisinnigen die absolute Mehrheit verloren, hatte das auch im Thaler Dorf Auswirkungen. Die Musikgesellschaft spaltete sich mehr und mehr in zwei verschiedene Lager auf mit der Folge, dass die katholisch Konservativen, die «Schwarzen», im Mai 1921 die Musikgesellschaft Konkordia ins Leben riefen.

Fortan lieferten sich die beiden Vereine im knapp über 500 Einwohner zählenden Dorf einen Wettstreit, sowohl musikalisch, als auch was das Organisieren von Anlässen angeht. Beide Vereine beschafften sich im Jahr 1923 eine Uniform, die Musikgesellschaft leistete sich eine neue, die «Konkordia» übernahm jene der «Konkordia» Balsthal. Das gegenseitige Anspornen machte sich bald bemerkbar.

Die Musikgesellschaft organisierte 1921 den ersten Bezirksmusiktag, die «Konkordia» folgte dem Beispiel erst 1948, dafür besuchte sie 1934 als Erste ein Kantonalmusikfest, die Musikgesellschaft erst 1960.

Blick zurück: Die «Konkordia» marschiert 1957 in der neuen Uniform auf.

Blick zurück: Die «Konkordia» marschiert 1957 in der neuen Uniform auf.

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Parallele zur Wirtschaft

Beiden Vereinen ging es gut bis Ende der 1960er-Jahre. Da sei der Höhepunkt überschritten gewesen, heisst es in der Chronik: «Betrachten wir die Geschichte der Dorfmusik, so kommt man zu der nicht überraschenden Feststellung, dass die Hochs und Tiefs weitgehend parallel zur Wirtschaftslage verliefen.»

In den Krisenzeiten der Siebzigerjahre seien viele Leute aus Herbetswil weggezogen oder mussten einen wesentlich längeren Arbeitsweg in Kauf nehmen. «Austritte waren die Folge, Nachwuchs gabs nur spärlich – vor allem, weil eine Musikschule fehlte.»

Die Mitgliederzahlen schrumpften, Proben mussten kurzfristig abgesagt werden, weil die Leute fehlten. «Für jene, die sich für die Vereine einsetzten, war das natürlich frustrierend», heisst es in der Chronik. Am Stammtisch sei ein Zusammenschluss immer wieder Thema gewesen, doch erst 1980 wurde er konkret und 1981 wurde der Musikverein Herbetswil gegründet. Die Vereinsverantwortlichen hätten zwar penibel auf Gleichberechtigung geachtet, doch Rücktritte waren nicht zu vermeiden.

Wieder am Scheideweg

Der neue Verein weihte eine neue Uniform ein, nahm an Kantonalmusikfesten teil, organisierte 1986 einen Bezirksmusiktag und feierte 1990 das Jubiläum 100 Jahre Dorfmusik. Wenige Jahre später aber musste man sich die Frage stellen, wohin der Weg führen soll. Der Zusammenschluss mit einem anderen Verein erschien nicht überzeugend.

«Bis heute gilt das Prinzip, dass wir als selbstständiger Verein funktionieren wollen», heisst es in der Chronik. Bei kleineren Anlässen im Dorf wolle man ohne Aushilfe auskommen. Bei einem Musiktag oder Jahreskonzert dagegen könne man auf auswärtige Verstärkung zählen, dies nicht zuletzt durch die Kontakte, die in den Lagern des Solothurner Blasmusikverbandes entstanden sind. Das System basiere auf Gegenseitigkeit, «mehrere Musikanten aus Herbetswil spielen dafür permanent in anderen Vereinen mit.»

Den Namen bewusst gewählt

Im Verein ist man optimistisch, dass das System weiterhin gut funktioniert. Die Unterstützung in Dorf und Region sei da, was sich konkret am Spendenbarometer zugunsten der neuen Uniform zeige. Die Vakanz in der musikalischen Leitung konnte vorerst behoben werden durch Dirk Amrein; er wird am Jubiläumsfest und am Jahreskonzert 2016 dirigieren.

Den Namen Dorfmusik Herbetswil habe man sich bewusst gegeben. Zum einen, weil darin alle drei Musikvereine zusammengefasst sind. «Zum andern beschreibt der Name treffend das, was wir sein wollen: Ein Verein, der sich für das kulturelle und gesellschaftliche Leben im Dorf einsetzen möchte.» Was die Vereine geleistet haben, darüber werden zum Jubiläum am 14. November die erwähnte Chronik sowie eine Ausstellung Aufschluss geben.

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