Über 100 ehemalige Verdingkinder und Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen trafen sich am Samstag Mittag im ehemaligen Kinderheim in Mümliswil, welches vor zwei Jahren zur Schweizerischen Gedenkstätte Kinderheim geworden ist. Der zweite Jahrestag stand ganz im Zeichen des Schweizer Dichters und Journalisten Carl Albert Loosli, welcher als junger Mensch selbst Opfer von Heimaufenthalten wurde.

Der Leiter der C. A.-Loosli-Gesellschaft, Erwin Marti, überreichte in einem kleinen Festakt der Guido-Fluri-Stiftung einen Bronzeabguss einer Büste von Loosli, welche 1918 vom Waadtländer Künstler Pedro Meylan (1890–1954) geschaffen wurde. Es handelt sich dabei nicht um das Original, sondern einen Gipsabdruck. Der originale Bronzeguss ist verschollen. Die Büste kam erst vor kurzem in Besitz der C. A.-Loosli-Gesellschaft und soll nun in Mümliswil ihren endgültigen Platz bekommen. «Loosli hat mit Zivilcourage und Ausdauer seine Ziele verfolgt. Ebenso tut dies die Guido-Fluri-Stiftung mit der Mümliswiler Gedenkstätte, deshalb ist hier der richtige Ort», so Marti.

Guido Fluri dankte für das ehrenvolle Geschenk. «Im letzten Jahr konnten wir die Holzskulptur ‹Wegschauen› als Mahnmal beim Kinderheim aufstellen, nun ist es diese Büste von einem, der nicht weg-, sondern genau hinschaute.» Loosli sei, wie Dürrenmatt oder Frisch, ein grosser Schweizer Schriftsteller, einer, dem die Missstände in diesem schönen Land nicht verborgen geblieben seien.

Wie Loosli vor 100 Jahren mit Stift und Papier für die Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen gekämpft habe, so kämpfe die Stiftung nun mit der Wiedergutmachungsinitiative dafür, dass Menschen auf dieses dunkle Kapitel der Geschichte schauen. «Unsere Wiedergutmachungsinitiative ist in Rekordzeit zustande gekommen. So will jetzt auch der Bundesrat den Opfern von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen mit einem Gegenvorschlag eine Wiedergutmachung zukommen lassen.» Allerdings gehe der Bundesrat von wenigen Opfern aus.

Die Initiative kommt bald in die Vernehmlassung, und dafür habe er ein gutes Gefühl, sagte Fluri, der aber nicht verhehlte: «Es ist Knochenarbeit». Er appellierte erneut insbesondere an die Kirche als moralische Instanz, endlich eine aktivere Rolle im Aufarbeitungsprozess wahrzunehmen. «Und an die Politik, endlich Verantwortung für geschehenes Leid zu übernehmen.» Danach interpretierten die beiden Loosli-Kenner Walter Däpp und Paul Niederhauser Loosli-Texte.