Oensingen
Von der Hochschule in die Tagesstätte: FHNW-Direktor wechselt die Front

Der FHNW-Direktor Ruedi Nützi hat eine Woche als Betreuer in der Tagesstätte Mittelpunkt in Oensingen gearbeitet. Sie ist eine Anlaufstelle für Personen mit psychischen Problemen und bietet ihnen einen sinnvollen Tagesablauf.

Fabian Jäggi
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Dorjee Phuntsok (links) legt Wert auf Handarbeiten.
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Dorjee Phuntsok (r.) mit Klient.
In der Tagesstätte wird natürlich selbst gekocht.
Auf dem Weg zum Pilateskurs wird frische Luft geschnappt.
Ruedi Nützi zu Besuch in der Tagesstätte Wendepunkt

Dorjee Phuntsok (links) legt Wert auf Handarbeiten.

HR Aeschbacher

Ruedi Nützi arbeitet normalerweise als Direktor der Hochschule für Wirtschaft an der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) in Olten. Für sieben Tage hat er seinen Posten gegen eine Betreuertätigkeit für psychisch beeinträchtigte Personen in der Tagesstätte Mittelpunkt in Oensingen eingetauscht (siehe Textbox). «Ich wollte einmal in eine andere Welt sehen», erklärt Nützi.

«Im Managerberuf geht es um Leistung, um Qualität. Das hier sind Leute wie du und ich, die an gewissen Lebensumständen gescheitert sind. Ein Klient etwa war Generalagent bei einer Versicherung, er erlitt ein Burnout.»

Einfach «dr Ruedi»

«Vielen Managern würde es gut tun, die möglichen Folgen von Überbelastung hier zu sehen», davon ist Nützi überzeugt. Während der Woche in der Tagesstätte habe er sehr viel Positives erlebt. «Man könnte meinen, Menschen in einer so misslichen Lebenslage hätten jegliche Solidarität verloren, jedoch ist das Gegenteil der Fall. Alle helfen sich gegenseitig und sind sehr offen zueinander, auch mir gegenüber.»

Die Tagesstätte Mittelpunkt

2009 ist die Tagesstätte Mittelpunkt im ehemaligen Kindergarten Schachen Oensingen durch Dorjee Phuntsok eröffnet worden. Zur Zielgruppe gehören «psychisch Beeinträchtigte, die zurzeit (noch) nicht oder nicht mehr dazu in der Lage sind, einer kontinuierlichen Arbeit nachzugehen. Sie stehen weder dem besonderen (Werkstätten für Behinderte) noch dem regulären Arbeitsmarkt zur Verfügung.» Ferner sind es Personen, die zur Bewältigung ihrer Lebenssituation «spezielle Hilfe der psychosozialen Versorgung benötigen». Die Tagesstätte wird gestützt durch eine Stiftung mit Ruedi Nützi als Präsident. Zur Verfügung stehen 20 Plätze, die alle besetzt sind; die zuerst provisorische Betriebsbewilligung ist seit 2011 eine definitive. Die Krankheitsbilder der Klienten sind sehr verschieden, wie der Mitarbeiter Wüthrich erklärt: «Viele leiden an Depressionen, an Schizophrenie, Burnout, Paranoia etc. Für sie ist es eine Leistung, morgens aufzustehen und hierherzukommen. Hier sind sie in eine Tagesstruktur eingebunden. Wenn sie dann auch noch einen Kurs im 10-Finger-System oder im Rechnen absolvieren, ist das Erfolgserlebnis umso grösser.» (fj/wak)

Er sei für niemanden der Herr Doktor oder der Herr Professor, sondern einfach «dr Ruedi».

Unterstützung von allen Seiten

Ruedi Nützi kennt den Gründer der Tagesstätte, Dorjee Phuntsok, schon seit Jahren. Der gebürtige Tibeter Phuntsok hat nach seiner Flucht in die Schweiz und seiner Schulzeit jahrelang im sozialen Bereich gearbeitet. Neben Ruedi Nützi und seinen Mitarbeitenden wird Phuntsok auch von den unterschiedlichsten Personen aus der Region unterstützt.

Seit seiner Lehrzeit ist er mit dem Bettlacher Medizinaltechnik-Unternehmer Hugo Mathys befreundet. Begeistert von der Idee, unterstützt Mathys die Tagesstätte als Sponsor.

«Menschen wie du und ich»

Ruedi Nützi bewundert die Art, wie Phuntsok die Tagesstätte führt: «Diese wertschätzende, familiäre und trotzdem professionelle Atmosphäre ist auszeichnend. Dorjee Phuntsok schaut die Klienten nicht als gescheiterte Individuen an, sondern als das, was sie sind: Menschen wie du und ich.» Beleg dafür ist, dass die Tagesstätte kaum krankheitsbedingte Absenzen von Klienten und Angestellten vorzuweisen hat.

Zudem sei über ein Drittel der Klienten seit der Gründung in der Tagesstätte dabei, was als Nachweis für eine grosse Nachhaltigkeit gewertet werden kann. Doch gebe es strenge Regeln, betont Nützi: «Drogen, Energy Drinks und Diskriminierung jeglicher Art etwa sind strikte verboten. Wenn jemand diese Regel bricht, muss er gehen und darf nicht mehr wiederkommen.» Umgekehrt hat Nützis Art auch bei den Mitarbeitenden der Tagesstätte Eindruck hinterlassen. Der Hochschuldirektor sei direkt auf die Leute zugegangen und habe sich mit allen toll verstanden.