Er war Leinenweber in Oberbuchsiten, Sänger und Musiker, Militärtrompeter, Blasmusikdirigent, Gesangs- und Chorleiter, Dichter der Volkslieder über die Wildsaujagd, den Schneegänsen, der Revision, dem Chrüzliverein, dem Wolfslied und dem bekannten Rigilied «Vo Luzärn uf Wäggis zue». Johann Lüthi erblickte am 6. Dezember 1800 in Oberbuchsiten das Licht der Welt.

Seine Vorfahren waren nicht gerade mit Glücksgütern gesegnet. Sie taglöhnten und erwarben sich nebenbei manchen schönen Batzen durch Aufspielen zum Tanze. Der kleine Johann wuchs heran und machte bald überall mit. Herangewachsen, wurde der schon bekannte Musikus Militärtrompeter bei der Solothurner Infanterie unter Oberst Tugginer und bekleidete das Amt eines Bedienten. Je nach Bedürfnis blies er Bügel oder Trompete. Er und sein Freund Kölliker – auch ein Oberbuchsiter - waren die Besten der Bataillonsmusik.

Rigilied: «Vo Lozärn gäge Wäggis zue»

Das Rigilied: «Vo Lozärn gäge Wäggis zue» in einer Version der Kapelle Hans Aregger mit Jodel von Lina Aregger (1969)

Karriere als Musiker

Vom Militärdienst zurückgekehrt, übernahm er in Oberbuchsiten, Kestenholz und anderen Ortschaften die Instruktion der Dorfmusiken. Fast überall erzielte er gleich vorzügliche Resultate. Die Proben wurden in der Regel an Abenden und Sonntagnachmittagen abgehalten. In dieser Zeit war Lüthi, der nun auch ein ausgezeichneter Klarinettspieler geworden, beständig auf den Beinen.

Tags über arbeitete er am Webstuhl oder half den Bauern in den Landarbeiten aus. Im Sommer ging er wohl auch mit andern da und dorthin in den Heuet und in die Ernte, doch nie fehlte die Klarinette unterm Arm. Viel zu tun gab ihm auch das Notenschreiben und Reparieren der Musikinstrumente. Da Lüthi ein tüchtiger Sänger war, so instruierte er in seiner Heimatgemeinde, später an verschiedenen Orten, wie in Oberbipp und im Schwarzbubenland, gemischte Chöre. Innert drei bis vier Jahren hatte er nicht weniger als acht Gemeinden «›nes G’sang iig’füert». Der Gesangsleiter Lüthi war überall im Gäu und darüber hinaus viel begehrt.

Eine bedeutende Einnahmequelle hatte er im Tanzaufspielen. Während Jahrzehnten unterhielt Lüthi eine weitherum bekannte Fünfermusik: 1. Klarinette, 2. Klarinette, Trompete, Horn und Bass. War irgendwo etwas los, fehlte Lüthi mit seiner Tanzmusik nicht. So kam er westlich bis nach Solothurn und Biel, südlich bis Langenthal und Huttwil und östlich über Olten und Zofingen hinaus. Neben althergebrachten Tänzen spielte seine Kapelle auch unzählige eigene Melodien und Stegreifler. Ein urwüchsiger Schottisch von Lüthi war sehr bekannt.

So gingen seine Lebensjahre dahin. Lüthi war auch verehelicht. Dieser Verbindung entsprossen zwei Söhne August und Adolf, sowie eine Tochter Franziska. Wenn Johann Lüthi im wechselvollen Leben nicht immer vom Glück begünstigt war und ihm irdischer Reichtum versagt blieb, so hatte er doch zeitlebens ein frohes, heiteres Gemüt und ein volles Mass von Genügsamkeit. Diese waren es, verbunden mit einer reichlichen Portion Mutterwitz, welche den alternden Lüthi recht eigentlich zum Original prägten.

Noch in seinen letzten Lebensjahren fehlte der «alte Lüthi» nie an einem Tanztage. Zum letzten Mal musizierte er im November an einem Tanzsonntag im Gasthof Bären in Aarburg. Dort holte er sich eine heftige Erkältung und wenige Tage darauf, am 11. November 1869, starb der landauf und landab bekannte Gäuer Musikus an einer Lungenentzündung. Der Himmel war um einen lustigen Musikanten reicher geworden und das Gäu um ein Original ärmer.

Leben wie die Vögel im Hanfsamen

Es war am 8. Juli 1832, am Tage nach dem 6. Eidgenössischen Freischiessen in Luzern. Das Schiessen ging mit grossem Erfolg zu Ende. Die Festwirtschaft hatte soeben Zahltag gehalten. Die entlassenen Kellner und Kellnerinnen gingen nach allen Seiten auseinander. Eben schlug die Glocke im Hofturm der Leuchtenstadt zehn Uhr morgens. Heiss brannte die Sonne vom Himmel. Wenige Minuten später stiess eine Gondel mit fröhlichen Insassen vom Ufer ab und fuhr sanft wiegend hinaus über den Wasserspiegel des schönen Vierwaldstättersees. Unter ihnen der Leinenweber und Musikus Johann Lüthi und Franz Hammer, Schützenmeister und Wirt zum «Löwen» von Oberbuchsiten.

Goldene Tage! Lüthi und Hammer lebten wie die Vögel im Hanfsamen. Sie hatten am Feierabend des Festes reichlich Moneten erhalten und waren gerade in der richtigen Stimmung, mit den lustigen und hübschen Kellnerinnen aus der Urschweiz, die sie während der patriotischen Feier kennen gelernt hatten, einen Ausflug über den See und auf die Rigi zu machen. Mit den beiden netten «Ländermeitschine» wollten sie «es bitzeli übere See fahren!».

Wanderung mit Folgen

Es stand ihnen nur ein kleines Schiffchen zur Verfügung. Johann Lüthi ruderte stehend, sein Freund Franz Hammer legte sich sitzend kräftig in die Ruder. Die «Meitschine» strahlten vor Wonne, lachten und scherzten. Und über dieser kleinen, süssen, glückseligen Welt brannte der heisse Julitag, und die Majestät urewiger Berge umrahmte das liebliche Bild. Die Gondel wiegte schon weit im See.

In Weggis glitt der Kahn sanft ans Ufer. Sattelpferde, Führer, Rigiträger, Schuhputzer in grosser Zahl erwarteten die Gäste und boten ihre Dienste an, die aber bescheiden abgelehnt wurden. Man wollte unter sich sein. Was weiter geschehen ist, darüber schweigt des Sängers Höflichkeit. Beim Abstieg passierte etwas unter den von Amor getroffenen Menschenkindern, was man nicht in den Kalender setzte. Nur so viel: Jetzt darf der Hammer «nümmen uf d’Rigi gah, süst schickt em das Ländermeitschi ’s Büebli na». Die beiden Buchsiter Gesellen nahmen schweren Abschied und – so sei’s, weil’s muss, das letzte Glas, der letzte Kuss!

Der Kuss der Muse

Etliche Tage nach dieser unvergesslichen Rigifahrt sass Johann Lüthi am späten Nachmittag in der finsteren Webstube eines altherkömmlichen Solothurner Häuschens, hart an der Dorfstrasse in Oberbuchsiten. Plötzlich hielt er in seiner Arbeit inne. Seine Gedanken waren anderswo. Die lustige Fahrt über den Vierwaldstättersee mit dem Abstecher auf die Rigi schien sein Gemüt immer wieder zu beschäftigen.

Lächelnd zog er die alte Schublade heraus und legte einen Fetzen Papier samt Stift vor sich auf das gewohnte Bänklein des Webstuhls. Jetzt setzte er seine Arbeit wieder fort, und indem er die Schiffchen emsig hin und her schob, fing er in Wort und Ton über den gegebenen Stoff zu meditieren an. Von Zeit zu Zeit machte er Halt, ergriff den Stift und notierte sich die Verse, und noch ehe er es dachte, war das Lied vollendet und damit das Tagewerk.

Der Text von Johann Lüthi wurde landesweit bekannt.

Der Text von Johann Lüthi wurde landesweit bekannt.

Den Zettel in der Hand, stieg er vom Webkeller in die Stube und trug den Seinigen die Schöpfung vor. Es war als Necklied auf seinen Freund Hammer gedacht, das er an einem schönen Sonntagnachmittag im «Löwen, z’Buchsite» zum Besten gab. Er hatte wohl nicht geahnt, dass aus diesem Spottlied das weltbekannte Rigi-Lied: «Vo Luzärn uf Wäggis zue» entstehen würde.