«Wo besch dehei?» – «Dört, wo dr schönscht Mischtstock vom Kanton stoht», höre man Neuendörfer sagen. Gleich neben der Wirtschaft zum Kreuz an der Dorfstrasse thront momentan ein knapp drei Meter hoher, golden strahlender Miststock mit ebenmässig abfallenden Seiten und einer Oberfläche, die selbst mithilfe einer Wasserwaage nicht waagrechter hätte werden können. «Diesen Begriff haben nicht wir erfunden», lacht die Bäuerin, die das kantonsweit bekannte Kunstwerk jährlich vollbringt, «wir haben es schon einige Male sagen hören.» Mit Gummistiefeln steht sie auf dem mächtigen Haufen und drückt den Mist mit gekonnten Bewegungen an den Mistblock unter ihren Füssen.

Die Visitenkarte des Hofs

Seit 2004 pflegt die Bäuerin Sabine Zeltner die goldene Schönheit auf dem Vorplatz des über 300-jährigen Bauernhofs: Täglich verlegt sie den Mist, den ein Angestellter mit einer Karrette vom Stall über eine Rampe auf den Misthaufen schiebt. Dieser wächst jeweils von Mai bis Mai, bis er dann als Dünger für den Mais auf das Feld kommt. Jeden Tag wird die Rampe dabei etwas steiler, die Arbeit etwas anstrengender. Je nach Menge brauche sie 30 Minuten bis zu mehreren Stunden für das Verlegen des Mistes. «Das Mistverlegen ist wirklich nicht so einfach, wie man denkt», sagt die Bäuerin. Zwei Mal sei er in den vergangenen Jahren bereits abgerutscht. «Plötzlich fing er an zu wandern und sass auf dem Mäuerchen», erzählt sie mit einer Portion Humor. Das sei jedoch eher die Ausnahme als die Regel.

Miststock Neuendorf bko

Sabine Zeltner pflegt und hegt in Neuendorf direkt an der Dorfstrasse den landauf und landab wohl schönsten Miststock weit und breit. Im Mai wird er dann nach gut einem Jahr wieder an starkzehrende Kulturen verteilt.

«Sie hat einen guten Lehrmeister gehabt», sagt Ehemann Josef Zeltner scherzhaft. Gelernt hat die Bäuerin das Handwerk nämlich von ihrem Mann. «Irgendwann als kleiner Junge musste-durfte ich das machen», sagt er. Nach dem Tod seines Vaters habe die Mutter den Hof geführt und ihn gelehrt, wie das Mistverlegen richtig funktioniert. Seither habe er sich selber um den Miststock gekümmert, bis er 2004 das Zepter wegen eines Bandscheibenvorfalls der Frau übergeben musste. «Eigentlich ist es täglich vergeudete Zeit», fährt er fort. Denn finanziell bringe der Mist nichts. «Er ist aber die Visitenkarte unseres Hofes.»

Und diese Visitenkarte geniesst grosse Aufmerksamkeit. Sabine Zeltner werde regelmässig von Passanten auf den schönsten Miststock des Kantons angesprochen. «Es entstehen spontane Gespräche über Gott und die Welt», sagt sie. «Manchmal ist es nur ein Hallo und ein Lächeln. Die Gespräche dauern teilweise aber auch über 20 Minuten.» Man erlebe vieles. Einmal sei ein Unbekannter auf den Vorplatz des Hofes gefahren und habe ihr 20 Franken in die Hand gedrückt. «Er fahre jetzt schon zehn Jahre an unserem Miststock vorbei, ich solle mir doch ein Coup mit dem Geld gönnen», erzählt die Bäuerin mit einem Schmunzeln.

Neue Lösung gesucht

Das Interesse der Leute ist nachvollziehbar: Der Miststock nimmt schon fast den Status einer lokalen Sehenswürdigkeit an, da man solche heutzutage immer seltener antrifft. Häufig werden sie durch bauliche Massnahmen verdrängt oder aufgrund von Veränderungen in der Stallhaltung überflüssig. Auch die Tage des schönsten Solothurner Miststockes könnten bald gezählt sein. «Es ist noch nicht ganz klar, wie es weitergeht», sagt Sabine Zeltner. Seit Jahren bereits laufe eine Diskussion über die Sanierung der Kantonsstrasse vor dem Hof. Unter Umständen müsste der Miststock in den Hinterhof verlegt werden und würde somit auch, wie zahlreiche davor, aus der Öffentlichkeit verschwinden. Ein Anlass für die Zeltners, sich die ganze Sache nochmals zu überlegen. «Es ist doch sehr zeitaufwendig. Und da es auch mir langsam in den Rücken schlägt, haben wir entschieden, nach einer neuen Lösung zu suchen», erklärt Sabine Zeltner. «Vielleicht wären auch die Nachbarn froh darüber», ergänzt der Ehemann. «Manchmal muss nämlich selbst ich zugeben, dass es stinkt», lacht er.