19. Jahrhundert

Unstete Odyssee des «Ärbeeri-Bueb» aus Welschenrohr

Eine Ansichtskarte aus dem alten Welschenrohr aus dem Jahr 1915.

Eine Ansichtskarte aus dem alten Welschenrohr aus dem Jahr 1915.

Der 2. Teil der Lebensgeschichte des Welschenrohrers Peter Binz (1846–1906): Seine Wanderjahre durch die halbe Schweiz und bis nach Marseille, von ihm selbst erzählt.

Mit 14 Jahren war Peter Binz der Schulpflicht entwachsen. Er arbeitete zunächst als Holzarbeiter bei Moutier. Die Arbeit war hart und entbehrungsreich. Peter schreibt: «So übel hätte es mir nicht gefallen, wenn das Ungeziefer, d. h. keine Flöhe vorhanden gewesen wären. Doch dieselben liessen mir keine Ruhe, es war für einen nicht Gewöhnten daran nicht zum Aushalten.» Er ging weg und fand Arbeit in einer Erzgrube bei Delémont, doch: «Da blieb ich nicht lange. Am Rücken hatte ich beständig Wunden, vom Streifen an den Querstützen von oben in den Stollen an den Stellen, wo es bloss 3 ½ bis 4 Fuss hoch war. Folge dessen bin ich weitergezogen.»

Es folgte Arbeit bei einem Bauern bei St. Ursanne, wo er nach seinen Begriffen zu oft beten musste, danach Flösserarbeit auf dem Doubs. Binz fand im darauffolgenden Winter im Jura keine Arbeit, ausser in Biel, wo er bei einem Schneider Unterkunft fand, und sich die Krätze holte. Er schreibt:»In Bern im Spital musste ich mich heilen lassen. Wie hab ich den Schneider verwünscht. Nun war mein Geld dahin, nach Hause zu gehen schämte ich mich.» So wanderte er Richtung Berner Oberland. Er lernte zum ersten Mal den Hunger kennen, weil er nicht «fechten» (betteln) wollte. In Brienzwiler traf er zufällig auf einen englischen Touristen, dessen Gepäckträger er wurde. Die beiden reisten nach Stans weiter, wo Binz mit zwei Talern für seine Arbeit belohnt wurde. Die Wanderschaft ging weiter nach Zug und Zürich. Binz fand keine Arbeit, die Zeiten waren schlecht. Er entschloss sich, ins Badische, nach Säckingen zu wandern. Doch seine Papiere waren lückenhaft, und er wurde wieder in die Schweiz geschickt. Im Februar 1864/65, als 18-Jähriger, arbeitete Peter als Säger im Schloss Falkenstein in Niedergösgen. Doch auch dort hielt er es nicht lange aus. Lieber suchte er sich eine Arbeit im Jura. Er ging nach Le Locle und nach La Chaux-de-Fonds und fand schliesslich in Soubey bei einem Pferdezüchter eine Anstellung als Knecht, obwohl er von der Landwirtschaft keine grosse Ahnung hatte.

Binz schreibt über seinen Meister: «Er liebte die Deutschen, weil sie, besser als die Welschen, dem Branntwein-Trinken nicht so ergeben seien.» Er könne ja dort auch gleichzeitig noch Französisch lernen, sagte ihm sein Brotgeber. Nach einem Jahr dort konnte Binz schon gut lesen, schreiben und sprechen. «In die Schule ging ich nicht, ich schämte mich, der Grösse wegen, neben den kleinen Kindern zu sitzen – obgleich er mich schicken wollte ohne Abzug von Lohn», steht im Lebensbericht. Binz lernte den Pferdehandel und die Menschen der Franches Montagnes kennen. «Nach Hause schrieb ich nie. Sie wussten nicht, wo ich war.» Doch er erfuhr trotzdem, dass seine Schwester, «mein geliebtes Marianneli», geheiratet hatte. Einen Felix Gunzinger aus Welschenrohr. «Ihren Mann habe ich als ledig nie geliebt, als verheiratet noch weniger. Ich hatte mein Liebstes verloren, meine Schwester. Von einem anderen geraubt», ereifert sich Peter Binz auch Jahre später.

Peter wollte schon bald wieder weg. Grund war auch die Magd Césarine, die dem jungen Burschen schöne Augen machte, aber bei Peter nicht auf Gegenliebe stiess. Im gleichen Dorf liess er sich bei einem Wirt anstellen. Im Wirtshaus verliebte er sich aber dann in die 19-jährige Wirtstochter, «. . . deren Liebe ich zärtlich erwiderte, jedoch in Ehren», versichert er. Doch das Glück währte nur ein paar Monate. Die geliebte Julienne wurde krank, «ein Nervenleiden hatte sie ergriffen». Da hielt den Ärbeeri-Bueb nichts mehr. Zu gross war der Schmerz über den Verlust der Geliebten. Er wanderte nach Roggenburg nahe der Grenze. Von dort ging es mit Holz dreimal pro Woche mit dem Fuhrwerk nach Basel. Sein neuer Meister war der Gasthofbesitzer des «Hirschen». «Hier sah ich nun den Schmuggel», berichtet er. Uhren, Bijouteriesachen oder Tabak wurden geschmuggelt, wobei mit dem Tabak am meisten zu verdienen war, was Peter schnell feststellte. Die strenge Fuhr-Arbeit war ihm schnell verleidet. Er schaute sich per Inserat nach einer neuen Stelle um und fand eine als Pferdehalter in einer Handelsmühle bei St-Imier. Schon bald fiel der dort angestellte Müller aus, und Peter Binz musste dieses Handwerk erlernen «für 40 Franken pro Monat». So wurde Binz Müller.

Er blieb eine bemerkenswert lange Zeit in diesem Müllerhaushalt, denn er hatte dort eine besonders gute Meistersfrau. Gleichwohl zog es ihn weiter, und er kam in einen Bauernbetrieb mit eigener Mühle im freiburgischen Bretziwil unter. «Doch was für ein Unterschied zu derjenigen Stelle im Torrent», schreibt er. Hätte es nicht alle Tage Rindfleisch gegeben, wäre er nicht lange geblieben. Schon nach vier Monaten ging es weiter, nach Schwarzenburg. «Bin dabei vom Regen in die Traufe gefallen, aber nicht für lange», schreibt Binz. Am schlimmsten war ihm die schlampige Küchenmagd vorgekommen, die «nur flüchtig gekämmt, keine Strümpfe, ein leinernes Hemd, die Brust ganz offen, sodass man nur zugreifen könnte – ich schreibe die Wahrheit –, die Brüste bis auf den Bauch hinab in vollem Umfange sah». Nur nach wenigen Tagen, bei Nacht und Nebel, machte sich Peter wieder davon.

Immer, wenn er auf Wanderschaft durch den Jura war, besuchte er das Grab seiner Jugendliebe Julienne in Soubey und vergoss dort bei Nacht und Nebel manche Träne. Nach einer kurzen Arbeit in Bellelay fand er in einer Mühle in Lausanne Arbeit. Von dort aus wanderte er zusammen mit einem Bäckergesellen aus dem Luzernischen eine Woche lang weiter nach Frankreich, bis er einen körperlichen Zusammenbruch erlitt. Eine Bauernfamilie päppelte ihn wieder auf, und nach acht Wochen Unterbruch ging die Wanderung weiter bis Lyon. Ein Jahr blieb Binz in Lyon und arbeitete in einer Schiffsmühle. Dann zog es ihn noch weiter Richtung Süden. «Auf einem Handelsschiff fuhr ich die Rhone hinab nach Marseille, dem noch nie gesehenen Meere zu. Welch ein Erstaunen, welcher Anblick!» Über Besançon ging es dann wieder zurück in die Schweiz. Nach Hause wollte er nicht, da er vier Jahre nicht mehr zu Hause gewesen war, wie er schreibt.

Also wanderte er wieder durch alle ihm bekannten Gegenden, bis er zufällig bei der Kirche im baselbieterischen Oberdorf auf dem Friedhof auf seine Mutter stiess. Beide besuchten sie Gräber von Bekannten. Zusammen reisten sie nach Welschenrohr zurück, wo Peter mit seiner Mutter eine Wohnung suchte. Sie nahmen gemeinsam den Geschirrhandel wieder auf, und dann begann das Unglück im Leben des Peter Binz, schreib er: Er traf auf seine spätere Ehefrau.

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