Aedermannsdorf
Ungeschönt, aber wahrlich schön: Fotograf porträtierte die Bauernfamilien eines ganzen Dorfes

In Aedermannsdorf leben 17 Bauernfamilien. Ihnen und seinem ganzen Heimatdorf hat der Oensinger Max Misteli ein Zeitdokument geschenkt: Ein Bildband, der diese Familien porträtiert. Fotografiert hat Patrick Lüthy.

Isabel Hempen
Drucken
Teilen
Aus dem Fotobuch «Die Bauern von Aedermannsdorf 2017».

Aus dem Fotobuch «Die Bauern von Aedermannsdorf 2017».

Patrick Lüthy

Max Mistelis Stimme überschlug sich ein bisschen. Der in Oensingen lebende Kardiologe hatte sich zum 60. Geburtstag ein besonderes Geschenk gemacht. Er hatte den Fotografen Patrick Lüthy beauftragt, sämtliche 17 Bauernfamilien in Aedermannsdorf zu porträtieren. Nun hielt er an der Vernissage auf seinem Misteli-Hof das fertige Fotobuch in den Händen.

Er, selbst Bauernsohn aus Aedermannsdorf, dessen Jugenderinnerungen an die Dorfkäserei, Viehschauen und Traktorfahrten nicht verblasst waren. Die Freude über das gelungene Werk war ihm anzuhören. Und anzusehen.

Alle 17 Aedermannsdörfer Bauernfamilien kamen an der Vernissage des Fotobands «Die Bauern von Aedermannsdorf» zusammen. In der Mitte (mit Sonnenblumen) Max Misteli, rechts daneben der Fotograf Patrick Lüthy.

Alle 17 Aedermannsdörfer Bauernfamilien kamen an der Vernissage des Fotobands «Die Bauern von Aedermannsdorf» zusammen. In der Mitte (mit Sonnenblumen) Max Misteli, rechts daneben der Fotograf Patrick Lüthy.

HR. Aeschbacher

Landwirtschaft, real dargestellt

«Ich wollte das bäuerliche Leben festhalten, das mich als Bauernsohn geprägt hat», erklärte er den rund 150 Gästen selig strahlend. Aus Aedermannsdorf waren die Besucher gekommen, einige auch aus den Nachbardörfern. Und vor allem hatten alle 17 Aedermannsdörfer Bauernfamilien hergefunden. Der 60. Geburtstag, der sei für ein solches Projekt ein guter Vorwand gewesen, meinte Misteli. Und die Gelegenheit, etwas Bleibendes zu schaffen. Denn in einer sich wandelnden Landwirtschaft verschwänden viele Dinge. «Ich war der Ansicht, sie dürfen nicht verloren gehen», sagte er.

Mit seiner Idee war Max Misteli von Anfang an auf offene Ohren gestossen. Er schrieb die Aedermannsdörfer Bauern an. «Alle ohne Ausnahme sagten spontan zu», meinte er beglückt. Und das, obschon er sein Heimatdorf 1977 verlassen hatte und nur noch die Hälfte von ihnen kannte. Gespräche mit sämtlichen Familien bildeten die Grundlage für die Kurztexte, die er zu den Familienporträts schrieb.

Entscheidend auch, dass Misteli bei der Wahl des Fotografen ein glückliches Händchen bewiesen hatte. Denn der Egerkinger Patrick Lüthy, Träger des Solothurner Preises für Fotografie 2014, erwies sich als der Mann mit dem goldenen Blick. Auf Lüthy war Misteli gestossen, als jener vor zwei Jahren an einer Gruppenausstellung auf der Oensinger Neu-Bechburg sein Fotoprojekt «9 Bauernbetriebe in Oensingen» vorstellte.

Vor der Vernissage hatte Lüthy mit dem befreundeten Fotografen Hansruedi Aeschbacher in stundenlanger Arbeit die Fotosäulen aufgestellt, die die Besucher draussen vor dem Misteli-Hof begutachteten. Und alle fanden sie – die Aedermannsdörfer Bauern und die übrigen Gäste – dass die Porträtierten gut getroffen seien. Dass die Bilder der Realität entsprächen, dass sie den Alltag der Bauern darstellten, wie er sei.

Den Alltag der 17 ganz unterschiedlichen Bauernfamilien hat Lüthy ungeschönt eingefangen. Ungeschönt, aber wahrlich schön: Ein feiner Sinn für Ästhetik zeichnet seine Bilder aus. Und immer lässt Lüthy seine Sujets für sich selbst sprechen. Er hat Porträts geschaffen von Menschen, die in aller Herrgottsfrühe aufstehen und abends spät erst Feierabend machen. Luxus findet sich keiner in den Abbildungen. Aber Würde. Oder «eine Liebe zu den Leuten», wie Max Misteli feststellte. Und damit treffend die Stimmung beschrieb, die Lüthys Bilder vermitteln.

Unzählige Male fuhr Lüthy seit Frühlingsanfang hinter ins Thal. Nach dem zweiten Besuch kaufte er Gummistiefel, nach einigen weiteren Aufenthalten ging ihm auf, dass mit dem «Viehhüter» der Weidedraht gemeint sein muss. Das 300 Seiten starke Buch, das er in stundenlangem Beobachten und Bearbeiten erstellt hat, ist ein Geschenk für Aedermannsdorf. Und ein Zeitzeugnis. «Es steht auch stellvertretend für die Bauernbetriebe im Juragebiet», wie Misteli meinte, bevor er jeder der Bauernfamilien einen Bildband überreichte.

Das Geschenk wird Max Misteli einiges kosten. Wie viel, weiss er selbst noch nicht. «Open budget», sagt er. «Aber entweder du machst das im Leben einmal oder du machst es nicht mehr.»

Die Bilder sind noch am Mittwoch und Donnerstag von 16 bis 20 Uhr auf dem Misteli-Hof zu sehen.

Aktuelle Nachrichten