Immer wieder steht der Bahnübergang bei der Balsthaler Thalbrücke in den Schlagzeilen. Im Jahr 1995 verlor ein damals 7-jähriges Mädchen als Folge einer Kollision mit einem herannahenden Zug einen Arm. An derselben Stelle verstarb vor sechs Jahren eine 17-Jährige. Weil sie mit Kopfhörern Musik hörte, bemerkte sie den Zug nicht und wurde von ihm erfasst. Danach wurden endlich auch für die Fussgänger Schranken realisiert. Und doch ereignete sich letzte Woche erneut ein Unfall bei der verhängnisvollen Überquerung.

Der vierjährige Bub war mit seiner Mutter unterwegs. Das Trottinett schob er neben sich her, die beiden warteten vor dem Bahnübergang. Als sich die Schranken hoben, seien sie weiter in Richtung Denner gelaufen. «Entweder hat er dem Zug nachgeschaut oder er ist vom Lärm des Lastwagens erschrocken», erzählt die Mutter gegenüber dem «Blick». Aus noch unerklärlichen Gründen fiel der Junge auf die Strasse, direkt vor die Reifen des herannahenden Lastwagens. Massive Quetschungen und Brüche am linken Unterbein sind die Folge des Zusammenpralls. Glücklicherweise nicht mehr.

Sicherheitslinie wird gefordert

Während die genauen Untersuchungen zum Unfall noch laufen, nehmen Diskussionen auf den sozialen Medien ihren Lauf. Die Mitglieder der Balsthaler Facebook-Gruppe fordern derzeit eine Linie, die über den Bahnübergang gezeichnet werden und so das Trottoir klarer von der Strasse abgrenzen soll. «Kinder haben an dieser Stelle oft Mühe», schreibt eine Userin. Das Bahngleis irritiere und weil keine Markierung vorhanden ist, sei Kindern nicht immer klar, wie viel Platz sie zum Überqueren der Gleise haben. Eine andere Nutzerin pflichtet ihr bei: «Ich bin beim Darüberfahren mit dem Velo auch schon auf die Strasse geraten.» Das Echo ist eindeutig: «Eine Sicherheitslinie wäre sicher sehr wünschenswert und würde vielleicht die Fussgänger und Autofahrer sensibilisieren.» Die Diskussion zeigt, dass ein solcher Vorfall die Sicherheitsmassnahmen im Strassenverkehr neu hinterfragt.

Die Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) beschäftigt sich mit solchen Präventionen. Mediensprecher Marc Kipfer betont aber: «Da der Unfall zurzeit untersucht wird, können wir die verkehrstechnische Situation bei der Thalbrücke momentan nicht kommentieren.» Die Markierung eines Gehbereichs bei einem Bahnübergang mit einem Fussgängerlängsstreifen sei aber eine Möglichkeit, die überprüft werden könnte. Markus Schindelholz, Geschäftsführer der OeBB, hat den Vorfall bereits beim Kanton gemeldet. «Wir sind darauf bedacht, solche Situationen wenn immer möglich zu verhindern.» Schindelholz befürwortet Sicherheitslinien, wie sie die Facebook-User verlangen. «Die können immer zur Orientierung im Verkehr beitragen.» Er bezweifelt aber, dass eine solche Linie den Unfall hätte verhindern können.

«Der Bub stolperte auf dem Trottoir, nicht auf der Strasse. Es war einfach grosses Unglück.» Trotzdem versichert Kantonsingenieur Peter Heiniger vom Amt für Verkehr und Tiefbau: «Die Verkehrssituation vor Ort wird neu überprüft.» Vorübergehende Sofortmassnahmen würden aber erst ergriffen, falls sich dieser Strassenabschnitt als ein klares Sicherheitsdefizit herausstelle.

Mit Kindern vorerst üben

Zwei verschiedene Faktoren haben Einfluss auf Verkehrssituationen mit Kindern. Einerseits ist dies die Infrastruktur, andererseits aber auch die Ausbildung von Verkehrsteilnehmern. «Kinder sind Kinder und keine Miniatur-Erwachsene», sagt Kipfer. «Sie sind erst daran, die sicherheitsrelevanten Kompetenzen zu entwickeln.» Kinder können die Gefahren, die im Strassenverkehr lauern, nicht oder noch nicht zuverlässig einschätzen. Auch liessen sie sich leicht ablenken, sind je nachdem noch sehr mit der Mobilität an sich beschäftigt. Kipfer rät deshalb, dass Betreuungspersonen Kinder sorgfältig in den Strassenverkehr einführen und mit ihnen ein sicheres Verhalten üben. «Aber auch diese Massnahmen können Unfälle nicht verhindern, sondern einfach das Risiko senken.»

Inwieweit die entsprechenden Massnahmen den Unfall in Balsthal hätten beeinflussen können, wird auch weiterhin unklar bleiben. Die Vergangenheit zeigt, dass der Bahnübergang bei der Thalbrücke nicht unproblematisch ist. Festzustellen, ob überhaupt ein Sicherheitsdefizit vorliegt, ist Sache der Polizei beziehungsweise des kantonalen Amts für Verkehr und Tiefbau. Weshalb der Vierjährige genau auf die Strasse und unter den Lastwagen fiel, bleibt ungeklärt. Sicher ist: Der Bub hatte einen riesigen Schutzengel.