Neuendorf
Überzeugendes Konzert des Kammerchors Buchsgau mit Solisten und Orchester

Das diesjährige Konzert des Kammerchors Buchsgau stand unter dem Titel «Wiener Klassik».

Hans-Rudolf Binz
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Buchsgauer Kammerchor und das Capriccio Barockorchester unter der Leitung von Tobias von Arb.

Buchsgauer Kammerchor und das Capriccio Barockorchester unter der Leitung von Tobias von Arb.

Hansruedi Aeschbacher

Unter der Leitung von Tobias von Arb interpretierte der Chor zusammen mit dem Capriccio Barockorchester Werke des klassischen Dreigestirns Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791), Joseph Haydn (1732–1809) und Ludwig van Beethoven (1770–1827). Wer nun allbekannte Ohrwürmer erwartete, wurde in diesem Konzert angenehm überrascht. Das Programm bot – vielleicht mit Ausnahme der C-Dur-Messe op. 86 von Beethoven – unbekannte und unkonventionelle Werke der bekannten Komponisten, nämlich das «Kyrie in d-Moll» KV 341 von Mozart, die «Sinfonie Nr. 80 in d-Moll» Hob. I: 80 und das «Te Deum in C-Dur» Hob. XIIIc: 2 von Haydn. Mit ihrer Entstehung um oder kurz nach 1780 markieren Kyrie und Sinfonie den Beginn, Te Deum und Messe, entstanden 1800 und 1807, das Ausklingen der später als «Wiener Klassik» bezeichneten Epoche. Von der intensiven Auseinandersetzung des Dirigenten mit den Werken zeugte neben der eigentlichen Aufführung auch das informative und schön gestaltete Textheft, einzig hätte angesichts der Lichtverhältnisse schwarze Druckfarbe das Lesen wesentlich erleichtert.

Präzise spielendes Orchester

Das auch in der Tonartenfolge harmonisch zusammengestellte Programm begann mit dem Kyrie von Mozart, das mit dunklen Akkorden und schmerzlichen Dissonanzen wie eine Sinfonie anfing. Das auf historischen Instrumenten musizierende Capriccio Barockorchester liess die reiche Bläserbesetzung sehr schön zur Geltung kommen. Das prägnant akzentuierende und sehr präzise spielende Orchester machte den musikalischen Satz gut durchhörbar und entfaltete die düstere Dramatik des Werks. Exakt und klanglich wohlabgewogen setzte der Chor nach der instrumentalen Einleitung ein und gab dem nach Erbarmen (eleison) rufenden Menschen bewegenden Ausdruck.
Diese Stimmung nahm die folgende Sinfonie Nr. 80 von Haydn auf, ein Werk, das die klassische Sonatenhauptsatzform bis an die Grenzen ausreizt. Im ersten Satz sind dies das Fehlen eines prägnanten Hauptthemas, ungewöhnliche Tonartenfolgen und der verfremdete Einbau eines Tanzes. Der letzte, entsprechend der Tempovorschrift «Presto» zügig interpretierte, Satz besteht fast nur aus der Verarbeitung eines von späteren Kommentatoren als «bizarr» bezeichneten Einfalls. In der Tat ist es unvorbereiteten Zuhörern am Anfang fast unmöglich, den richtigen Rhythmus zu hören, da Haydn die Akzente «gegen den Strich» setzt. Das Orchester, für welches Präzision und Tonreinheit Selbstverständlichkeiten sind, setzte mit seinem temperamentvollen Spiel all diese Eigenheiten ins beste Licht.

Was die Solisten auszeichnet

Das «Te Deum in C-Dur» von Haydn war ein Auftragswerk anlässlich eines Besuchs des Kaiserpaares bei seinem Dienstherrn, Fürst Nikolaus II. von
Esterházy. Als liturgisches Werk musste es sich in den Ablauf des Gottesdienstes einfügen, dazu hatte es natürlich der höfischen Repräsentation zu dienen. Diese Randbedingungen schlossen ein allzu experimentierfreudiges Komponieren aus. Dennoch ist ein sehr hörenswertes Werk entstanden, das Chor und Orchester Gelegenheit zur Entfaltung höfischer Pracht bot. Erstmals kamen hier nun auch die Gesangssolistinnen und -solisten zum Zug, nämlich Carmela Konrad, Sopran, Barbara M. Erni, Alt, Jakob Pilgram, Tenor, und Raphael Jud, Bass. Anders als in Oper oder Oratorium ist in der Kirchenmusik nicht solistische Brillanz gefragt, die Solisten bilden einen zweiten, kleineren Chor, der sich klanglich nicht vom Rest abheben soll. Dementsprechend ist das Haupterfordernis an das Solistenquartett klangliche Homogenität und Verschmelzungsfähigkeit. Dieser Anforderung wurden die vier genannten vollauf gerecht, was sie aber nicht daran hinderte, ihre Partien mit starkem, der Musik entsprechendem Ausdruck zu gestalten. Für den Chor bot die kunstvolle Schlussfuge «In te domine speravi» eine schöne Möglichkeit, seine polyfonen Qualitäten zu zeigen.

Enorme dynamische Bandbreite

Mit der «Messe in C-Dur» stellte sich Beethoven in die Nachfolge Haydns, wurde doch das Werk für den gleichen Auftraggeber komponiert. Es fand allerdings bei der Uraufführung wenig Beifall, weil Beethoven sich hier von der traditionellen Kirchenmusik entfernte und schon einen grossen Schritt in Richtung konzertanter Messvertonung machte. Dementsprechend ist hier auch die Funktion der Solisten gewichtiger, als Gegenpart des Chors, und die traditionellen Abläufe werden zugunsten der musikalischen Aussage manchmal verwischt. Das Werk erfordert vom Chor eine enorme dynamische Bandbreite, in den beiden Fugen, aber auch polyfone Klarheit: schöne Gelegenheiten für den Kammerchor, seinen bekannten, kultivierten Chorklang und seine gestalterischen Fähigkeiten in den Dienst grosser Musik zu stellen.