Seit fast 95 Jahren gibt es in Balsthal die Textildynastie Häfeli-Ritler. Seit 2003 ist Benedikt Ritler in der dritten Generation mit seinem Geschäft «Molto Bene!» in Balsthal an der Herrengasse 17 tätig. Doch so richtig freuen kann sich der leidenschaftliche Detailhändler momentan nicht gerade.

Zu schlecht laufen die Geschäfte derzeit. «Nicht nur bei uns», sagt er im Gespräch. «Die gesamten Detailhändler und vor allem jene in der Textilbranche leiden.» Er führt aus: «Ich habe noch keinen so enttäuschenden Januar wie diesen erlebt. Vor ein paar Tagen war ich zusammen mit meiner Mitarbeiterin in Zürich beim Einkauf für die neue Herbstkollektion. Überall der gleiche Tenor.»

Schuld an den schlechten Zahlen seien die Abwanderung der Schweizer Kunden über die Grenze und vor allem auch der Internet-Handel mit Textilien, meint Ritler. Vernimmt man die Meldung, dass beispielsweise ein Kleider-Riese wie Zalando täglich 46'000 Päckli in die Schweiz schickt, ist klar, dass es Verlierer geben muss. Doch Benedikt Ritler will nicht jammern. «Wir betreiben unseren Laden mit grosser Leidenschaft, und ich muss sagen, dass ich mich noch auf viele treue Kunden verlassen kann. Auch dank meiner langjährigen und zuverlässigen Lieferanten gibt es mich noch.»

Mode und Spezialitäten

Als er vor gut 18 Jahren das Familien-Geschäft ganz übernahm, baute Benedikt Ritler das Sortiment aus. «Ich wollte jünger, farbiger und moderner werden, aber dennoch die bewährten Artikel aus der Gründerzeit beibehalten, denn jeder Geschäftsinhaber weiss: Kunden wollen einen verlässlichen Partner.» So findet man bis heute bei «Molto Bene!» neben Anzügen, Hosen, Hemden oder Berufs- und Arbeitskleidern für Herren auch Sockenhalter, Stofftaschentücher, Unterwäsche, Hosenträger, Hüte für alle Gelegenheiten, Edelweiss- und Jodlerhemden oder Gürtel. Und dies in allen Grössen und Formen.

Bei der Damenmode, die rund 30 Prozent des Sortiments ausmacht, sind neben Hosen, Blusen, Jacken und Pullovern auch Accessoires wie Handtaschen oder Schals zu finden. Ebenfalls ist ein breites Sortiment an Jeans für Damen und Herren zu haben. «Am liebsten verkaufe ich Jeans», sagt denn auch Ritlers langjährige Angestellte, Letizia Blandini. Seit 12 Jahren ist sie mit Herzblut dabei. «Sie war eine meiner Lehrtöchter», ergänzt Ritler. Er selbst verkaufe am liebsten seine ungewöhnlichen Artikel. «Wenn jemand erstaunt ist, einen Artikel wie ein Taschen-Regenschutzhäubchen für 1.50 bei uns zu bekommen, freut mich das. Sehr gerne kleide ich aber auch einen Bräutigam ein. Es ist die Bandbreite, die mir gefällt.»

Ritler hat seine Detailhandelslehre bei Kleider Häfeli absolviert und dann viele Jahre bei Levy-Picard, Derendingen, gearbeitet. Später liess er sich zum eidgenössisch diplomierten Textilkaufmann/Detailhandelsökonomen ausbilden. «Ich arbeite jetzt schon seit 34 Jahren in der Textilbranche», erklärt der 52-Jährige. 

Strategien des Überlebens

Ritler meint, an der Lage des Geschäfts und auch an seinen Werbeanstrengungen liege es nicht, dass immer weniger Kunden im Laden anzutreffen sind. Einen professionellen Online-Shop zu führen, sei für sein Geschäft momentan nicht möglich. Allerdings sei eine Homepage vorhanden, auf welcher Informationen zu finden sind. «Wer Fragen und Anregungen hat, kann auch gerne telefonieren», meint der Geschäftsinhaber schmunzelnd.

Überlegungen, wie der Detailhandel in Balsthal belebt werden kann, gibt es. «Ich bin Vorstandsmitglied des Gewerbevereins Balsthal und führe mit meinem Sporthandelskollegen die Detaillistengruppe. Wir treffen uns regelmässig zum Gedankenaustausch, um Strategien und Ideen zu verfolgen.» Die leise Hoffnung, dass sich mit der Lancierung des Naturparks Thal etwas bewege, bestehe immer noch. Jedoch: «Gesamtschweizerisch vermisse ich den politischen Rückhalt für die Anliegen des Detailhandels».

Ritler ist überzeugt, dass es im Thal mit seinen 14 000 Einwohnern genug Potenzial hätte, um hier erfolgreich einen Laden zu betreiben. «Würden mehr Thaler ihren Batzen auch hier ausgeben, könnten wir Detaillisten alle gut leben.» Umso mehr freue es ihn, wenn Kunden aus dem Schwarzbubenland, dem Gäu oder Oberaargau den Weg ins Geschäft finden. «Viele fahren am Laden vorbei oder haben mich an einer Messe kennen gelernt und kommen dann doch mal rein und sind über unser Angebot erstaunt. Das sind jedes Mal Aufsteller.» Aufsteller seien auch die treuen Vereine oder Firmen, welche sich durch «Molto Bene!» ausstaffieren lassen. «Das gibt es zum Glück auch noch.»

Oft höre er auch, seine Kleider seien zu teuer. «Wir verkaufen Marken-Artikel. Qualität hat ihren Preis, diesen Grundsatz vergessen heute viele Leute.» Und er meint: «Ich verkaufe gute und beste Qualität in einem Mittelpreissegment. Billiganbieter gibt es genug. Zudem sind viele Verkaufspreise von den Lieferanten und Herstellern festgesetzt. Da zahlt man dann bei uns gleich viel wie im Shoppingcenter.» Seine Stärke gegenüber einem Grossanbieter sei der Kundenservice. «Wir beschäftigen eine Änderungsschneiderin, die gut und schnell arbeitet; zudem kann man bei uns auch eine Auswahl-Sendung bei Bedarf mit nach Hause nehmen.»

Wird in Zukunft der Trend zum Internet-Einkauf noch mehr zunehmen und werden damit weitere Fachgeschäfte verschwinden? Ritler ist tatsächlich eher pessimistisch. «Ein Bekannter von mir lebt in New York. Er sagt, seine Frau habe seit Jahren in keinem Laden mehr von innen gesehen.»

Noch sind wir hier; noch gibt es Kunden, die Freude haben, ein Kleidungsstück im Laden auszusuchen, es anzuprobieren, und die Spass daran haben, etwas über die Menschen im Geschäft zu erfahren. Kunden, die wissen wollen, wer ihr Geld in Empfang nimmt und damit Arbeits- und Lehrlingsplätze sichert.

woche

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