Oensingen
Trotz Gegenwind im Aufwind: Verein hilft den Dohlen mit Nistkästen an Hochspannungsmast

Der Natur- und Vogelschutzverein Oensingen hat an ungewöhnlichem Standort Nistkästen für die geschützten Dohlen aufgehängt: An einem Hochspannungsmast der SBB.

Markus Peier*
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Ein Dohlenpaar hat einen Nistkasten «erobert».

Ein Dohlenpaar hat einen Nistkasten «erobert».

zvg/Peter Bieli

Der Buchfink ist mit 1,1 Millionen Brutpaaren der häufigste Brutvogel in der Schweiz. Auch die allseits bekannte Amsel ist mit rund 500'000 Brutpaaren ein häufiger Vogel. Im Gegensatz zu diesen zwei Vogelarten ist die Dohle in der Schweiz ein seltener Brutvogel. Lediglich etwa 1100 Paare ziehen in der Schweiz ihre Jungen auf. Die Dohle ist deshalb geschützt und als nationale Prioritätsart für Artenfördermassnahmen Teil von landesweiten Anstrengungen.

In Oensingen wird der Bestand der Dohle durch den ortsansässigen Natur- und Vogelschutzverein überwacht und betreut. Für die aufmerksamen Oensinger sind die auffälligen Rufe der Dohle etwas Alltägliches. Betrachtet man deren Bestand in der Region, oder sogar im Kanton Solothurn, sind die Kolonien in Oensingen aber sehr aussergewöhnlich.

Die meisten wohnen auf dem Schloss

Die grösste Kolonie befindet sich, mit ca. 15 Brutpaaren, auf dem Schloss Neu-Bechburg. Dort sind die Dohlen seit vielen Jahren heimisch und charakteristisch für das Schloss. Ihnen wurde sogar ein Kinderbuch gewidmet. Dem Schlosswart sind diese intelligenten Rabenvögel so ans Herz gewachsen, dass er ihnen jeden Morgen ein Liedchen vorsingt, bevor sie zur Nahrungssuche auf die Felder fliegen. Er ist überzeugt, dass sie erst nach seinem Gesang zum Frühstück aufbrechen, geführt von einer Leitdohle. Christoph Vogel, Mitarbeiter der Vogelwarte Sempach und Verantwortlicher des Dohlenmonitorings der Vogelwarte, berichtete den Oensinger Ornithologen, dass der Bruterfolg der seltenen Dohle gesteigert werden kann, wenn Brutplätze und Nahrungsgründe nahe beisammen liegen.

Diesen Input nahmen sich die Oensinger Ornithologen zu Herzen und suchten geeignete Standorte, um dort für die Dohle Nistkästen anzubringen. Auf den Oensinger Felder, Hauptnahrungsgebiet der Dohle, stehen mehrere Hochspannungsmasten der SBB. «Dies wäre doch ein idealer Dohlenbrutplatz», dachten sich die Oensinger. Via Vogelwarte Sempach wurde die SBB um Erlaubnis gebeten, an ihren Masten Dohlenkästen aufzuhängen. Sehr unbürokratisch und «dohlenfreundlich» willigte die SBB ein und die Oensinger Dohlenfreunde hängten fünf Nistkästen auf. Dies geschah im März 2020. Bereits im Sommer desselben Jahres wurden in zwei Nistkästen junge Dohlen aufgezogen. Welch eine Freude.

Zwei tote Dohlen aufgefunden

Getrübt wurde die Freude leider schon im Mai 2020. In unmittelbarer Nähe der Nistkästen wurden auf einem Feld tote Rabenkrähen und zwei tote Dohlen aufgefunden. Die Abklärungen ergaben, dass die Vögel geschossen wurden. Die toten Vögel wurden dem Kantonalen Amt für Wald, Jagd und Fischerei übergeben. Ermittlungen sind am Laufen.

Trotz dieses unerfreulichen Zwischenfalls werden die Oensinger Ornithologen an mindestens drei weiteren Starkstrommasten der SBB Dohlennistkästen montieren, um diesem Rabenvogel unter die Flügel zu greifen.

*Markus Peier ist Präsident des Natur- und Vogelschutzvereins Oensingen.