Deutsch-Regel
Sprachen sind nicht per Gesetz einzufordern

Eine Analyse zur Sprachenregelung an der Primarschule Egerkingen.

Philipp Felber
Philipp Felber
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Hier im Schulhaus Kleinfeld gibts auch in Zukunft keinen Deutschzwang.

Hier im Schulhaus Kleinfeld gibts auch in Zukunft keinen Deutschzwang.

Bruno Kissling

Es muss Deutsch gesprochen werden in unseren Gefilden. Das war die klare Ansage, die der Egerkinger Gemeinderat mit der ersten Version der Bestimmungen rund um den Schulalltag gemacht hat. Damals wurde Integration der Kinder als Hauptintention ins Feld geführt. Die Schule verliere auf diese Weise ihre diesbezügliche Funktion, wenn sich am Schluss die deutschsprachigen Kinder anzupassen hätten, liess sich Johanna Bartholdi zitieren. Diese Forderung ist durchaus verständlich und es ist denkbar, dass Integration leichter fällt, wenn nicht-deutschstämmige Kinder in einem Umfeld aufwachsen, in dem auch in der Schule permanent Deutsch gesprochen wird. Aber es gibt keine Garantie.

Nach der Intervention von SP-Kantonsrätin Franziska Roth wurden die Bestimmungen vom Gemeinderat überarbeitet. Darin steht nun nicht mehr sakrosankt, dass Deutsch gesprochen werden muss. Sondern, dass Deutsch (oder eine andere unterrichtete Sprache oder Schweizer Dialekt) gesprochen werden soll. So sah es auch der Regierungsrat vor. Doch der Zusatz, in dem klargemacht wird, dass Alter und Kenntnisstand der deutschen Sprache der Kinder berücksichtigt werden, macht stutzig. Warum braucht es bei einer Soll-Formulierung die Berücksichtigung von Alter und Kenntnissen? Ganz einfach, weil die Gemeinde Egerkingen gar keine Abschwächung der Ursprungsfassung will. Nicht aus Gründen der Integration; nein, der Grund für dieses Regelwerk sind offensichtlich Fälle von Ausgrenzungen deutschsprachiger Kinder. Also Mobbing. Nicht Integration. Ansonsten wäre dieser Passus schlicht sinnfrei.

Darum ändert nun auch die entscheidende Frage: Kann der allgemeine Gebrauch der deutschen Sprache Mobbing verhindern? Das zu glauben, ist schlicht illusorisch. Bloss diese Art von Mobbing kann eventuell eingedämmt werden. Dass es damit keine Grüppchen mehr gibt, die andere ausgrenzen, ist illusorisch. Dass es keine Aussenseiter mehr gibt, ist illusorisch. Um solche Probleme anzugehen braucht es Gespräche und kein Gebot, das mit dem angehängten Strafenkatalog halt trotzdem wie ein Verbot daherkommt. Und wer sorgt für die Umsetzung des Gebots? Dieselbe Lehrerschaft, die laut Bartholdi nicht Polizei spielen will, wenn ein Kind mit dem Auto in die Schule gefahren wird? Ja, diese Lehrerschaft muss dann wohl Polizei spielen.

Was also will der Egerkinger Gemeinderat? Ein klares Zeichen setzen, es soll sich doch bitte anpassen, wer in die Schweiz kommt? Wohl schon. Aber es scheint vor allem ein Zeichen der Verzweiflung zu sein. Eine Verzweiflung, die sich aus dem Umstand nährt, dass in einigen Klassen bis zu 70 Prozent ausländischstämmige Kinder sind. Und es offenbar Fälle gab, in denen Schweizer Kinder unter die Räder kamen. Ja, das darf nicht sein. Nicht weil die Kinder aus der Schweiz stammen, sondern weil niemand unter die Räder geraten sollte. Ausgrenzung hat aber auch mit der normalen Gruppenbildung im Kindesalter zu tun. Ob sich die Gruppen wirklich darum zusammenfinden, weil sie aus dem gleichen Land stammen, ist fraglich.

Man mag ja auch nicht einfach jeden Schweizer, nur weil er Schweizer ist. Fühlt sich ein Kind ausgegrenzt, bleibt das auch so, wenn Deutsch gesprochen wird. Die Sprache ist nur das vordergründige Mittel zur Ausgrenzung und nicht die Ursache. Deshalb ist es falsch, die Sprachenwahl mit Sanktionen zu steuern, und sei es auch nur, wenn wirklich auf diese Art und Weise ausgegrenzt wird. Die Egerkinger Lösung ist schlicht zu einfach gedacht. Den Schwarzen Peter auf die ausländischen Schülerinnen und Schüler schieben und als Heilsbringer die deutsche Sprache ins Feld führen löst das Problem nicht. Dieses Problem löst nur die Lehrperson in enger Zusammenarbeit mit den Eltern und ja, den Schülerinnen und Schülern.

Gibt es zudem ein westliches Land, das von den Immigranten verlangt, die Landessprache auch in der Freizeit zu sprechen? Und damit die Muttersprache unter Bestrafung stellt? Wohl kaum. Klar, in Egerkingen ist diese Forderung nur noch als Gebot formuliert, aber mit der klaren Androhung von Strafen wird der Eindruck vermittelt, dass es sich halt trotzdem um ein Verbot handelt. Das ist gewollt. Widerspricht aber trotzdem jeglichem Grundsatz der Sprachenfreiheit. Hier missbraucht der Gemeinderat seine Macht. Auf gesetzlicher Ebene den persönlichen Sprachgebrauch zu regeln, geht zu weit. Dadurch wurde eine grundsätzliche Sprachenfrage lanciert, die weitreichendere Konsequenzen auslösen kann. Die Forderung nach dem permanenten Gebrauch von Landessprachen in der Öffentlichkeit zum Beispiel. Doch stellen Sie sich vor, Sie wandern nach Amerika aus und werden gezwungen, in der Öffentlichkeit Englisch zu sprechen. Das würden Sie kaum goutieren. Warum auch? Klar, um sich in einer Gesellschaft zu integrieren ist es sinnvoll, wenn man eine Landessprache spricht. Aber den Sprachgebrauch per Gesetz einzufordern, ist einem Rechtsstaat nicht würdig. Und solche Diskussionen wurden ausgerechnet von einem Gremium ausgelöst, das in der Mehrheit in der FDP zu Hause ist. Einer Partei, die für freiheitliches Denken und Handeln steht.

philipp.felber@azmedien.ch

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