Spielbude.ch
Spielrausch aus dem hinteren Thal: das Online-Geschäft boomt auch bei kleinen Fachläden

Als Nicole Germann in Welschenrohr die Seite Spielbude.ch lancierte, war der Online-Handel fast noch visionär. Nun gehört sie im Schatten der Online-Giganten zu den Profiteurinnen des Corona-Stillstands.

Yann Schlegel
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Nicole Germann in ihrer «Spielbude» in Welschenrohr. «Uns gäbe es schon seit einiger Zeit», sagt sie.

Nicole Germann in ihrer «Spielbude» in Welschenrohr. «Uns gäbe es schon seit einiger Zeit», sagt sie.

zVg

Viel war die Rede von den internationalen Onlinehändlern, die in den vergangenen zwei Monaten stark wuchsen und neue Stellen schufen. Die Giganten des Internets sind die grossen Profiteure der Coronakrise. Aber im Schatten der Grossen konnten auch kleinere Onlineläden vom Stillstand und den Ladenschliessungen profitieren. «Viele Menschen, die anriefen sagten, sie würden lieber bei einem kleinen Betrieb bestellen, als bei den grossen Versandhäusern», erzählt Nicole Germann.

Die kühne Idee im hinteren Thal, einen Spielladen zu eröffnen, lancierte die Welschenrohrerin gemeinsam mit ihrem Schwager Ivan Schwab-Germann im Jahr 2008. Fernab von urbanen Zentren ein Spezialgeschäft? Germann hatte eben aufgehört, auf der Post zu arbeiten. «Du hast doch jetzt Langeweile», habe ihr der Schwager damals gesagt. Beide spielten sie gerne – so machten sie aus ihrem Hobby eine Geschäftsidee. Vor zwölf Jahren fast noch visionär, bauten sie wohlwissend, dass der Laden nicht stark frequentiert würde, das Onlineportal Spielbude.ch auf. «Wir waren fast der einzige Online-Spielshop der Schweiz», erzählt Germann. Der Spielladen blieb all die Jahre dennoch mehr Hobby als Haupterwerb.

Geöffnet ist er normalerweise nur am Mittwochnachmittag oder auf Vereinbarung. Der physische Spielladen an Welschenrohrs Hauptstrasse gerät gern in Vergessenheit. «Uns gäbe es schon seit einiger Zeit», sagt Germann wohl nicht ganz unbewusst im Konjunktiv. Selbst im Thal sei das Potenzial nicht ausgeschöpft. Oft höre sie sagen: «Ah, hier hinten gibt es einen Spielladen?» Hingegen kommen vereinzelt eingefleischte Spieler sogar aus Züricher oder Bern bis nach Welschenrohr. «Weil wir ein riesiges Sortiment haben und Spiele verkaufen, die du nicht überall finden kannst», sagt Germann. «Das ist unsere Stärke.» Die Spielbude bezieht ihre Artikel wenn immer möglich bei Schweizer Verlagen. Einige Spiele, die hierzulande nicht erhältlich sind, importiert Germann auch aus Deutschland.

Trotz breitem Sortiment im Laden in Welschenrohr, ist die Abhängigkeit vom Online-Verkauf gross. Mit dem vielseitigen Angebot kann die Welschenrohrerin zwar auch im Netz punkten, aber die in den letzten Jahren stark gewachsenen Onlineportale drücken den Preis. Sie müsse «bi de Lüt si», sagt Nicole Germann, die 90 bis 95 Prozent ihrer Ware über die Website verkauft. «Im März haben wir den Lockdown richtiggehend gespürt, bei uns stiegen die Bestellungen rasant an», sagt Germann. Die Spielwarenhändlerin erzielte so viel Umsatz, wie sonst nur zu Weihnachten. Über 1000 Spiele verkaufte die Spielbude bereits im März. Im April waren es gar 1300 Stück – Lieferengpässe hatte die Spielbude aber nicht. Im Lockdown waren Spiele wie «Kitchen Rush», das Brettspiel rund ums Kochen, das Partyspiel «Just One» und das gesellige Kartenspiel «Skyjo» am gefragtesten. Dass nun die Ladenöffnungen vom 11. Mai kurz bevorstehen und der Stillstand schrittweise endet, spürt Germann im hinteren Thal in diesen Tagen. Die Zahl der Bestellungen sei wieder rückläufig.

In der Coronakrise blieb Nicole Germann trotz dem grossen Ansturm Zeit, ihrem Hobby nachzugehen: nämlich selber Spiele zu spielen. «Wir haben in der Familie fast jeden Abend ein Spiel gespielt», sagt sie. Ihr Lieblingsspiel: «Stoneage». Zurück in die Steinzeit zu den Jäger und Sammlern.