Im Jahr der grossen Jubiläen zur Schweizer Geschichte (1315, 1515, 1815) steuert auch das Gäu einen weiteren runden Geburtstag bei. Denn vor genau 600 Jahren teilten sich die beiden Städte Solothurn und Bern den gemeinsamen Besitz der Herrschaften Bechburg-Fridau und Bipp-Wiedlisbach/Erlinsburg. Heute bemüht man sich um eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit, um eine gemeinsame räumliche Entwicklung.

Bipperamt zu Solothurn

Dieser Teilung ging allerdings ein anderer Handel voraus, auf den auch kurz eingegangen werden soll: Der in finanzielle Not geratene Graf Otto von Tierstein-Farnsburg verkaufte 1411 zum Preise von 4540 Gulden (ca. 2,4 Millionen Franken) alle seine Rechte über die Herrschaften Bipp, Wiedlisbach und Erlinsburg (das heutige Bipperamt) an Solothurn. Im folgenden Jahr liess sich die Stadt den Kauf noch einmal schriftlich bestätigen, sodass sie nun fest der Ansicht war, alleinige Besitzerin dieser Landschaft zu sein. Dem widersetzte sich aber hartnäckig das mächtige Bern. Es war nicht gesonnen, auf seine nur dürftig begründeten Ansprüche und das vor langer Zeit gratis erworbene Pfandlosungsrecht zu verzichten. Die beiden Städte übertrugen die Streitfrage im Jahr 1413 einem vorwiegend aus Vertretern der Urkantone zusammengesetzten eidgenössischen Schiedsgericht.

Bechburg als magere Kriegsbeute

Machtpolitische Rücksichtnahme gegenüber dem Bundesgenossen Bern gaben sicher den Ausschlag. Nach einem «salomonischen» Urteil wurde das Bipperamt eine gemeine Herrschaft der beiden Städte, Bern musste allerdings noch die Hälfte der Kaufsumme nachzahlen.

Im April 1415 besetzten die Berner, kräftig unterstützt durch ein Kontingent Solothurner Truppen, den grössten Teil des heutigen Kantons Aargau. Über die Teilung der Beute gibt leider keine Urkunde Auskunft. Mit Sicherheit kam aber Solothurn bei der Aufteilung der habsburgischen Lande wieder zu kurz, während sich Bern brüstete, in 17 Tagen 17 Städte und Burgen erobert zu haben. Einzig taucht ab diesem Jahr Solothurn als Teilhaber an der Herrschaft Bechburg-Fridau auf, die Bern kurz zuvor von Konrad von Laufen gekauft und der im folgenden Jahr noch die beiden Buchsiten und Kestenholz beigefügt hatte.

Der Landvogt auf Bechburg residierte nun über ein Gebiet von Oensingen bis Olten, ausgenommen das äussere Amt Falkenstein mit den Dörfern Egerkingen, Härkingen, Neuendorf und bis 1519 Wolfwil, die bereits zu Solothurn gehörten. Im Wechsel von durchschnittlich drei Jahren amteten nun auf den Schlössern Bipp und Bechburg ein Solothurner und ein Berner Landvogt über die gemeinen Herrschaften. Vor genau 600 Jahren gehörten demnach auch die Gäuer zeitweise schon zu den Eidgenossen, während die Solothurner noch bis 1481 warten mussten.

1463 ganz zu Solothurn

Obwohl sich Solothurn widersetzte, begehrte Bern schon 1460 die Teilung der beiden gemeinen Herrschaften. Da Bechburg wegen höherer Einkünfte auch höher eingeschätzt wurde, sollte der zukünftige Besitzer ein Aufgeld von 500 Gulden (ca. 270 000 Franken) bezahlen. Bern glaubte, dass sich Solothurn für Bipp entscheiden würde. Nach langen, zum Teil hitzigen Verhandlungen fiel am 23. Mai 1463 in Solothurn die Entscheidung. Die Stadt wählte Bechburg wohl aus territorialpolitischen Gründen, denn ohne Bechburg wären Olten und das Niederamt vom übrigen Landesteil ganz abgetrennt worden, und der Kanton hätte wegen seines «lieben» Nachbarn eine noch bizarrere Form erhalten.

Seit 1463 gehört nun das grosse, fruchtbare und verkehrspolitisch wertvolle Gäu zum Stande Solothurn. Nur schade, dass das Bipperamt mit dem schönen Städtchen Wiedlisbach 1413 dem machthungrigen Bern geopfert werden musste. (Bruno Rudolf)

Nicht überall geht's gleich gut

Im Gegensatz zur Situation vor 600 Jahren zeigt ein Blick in die jüngere Vergangenheit, dass nicht der Obrigkeit, sondern eher der Basis die Kantonsgrenze zu schaffen macht. Man machte und macht grenzüberschreitende Projekte. Einige wurden umgesetzt, andere blieben auf der Strecke und wieder andere haben sich verändert oder Spuren hinterlassen. Das jüngste in die Tat umgesetzte Projekt ist die Verlängerung der asm-Linie beziehungsweise des Bipperlisi ab Niederbipp nach Oensingen. Am 18. Oktober 2012 wurde die Strecke eingeweiht. Die Idee zur Verlängerung wurde erst belächelt, doch unterdessen sind die Fahrgastzahlen laut Aare Seeland mobil kontinuierlich angestiegen, man ist zufrieden.

18. Oktober 2012: Bei der Eröffnung wird die Zusammenarbeit Bern–Solothurn demonstriert: Ulrich Steinmann (asm), Regierungsrat Walter Straumann, Regierungsrätin Barbara Egger, Robert Sutter und Fredy Miller (beide asm, v.l.).

18. Oktober 2012: Bei der Eröffnung wird die Zusammenarbeit Bern–Solothurn demonstriert: Ulrich Steinmann (asm), Regierungsrat Walter Straumann, Regierungsrätin Barbara Egger, Robert Sutter und Fredy Miller (beide asm, v.l.).

Bank, Lernverbund, Inova

2008 erfolgte der Start zur Raiffeisenbank Gäu Bipperamt, zu dessen Geschäftskreis heute 16 Gemeinden gehören. Gar ins Jahr 1974 zurück reichen die Wurzeln des Industrie- und Handelsvereins Thal-Gäu-Bipperamt, ihm gehören aktuell 130 Firmen an. Ein weiteres, erfolgreich umgesetztes Projekt ist der Berufslernverbund Thal-Mittelland, gestartet als Berufslernverbund Thal-Gäu-Bipperamt. Nicht durchsetzen konnte sich die Inova, eine Leistungsschau von Firmen und Dienstleistungsbetrieben aus Thal, Gäu und Oberaargau. Die erste Auflage im Jahr 1998 auf dem ehemaligen Renault-Areal in Oensingen war zwar vielversprechend, doch schon die zweite entsprach nicht mehr den Vorstellungen.

Die «Virtuelle St@dt»

Die Erkenntnis, dass die drei Teilregionen – bernischer Oberaargau, Thal und Gäu – eine Art Schicksalsgemeinschaft bilden, lieferte im Jahr 2000 den Anstoss zur Gründung der «Virtuellen St@dt» Thal-Gäu-Oberaargau. Dabei ging es nicht um eine Stadt aus Stein, sondern um ein Netzwerk für eine (damals) 100 000 Einwohner zählende Region. Kleinräumige Strukturen sollten überwunden und Kräfte gebündelt werden, damit die drei Teilregionen im Wettbewerb der Standorte insgesamt besser positioniert sind. Unter anderem machte man sich stark für die Verlängerung der Bipperlisi-Strecke nach Oensingen. Die Aktivitäten sind allerdings längst eingestellt, die Genossenschaft Virtuelle Stadt Thal-Gäu-Oberaargau ist aber erst im Mai 2013 aus dem Handelsregister gelöscht worden.

Eine Firma – zwei Gemeinden
Mehrere Anläufe waren nötig, um die räumliche Entwicklung gemeinsam anzugehen, damit einhergehend die verkehrstechnische Erschliessung bezüglich Industrie. Diesbezüglich haben die Gemeinden Wangen a/A, Wiedlisbach, Oberbipp, Niederbipp und Oensingen im August letzten Jahres eine interkantonale Vereinbarung unterzeichnet. Wie wichtig eine einvernehmliche Planung ist, zeigt sich zum Beispiel bei den Ausbauplänen der Voigt Industrie Service AG. Das Logistik-Unternehmen hat seinen Firmensitz auf Niederbipper Boden, möchte aber nun in den nächsten Jahren expandieren, wobei ein Teil der Gebäude auf Boden der Gemeinde Oensingen zu stehen kämen. Es ist das erste derartige grenzüberschreitende Projekt im betroffenen Industriegebiet. Man darf gespannt sein, wie gut die Umsetzung gelingt. (Alois Winiger)